Editorial

Autor: Florian Gless

Liebe Leserin, lieber Leser,

Florian Gless

Bild: Christian O. Bruch Vergrößern

müssen wir überallhin? Seit Hunderttausenden Jahren verbreitet sich der Homo sapiens auf der Erde. Er hat die Kontinente erobert, die Meere überquert, die Schwerkraft besiegt und sogar den Mond betreten. Nichts hält ihn auf, kein Naturgesetz scheint ihm unüberwindbar.

In dieser Ausgabe berichtet die deutsche Geophysikerin Christiane Heinicke von ihrem Jahr in einer abgeschotteten Forschungsstation auf Hawaii. Sechs Wissenschaftler haben dort die psychosozialen Prozesse (und Probleme) eines Aufenthalts auf dem Mars simuliert.

Die großen Raumfahrtnationen planen die Reise zu unserem Nachbarplaneten ab dem Jahr 2030, dann sollen die letzten technischen Hindernisse aus dem Weg geräumt sein. Was suchen wir dort? Einen Notausgang, sagt Heinicke, „für den Fall, dass die Erde – warum auch immer – unbewohnbar wird.“ (Im November werden Sie dazu eine Titelgeschichte lesen können, die von einer sechsteiligen TV-Serie auf dem NATIONAL GEOGRAPHIC CHANNEL begleitet wird.)

Mein Kollege Kevin Fedarko berichtet aus dem Grand
 Canyon von Plänen, in dieser weltweit einzigartigen Wildnis eine Seilbahn zu bauen,
die Zehntausende Touristen auf den Grund
der Schlucht bringen soll. Die Investoren
hoffen auf gute Geschäfte und Arbeitsplätze,
insbesondere für die in den Reservaten lebenden Ureinwohner. Die möglichen Nebenwirkungen auf die menschenleere Natur beeindrucken sie nicht.

Genauso wenig wie die argentinische Regierung, die von 2018 an den ersten Linienflugverkehr in die Antarktis einrichten will. Anderthalb Stunden soll die Reise von Ushuaia zur nationalen Forschungsstation Marambio dauern, dort sollen zehn Prozent der vorhandenen Unterkünfte für Touristen zur Verfügung stehen. „Hotelurlaub“ in einer faszinierenden, aber lebensfeindlichen Natur.

Was treibt den Menschen, immer weiter vorzudringen? Wenn wir nicht lernen, mit dem zufrieden zu sein, was wir haben, werden wir den Flug zum Mars früher antreten müssen, als uns lieb ist.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Florian Gless


(NG, Heft 08 / 2016, Seite(n) 5)