Bild: Dikika Forschungsprojekt Vergrößern
Die Vorfahren des Menschen nutzten bereits vor 3,4 Millionen Jahren Werkzeuge, um Fleisch von Knochen zu schaben. Hier zu sehen: eine von einem Steinwerkzeug verursachte Schnittspur in das Fleisch am Oberschenkelknochen eines Paarhufers von der Größe einer Ziege.
Die entdeckten Knochen zeigen Schnitt- und Schlagspuren von Steinwerkzeugen. Vermutlich haben die Vormenschen damit Fleisch vom Knochen abgetrennt oder den Knochen geöffnet, um ans Knochenmark zu gelangen. Die Funde werfen ein neues Licht auf das Verhalten der Art Australopithecus afarensis. „Lucy“, einer der bekanntesten Funde frühmenschlicher Überreste, gehörte zu dieser Hominidenart. „Die Entdeckungen geben Einblick in die Evolution und die Anfangsphase der Verwendung von Steinwerkzeugen“, schreiben die Forscher um Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Fachmagazin „Nature“.
Bisher galten andere Funde aus Äthiopien und Kenia als die frühesten Spuren frühmenschlichen Werkzeuggebrauchs. Die dort gefundenen Knochen weisen charakteristische Schnittspuren auf - ein eindeutiges Zeichen für den Gebrauch von Steinwerkzeug. Sie sind zwischen 2,5 und 2,6 Millionen Jahre alt. Anthropologen haben aber keine Fossilien der Werkzeughersteller entdeckt. Im nahegelegenen Hadar haben sie lediglich einen 2,4 Millionen Jahre alten Oberkiefer eines frühen Vertreters der Gattung Homo gefunden. Bisher vermuteten Wissenschaftler daher, dass diese Hominiden die ersten menschlichen Vorfahren waren, die Werkzeuge selbst herstellten und verwendeten.
Nun förderten weitere Grabungen in der Hadar Formation im äthiopischen Dikika mehr als 800 000 Jahre ältere Fossilien zutage. Zwei auf ein Alter von 3,4 Millionen Jahre datierte Knochen weisen Schnitt-, Schab- und Schlagspuren auf. Zudem fanden die Forscher in unmittelbarer Nähe ein fast komplettes Skelett eines jungen Australopithecus afarensis. Bekanntestes Fossil dieser Art ist „Lucy“: Ihr Skelett zählt zu den besterhaltenen Skeletten der frühen Vorfahren des Menschen - es ist nur 105 Zentimeter groß und wurde 1974 nicht weit von der jetzigen Fundstelle entdeckt. In der Fachliteratur wird „Lucy“ als erwachsene Frau von 25 Jahren beschrieben, die vor ungefähr 3,2 Millionen Jahren gelebt hat.
Durch mikroskopische Analysen bewiesen die Wissenschaftler, dass die Spuren vor dem Fossilisieren der Knochen entstanden und nicht erst nachträglich oder beim Ausgraben beschädigt worden sind. Einer der Schnitte enthielt sogar noch einen winzigen Steinrest. „Die Spuren lassen zweifelsfrei darauf schließen, dass sie von Steinwerkzeugen verursacht wurden“, sagt der Archäologe Curtis Marean von der Arizona State University, der die Knochen untersucht hat. Nach Ansicht des Wissenschaftlers handelt es sich um einen Oberschenkelknochen einer Ziege und eine Rippe einer Kuh. Die Anthropologen sind sich deshalb einig: Die Australopithecinen aus Dikika haben bereits größere Säugetiere verzehrt. Unbekannt ist, ob sie diese selbst jagten oder Aasfresser waren.
Ob die Hominiden Steine mit bereits scharfen Kanten als Werkzeuge verwendeten, oder ob sie sie sogar selbst anfertigten, ist noch unklar. Die Anthropologen fanden in der Nähe der Knochen bisher keine Werkzeuge, die darauf schließen lassen. „Ob Australopithecus afarensis in der Lage war, sich derartige Werkzeuge selbst herzustellen, müssen wir erst noch herausfinden“, sagt McPherron.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus