Gerd Ludwig: "Tschernobyl ist das Zentrum meiner Arbeit"

Autor: Lisa Srikiow  —  Bilder: Gerd Ludwig/INSTITUTE

Seit dem Reaktorunglück im Jahr 1986 besucht der NATIONAL GEOGRAPHIC-Fotograf Gerd Ludwig die Ukraine immer wieder – nun erscheint sein neuer Bildband „Der lange Schatten von Tschernobyl“ mit einem Vorwort von Mikhail Gorbatschow. Im Interview erklärt er, warum ihn dieses Thema nicht loslässt.

Wie haben Sie damals von dem Atomunglück in Tschernobyl erfahren?
Tatsächlich hörte ich von dem Unfall erst später - ich war damals in einer abgelegenen Gegend in Kanada unterwegs. Nachrichten haben mich dort nicht erreicht. Erst als ich mit Freunden und Bekannten in Deutschland sprach, erfuhr ich davon. Anfang der neunziger Jahre recherchierte ich für NATIONAL GEOGRAPHIC dann das Thema Umweltschäden in der Sowjetunion. Es war das erste Mal, dass ich mich auch professionell mit Tschernobyl beschäftigte. Seither war ich viermal dort. In den Jahren 1993, 2005, 2011 und 2013 war ich insgesamt neunmal in der Sperrzone und habe zusammengenommen mehr als vier Monate dort und in nächster Umgebung fotografiert.

Wie entstand die Idee zu diesem Buch?
Dieser Bildband ist das Ergebnis eines größeren Projekts. Zum 25. Jahrestag des Unglücks von Tschernobyl, also 2011, habe ich verschiedenen Redaktionen vorgeschlagen, für sie noch einmal in die Ukraine zu fahren und dort eine Reportage zu fotografieren. Niemand hatte Interesse. Daraufhin habe ich eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um meine Recherchen zu finanzieren. Das Thema hat mich nicht losgelassen. Ich war immer davon überzeugt, dass Atomenergie ein großes Risiko darstellt.

Die Kampagne war sehr erfolgreich. Sie haben mehr 20.000 Dollar gesammelt – viel mehr als erwartet.
Ja, und das, obwohl Crowdfunding damals noch nicht besonders bekannt war. Aber das Thema war mit einem Mal wieder ganz oben auf der Tagesordnung: Als ich 2011 in Tschernobyl unterwegs war, explodierte der Reaktor in Fukushima. Auf traurige Art und Weise habe ich von diesem Unglück profitiert, die Spenden schnellten in die Höhe.

Bei Ihrer letzten Reise waren Sie so tief im Reaktor wie nie zuvor. Wie haben Sie dort gearbeitet?
Zuerst einmal ist es ziemlich schwierig, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Durch meinen Auftrag von NATIONAL GEOGRAPHIC im Jahr 2005 hatte ich aber gute Kontakte und bekam schließlich die Erlaubnis. So war es mir möglich, tiefer in das Innere des zerstörten Reaktors vorzudringen als je ein anderer westlicher Dokumentarfotograf. Nachdem ich meine übliche Schutzkleidung sowie einen vier Millimeter dicken Plastikoverall angezogen und mich mit einem Geigerzähler und Dosimeter ausgerüstet hatte, machte ich mich mit meinem Begleiter ins Innere. Die Strahlung dort ist so hoch, dass unser Aufenthalt trotz der Schutzkleidung auf 15 Minuten pro Tag beschränkt war. Es war die größte fotografische Herausforderung, die ich je erlebt habe. Die Umgebung war dunkel, laut und beklemmend. Wir eilten durch einen spärlich beleuchteten Tunnel, der mit Kabeln, zerfetzten Metallteilen und Schutt übersät war. Ich bemühte mich, nicht zu stolpern. Denn der aufgewirbelte, radioaktive Staub ist viel gefährlicher als die Strahlung an sich.

Hatten Sie nicht den Wunsch, so schnell wie möglich zu entkommen?
Ich war hin- und hergerissen zwischen meinem Überlebensinstinkt und dem Drang, dort länger zu fotografieren. Der Adrenalinschub war unglaublich. Ich hatte weniger als 15 Minuten Zeit, um eindringliche Bilder zu machen. Ich wusste, dass ich wohl nie wieder Zugang zu diesem Bereich haben würde. Nach der Hälfte der erlaubten Zeit begannen zudem alle unsere Geigerzähler und Dosimeter zu piepen – ein unheimliches Konzert. Unsere Zeit lief ab. Es war eine immense Herausforderung, konzentriert, effizient und schnell zu arbeiten, ohne in Hektik zu verfallen. Es gab weitere Situationen, in denen mir nicht ganz wohl war. Zum Beispiel besuchte ich in der Zone um das Atomkraftwerk viele Rückkehrer. Das sind vor allem alte Menschen, die ihren Lebensabend in ihrer Heimat verbringen wollen. Als sie mir selbstgezogenen Salat aus ihrem Garten und selbstgebrannten Schnaps anboten, wurde ich sehr unsicher.

Haben Sie das Essen angenommen?
Ja. Als Fotograf bin ich auf das Vertrauen dieser Menschen angewiesen. Ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen.

Welche Menschen leben noch in der Zone?
Das sind die Rückkehrer, die mittlerweile von den Behörden geduldet werden. Zudem patrouillieren Milizen und es gibt einige Ärzte, die sich in unregelmäßigen Abständen um die alten Leute kümmern. Ich habe übrigens gesehen, dass die Ärzte und Patrouillen dort angeln und Pilze sammeln - unvorstellbar. Am Kernkraftwerk selbst arbeiten überdies noch viele Menschen, um den neuen Schutzmantel zu errichten.

Welche Veränderungen haben Sie über die Jahre noch festgestellt?
Der neue Schutzmantel verändert das Bild der Gegend dort sehr. Gleichzeitig verfallen die Gebäude und Häuser immer weiter, mittlerweile stürzen selbst die ersten Plattenbauten in Prypjat zusammen.

Werden Sie bald wieder in die Ukraine zurückkehren?
Der Abschluss des Buches ist erst einmal eine Zäsur mich. Zudem muss man abwarten, wie sich die Region in der aktuellen Krise entwickelt. Ganz abgeschlossen ist das Projekt jedoch nicht, Tschernobyl ist ein entscheidendes Thema für mich. Mehr noch, es ist das Zentrum meiner Arbeit.

Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage von Gerd Ludwig und auf Facebook sowie auf der Website des Projekts selbst.


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