National Geographic Magazin
Juni 2017
Warum wir lügen
by Redaktion National Geographic Magazin
Lügendetektor, fotografiert im National Museum of American History, Smithsonian Institution, in Washington D. C.
Bild von Dan Winters

Wir leben in einer Welt, in der eine wachsende Anzahl von Unwahrheiten unseren Alltag und unser Leben bestimmt. Selbst Fakten helfen nicht immer gegen diese Lügen. Wie soll man dieser Entwicklung begegnen?

Unsere Titelgeschichte im Juni:

Fest steht: Gelogen wurde schon immer. Es gibt Kriminelle, die andere täuschen, um sich Vorteile zu verschaffen – wie etwa der Finanzmakler Bernie Madoff, der jahrelang Investoren um Milliarden Dollar betrog, bis sein Lügenkonstrukt zusammenfiel. Es gibt Politiker, die lügen, um an die Macht zu kommen oder sich diese zu sichern. Ein berühmtes Beispiel ist der Fall von US-Präsident Richard Nixon, der leugnete, in den Watergate-Abhörskandal involviert zu sein. Manchmal lügen Menschen auch, um ihr Image aufzupolieren. Vielleicht erklärt das am besten die nachweislich falsche Behauptung von US-Präsident Donald Trump, die Menschenmenge bei seiner Amtseinführung sei größer gewesen als bei Barack Obamas erster Vereidigung.

Sogar in der Wissenschaft – einer Welt, in der Menschen arbeiten sollten, die sich dem Streben nach der Wahrheit verschrieben haben – tummeln sich Schwindler wie der deutsche Physiker Jan Hendrik Schön, dessen Durchbruch in der Erforschung organischer Halbleiter sich 2002 als Betrug erwies.

Aber auch im Alltag wird fleißig geflunkert: Wir produzieren kleine und große Lügen, gegenüber Fremden, Mitarbeitern, Freunden und unseren Lieben. Unser Talent, die Unwahrheit zu verbreiten, ist ebenso naturgegeben wie unser Bedürfnis, anderen Menschen zu vertrauen. Dies macht es uns ironischerweise schrecklich schwer, Lügen auch als solche zu erkennen. Der Betrug liegt uns gewissermaßen im Blut – so sehr, dass man behaupten könnte, er gehöre zum Menschen einfach dazu.

Tatsächlich versuchen Sozial- und Neurowissenschaftler, Wesen und Wurzeln dieses Verhaltens zu erforschen. Wie und wann lernen wir zu lügen? Was sind die psychologischen und neurobiologischen Grundlagen für die allgegenwärtige Unehrlichkeit? Und welche Lügen werden von der Gesellschaft sanktioniert?

Forscher haben außerdem festgestellt, dass wir dazu neigen, manche Lügen zu glauben, selbst wenn diese faktisch widerlegt sind. Der Mensch ist empfänglich für Täuschungsmanöver – das sieht man auch an der Debatte über den Einfluss von „Fake News“ auf richtungsweisende Wahlen.

Im Zeitalter der sozialen Medien und digitalen Manipulation ist unsere Fähigkeit, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden, akut bedroht.

Lügen lernen ist eine natürliche Entwicklungsstufe des Menschen. An der University of Toronto überwacht Darshan Panesar (l.) mithilfe einer sogenannten funktionellen Nahinfrarotspektroskopie die Hirnaktivität der neunjährigen Amelia Tong.
Bild von Dan Winters