Alzheimer möglicherweise angeboren

Quelle: ddp
Nervenzellen

Bild: Shutterstock / Sebastian Kaulitzki Vergrößern

Hirnforscher kommen der Alzheimer-Erkrankung langsam auf die Spur. Bislang sind aber noch viele Fragen offen.

Bisher hatten Wissenschaftler angenommen, dass die fortschreitende Zerstörung des Gehirns auf eine übermäßige Ablagerung von Eiweißklumpen, die sogenannten Plaques, und den dadurch ausgelösten Tod der Nervenzellen zurückgeht. Die neuen Erkenntnisse stellen Thomas Arendt und seine Kollegen jetzt in der Fachzeitschrift «The American Journal of Pathology» vor.

Die Hirnforscher des Paul-Flechsig-Instituts für Hirnforschung der Universität Leipzig hatten Proben aus Hirnen von Menschen untersucht, die an Alzheimer in unterschiedlichen Stadien litten. Dabei fiel ihnen eine Besonderheit auf: Im Gehirn der Erkrankten waren überdurchschnittlich häufig Hirnzellen zu finden, die mehr als die üblichen zwei Kopien der Erbsubstanz DNA enthielten. «Manche tragen vier, andere sogar sechs Chromosomenpaare», sagt Studienleiter Arendt. Solche Zellen werden hyperploid genannt und kommen in verschiedenen Kombinationen vor - auch im gesunden Gehirn. «Im Gehirn von Alzheimer-Patienten stellen wir aber eine doppelt so hohe Anzahl fest. Es scheint eine Toleranzgrenze durchbrochen zu sein», berichtet Arendt.

Interessanterweise findet sich die Häufung der anomalen Zellen bereits in einem Stadium, in dem den Betroffenen noch nichts anzumerken ist. «Wir sind ziemlich sicher, dass diese übergroße Gruppe an hyperploiden Zellen schon während der Gehirnentwicklung des Kindes entsteht», sagt Arendt. Er und seine Kollegen stellen sich den Zusammenhang wie folgt vor: Im Lauf der Erkrankung sterben bevorzugt die ungewöhnlichen, offenbar weniger robusten Zellen ab, so dass in den Endstadien nur noch wenige nachweisbar sind. Die Konsequenz des Massensterbens ist dann, dass das Gehirn seine normale Funktion nicht mehr aufrechterhalten kann.

Sollte sich in weiteren Untersuchungen bestätigen, dass das Zuviel an Chromosomen tatsächlich der entscheidende Auslöser für den Zelluntergang und damit die Krankheit ist, stehen die Forscher allerdings vor einem Problem: Hyperploidie ist irreversibel, das heißt, es ist nicht möglich, die betroffenen Zellen in den Normalzustand zu versetzen. Die betroffenen Zellen stürben auf jeden Fall ab, sagt der Forscher. Es eröffne jedoch die Möglichkeit, schon früh vorherzusagen, wer mit einer hohen Wahrscheinlichkeit an Alzheimer erkranken wird - vorausgesetzt, es stünde eine Methode zur Verfügung, mit der man ins Gehirn hineinschauen könne.

Die jetzt vorliegenden Erkenntnisse werfen zudem eine ganze Reihe weiterer Fragen auf: Warum ist eine hyperploide Zelle so anfällig für den Zelltod? Ist diese Fehlentwicklung auch in anderen Organen als dem Gehirn nachweisbar? Gibt es unter Umständen schädliche Einflüsse auf Mutter und Kind in der Schwangerschaft, die zu einer solchen Entwicklungsstörung des Hirns führen? Schnelle Antworten darauf wird es allerdings aus Sicht von Arendts nicht geben.



Extras

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