Editorial

Autor: Florian Gless

Liebe Leserin, lieber Leser,

Florian Gless

Bild: Christian O. Bruch Vergrößern

das Strafgesetzbuch, Paragraf 292, regelt die Sache eindeutig: Bis zu fünf Jahre Haft drohen demjenigen, der „dem Wild nachstellt, es fängt, erlegt oder sich oder einem Dritten zueignet“.

Und dennoch registriert das deutsche Bundeskriminalamt jedes Jahr bis zu tausend Wildereidelikte. Die Dunkelziffer ist hoch, manche Schätzungen reichen bis zu 10.000 Taten pro Jahr.

Die modernen Wilderer benutzen Präzisionsbögen. Sie schießen mit abgesägten Flinten oder selbst gebauten Stahlschleudern. Vor allem Kleinkalibergewehre, deren Schussgeräusch leiser ist, verursachen üble Verletzungen: Sie töten nur bei präzisem Treffer ins Herz oder in die Lunge – ansonsten flieht das Tier zum Teil schwer verletzt und stirbt einen manchmal tagelangen qualvollen Tod.

Was treibt die Wilderer an? Ganz einfach: Gier. Das Geweih eines Hirsches bringt mehrere Tausend Euro, das Fleisch eines Rehs ist mehrere Hundert Euro wert.

Es gibt aber auch Täter, denen es einfach nur Vergnügen bereitet, auf lebende Ziele zu schießen.

Und dann ist da noch die Angst: Zu den begehrtesten Beutetieren der Wilderer gehören Wölfe und Luchse, die seit einigen Jahren zu uns zurückkehren und streng geschützt sind. Diese Raubtiere lösen offenbar Urängste aus, sie werden nicht nur getötet, sondern manchmal regelrecht abgeschlachtet. Die Biologin Sybille Wölfl, die das Luchsprojekt im Bayerischen Wald leitet, erzählte meiner Kollegin Ines Bellinger von vier abgeschnittenen Luchs-Vorderbeinen, die man unweit ihres Hauses abgelegt hatte.

Was sind das für Menschen, die sich mit solchen Taten ihrer Überlegenheit gegenüber der Natur vergewissern müssen?

Danke, dass Sie NATIONAL GEOGRAPHIC lesen.
Ihr Florian Gless


(NG, Heft 02 / 2017, Seite(n) 3)