Editorial

Autor: Florian Gless

Liebe Leserin, lieber Leser,

Florian Gless

Bild: Christian O. Bruch Vergrößern

manche Bilder treffen mitten ins Herz. Das afghanische Mädchen, das Steve McCurry 1984 in einem pakistanischen Flüchtlingslager fotografierte, ist so ein Foto. Im Juni 1985 war es auf dem Cover von NATIONAL GEOGRAPHIC und
 ging um die Welt: In den grünen Augen der 12- oder 13-jährigen (zum Zeitpunkt der Aufnahme) Sharbat Gula spiegelte sich das ganze Elend der Menschen, die ihr Heimatland auf der Flucht vor den russischen Besatzern verlassen mussten. Auch wenn wir das Foto hier nicht zeigen, bin ich sicher, dass Sie es trotzdem gerade vor sich sehen. Und das macht ein gutes Foto aus. Es bleibt.

In dieser Ausgabe drucken wir auf Seite 67 ein Bild, das sicherlich nicht die aktuell-politische Bedeutung von McCurrys Bild erreicht, aber durchaus zum Symbol für die Bedrohungen indigener Völker werden kann – und das ähnlich intensiv ist. Wieder ist ein junges Mädchen zu sehen, das den Betrachter direkt anschaut, etwas zögerlich, aber sehr offen. Es steht bis zum Hals in einem Gewässer, mitten auf seinem Kopf thront ein zahmer Braunrückentamarin, der sich in den schwarzen Haaren festhält und ebenfalls direkt in die Kamera blickt.

Das Mädchen heißt Yoina Mameria Nontsotega, es ist zehn Jahre alt und gehört zu einer Gruppe der Machiguenga, die im Manú-Nationalpark in Peru leben.

Yoinas Geschichte ist tragisch. Einen Monat nachdem Charlie Hamilton James sie fotografiert hatte, starb ihre Mutter nach der Geburt des neunten Kindes. Eine Tante adoptierte sie und das Baby, Yoina rasierte sich in ihrer Trauer den Kopf. Kurz danach kippte ihr Haustier-Tamarin einen Topf kochenden Wassers auf sich und starb an den Verbrühungen.

Einige Monate später traf unsere Reporterin Emma
Marris Yoina. Die Haare des Mädchens waren gewachsen,
und als es das Foto von sich und dem Äffchen sah, musste Yoina lächeln.

Unsere Reportage über die Menschen in Yoinas Heimat erzählt von einem Leben zwischen Hoffnung und Bedrohung. Wir tun alles, um Ihnen solche Geschichten von bemerkenswerten Menschen und Orten nach Hause zu bringen. Unsere Überzeugung bleibt, dass gute Geschichten uns zusammenbringen, auch im Ringen um das oft Unbegreifliche, das auf der Welt passiert. Ob es der Krieg in Afghanistan war – oder die Auseinandersetzung um den Erhalt eines der letzten Paradiese der Erde. Danke, dass Sie NATIONAL GEOGRAPHIC lesen.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Florian Gless


(NG, Heft 06 / 2016, Seite(n) 5)