Editorial

Autor: Florian Gless

Liebe Leserin, lieber Leser,

Florian Gless

Bild: Christian O. Bruch Vergrößern

Geschlecht ist nicht gleich Geschlecht. Im Englischen spricht man von sex oder gender, im Deutschen gab es diesen Unterschied nicht, es gab nur „das Geschlecht“. Inzwischen hat auch der Duden den Begriff Gender aufgenommen und definiert ihn als „Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie“. Das bedeutet, dass das Geschlecht eines Menschen nicht nur über biologische Merkmale zugeordnet wird – also über die Geschlechtsorgane (sex). Sondern dass biologische, soziale und kulturelle Faktoren das Verständnis eines Menschen über sein Geschlecht prägen (gender). Als was fühlt er oder sie sich? Als Mann oder als Frau? Oder umgekehrt? (Es gibt noch weitere Varianten. Wir werden sie in unserem Januar-Heft vorstellen.)

Wir haben gelernt, dass das Geschlecht durch die Chromosomen XX und XY bestimmt wird. Neue Forschungen belegen, dass es so einfach nicht ist. Auch das erklären wir in unserer Sonderausgabe.

Somit wird auch die Unterscheidung in Mann und Frau zu einer verwirrenden Angelegenheit. Die Frau auf unserem Cover war bis vor knapp drei Jahren ein Mann. Andrej Pejić, geboren in Bosnien, sorgte für Furore in der Modewelt, als er 2011 ein Brautkleid auf dem Laufsteg präsentierte. Pejić hat ein wunderschönes Gesicht, das ihn zu einem der begehrtesten Models macht – als Frau, nicht als Mann. Er selbst wollte immer eine Frau sein und hat sich 2014 einer operativen Geschlechtsanpassung unterzogen. Heute heißt sie Andreja und sagt: „Ich fühle mich so wohl wie noch nie.“

Weil dieses Thema kompliziert ist, Verständnis und Toleranz einfordert und unser Zusammenleben neu bestimmen wird, widmet NATIONAL GEOGRAPHIC ihm diese gesamte Ausgabe.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Florian Gless


(NG, Heft 01 / 2017, Seite(n) 3)