Editorial

Autor: Florian Gless

Liebe Leserin, lieber Leser,

Florian Gless

Bild: Christian O. Bruch Vergrößern

die Wildnis lockt, mehr denn je. Vor Kurzem fand in Köln die Gamescom statt, die größte Messe für Computerspiele weltweit. Hunderttausende Besucher drängten sich in wenigen Tagen durch die Messehallen, um in andere Welten abzudriften. Und egal, ob im unheimlichen Fantasy-Wald oder im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts – die Perfektion der computergenerierten Wirklichkeit ist verblüffend. Umso mehr, als die neuen VR-Brillen unserem Gehirn das umfassende Eintauchen in Parallelwelten ermöglichen. Wir sind im Hier und Jetzt, aber wir sehen uns woanders.

Das Paradoxe ist: Je mehr unser Leben von Technik geprägt wird, desto intensiver wird unsere Sehnsucht nach dem echten Erlebnis. Noch gibt es keinen Bildschirm, der Sinnlichkeit vermitteln kann. Erste Versuche, Emotionen im virtuellen Raum zu erzeugen, erfordern enormen technischen Aufwand. Die Maschine verschafft uns keine Gänsehaut.

Was ist dagegen der Abend auf einem Gipfel im Allgäu, wie ihn unser Titelbild zeigt? Wie unmittelbar wirkt die Natur da auf alle unsere Sinne?

Nicht zufällig hat sich gerade ein neues Genre in der Literatur etabliert. Aus England kommt das Nature Writing: Schriftsteller schildern ihre Erlebnisse in der freien Natur und finden Tausende Leser. Auf Platz eins und zwei der deutschen Bestsellerliste stehen zwei Bücher des Försters Peter Wohlleben, der über die Gefühlswelt von Bäumen und Tieren schreibt. Es gibt neue Outdoor-Magazine und Wildnis-Dokumentationen auf DVD. Je mehr wir uns von der Natur da draußen entfernen, desto größer wird unsere Sehnsucht nach ihr. In dieser Ausgabe entführen wir Sie in Gegenden, in die kaum je ein Mensch vordringt: Zusammen mit Experten und Rangern war unser Reporter Marcus Jauer in Kernzonen von Nationalparks und Naturschutzgebieten. Er fand dort das Ursprüngliche, das Ungezähmte, das Wilde. Und er sagt, er sei nach dieser Recherche ein anderer Mensch.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Florian Gless


(NG, Heft 10 / 2016, Seite(n) 3)