Auf der Himmelsleiter

Autor: Erwin Brunner  —  Bilder: Ulla Lohmann
Susanne Türtscher-Main

Einmal alles hinter sich lassen. Das Alte, ein paar getrocknete Ranken von Wermut oder Salbei, mit leichter Hand in das kleine Feuer legen. Dann Neues in den Blick nehmen und in das leise Knistern der Flamme sprechen. Reihum, bis der Kreis der zwölf Frauen vor der alten Mühle am Steilhang über dem Bergdörfchen Buchboden wieder still verharrt. Es ist Mittsommer, alles blüht, die duftenden Dolden eines mächtigen Holunderbuschs würzen die Luft. Waldengelwurz und Dost und Johanniskraut wiegen sich im leichten Wind, am Boden leuchtet zartlila der Quendel, kleine wilde Erdbeeren lugen hochrot aus dem Gras.

Über allem rauscht der Mühlbach, und die Gastgeberin hat einen Korb voll frisch gepflückter Rosenblätter mitgebracht und stimmt in weichem, melodiösem Vorarlberger Dialekt die Runde auf das ein, was sie heute hier erwartet.

Es ist Naturglück, das man buchen kann: die Kleine Jahreskräutergruppe von Susanne Türtscher, der Termin kurz nach Johannis, einem der großen Festtage im Jahreskreis. An diesem Junimorgen sind die Frauen alle aus der Region, aber es kommen auch Gäste von weit her in den hintersten Winkel des Großen Walsertales, um an einem ihrer Kurse teilzunehmen.

Es sind Seminare – die jedoch Wörter wie Optimierung, Effizienz, Evaluation, das ganze Dynamikerlatein gar nicht kennen. Dafür aber Werte wie Erspüren, Empfinden, Erfahren, Einssein. Die nicht neue Techniken anpreisen, sondern altes Wissen. Welche Kräuter und Pflanzen wachsen hier? Wofür sind sie gut? Wie kann man sie nutzen? Haltbar machen. Veredeln. Zum Heilen, zum Würzen, Kochen, Genießen. Zur Begrüßung gab es einen Aufguss mit Holunder, Beifuß, Johanniskraut, Eisenkraut, Quendel und Rosenblättern – den Sommer zum Trinken. Und am Nachmittag wird man ihn auf einer Kräuterwanderung durch Wiese und Wald gemeinsam erkunden. «Um ihn in die Seele und mit nach Hause zu nehmen.»

Susanne Türtscher liebt es, ihr Wissen weiterzugeben. «Eigentlich halte ich Seminare, seit ich 16 war», sagt die heute 48-Jährige, eine Naturschönheit mit sanften Augen und wallendem Haar. Sie ist gelernte Floristin, ausgebildet als Kräuterpädagogin, mit Hingabe Gärtnerin, von Herzen Sinnsucherin. Dass sie am liebsten draußen lebt, erzählen ihre offene Art, gebräunte Haut und Hände, die Kleider in feinen Erdfarben.

Aber Floristin? Ihre Eltern glaubten, das sei das Richtige für das „schwierige Kind“, (eine Legasthenikerin), das nur ein Interesse zu haben schien: die Natur. Eine Leidenschaft, die sie ihrem Vater verdankt. Er nahm die kleine Susanne jeden Sommer von Lustenau – dem Wohnort draußen im Rheintal – mit ins Große Walsertal, auf die Alpe Klesenza. «Dort ging ich stundenlang allein über die Almwiesen und war vollkommen glücklich», erinnert sie sich mit leuchtendem Blick. «Ich war auf „Visionssuche“, ohne es zu wissen.»

Als ihr dann – da war sie längst Ehefrau eines alteingesessenen Bauern in Buchboden und Mutter von fünf Töchtern geworden – ein Prospekt von Vision Quest in die Hände fiel, sah sie ihr Ziel: «Menschen hinaus in die Natur und dadurch zu sich selbst zu führen.»

Und die kleine, enge Welt der Bäuerin Susanne Türtscher weitete sich. Zuerst ganz körperlich: «Ich wusste, ich muss das tun. Und spürte meinen Herzschlag in den Ohrläppchen – wie nie mehr danach.» Im Jahr 2007 fuhr sie für zwei Wochen in den Sinai. Zur ersten Ausbildung als Quest-Begleiterin. Dann nach Kroatien. Und nächstes Jahr will sie vier Tage und vier Nächte auf die Klesenza, an den Traumort oben in den heimatlichen Bergen, an dem ihre große Liebe einst begann. Der Josef, ihr Mann, kann das alles verstehen. Andere weit hinten im Großen Walsertal weniger.

Dabei scheint dieses stille Paradies für solche neuen/alten Wege wie prädestiniert. Im Jahr 2000 wurde das abgeschiedene, wunderbar intakt erhaltene Bergtal in den Adelsstand der Nachhaltigkeit erhoben: Biosphärenpark der Unesco, eine „Modellregion, die sich verpflichtet, die Natur zu nutzen, ohne ihr zu schaden“. Viele der 3400 Menschen im Tal leben von Bauernarbeit und Tourismus – nun waren Initiativen gefragt.

Die Bäuerin/Floristin/Kräuterpädagogin Türtscher dachte beides zusammen, vor bald sechs Jahren begann sie dann ein Projekt. Der Name Alchemilla (lat. für den Frauenmantel, die weiblichste aller Heilpflanzen) war schnell gefunden. Für ein Kräuterprojekt, von Frauen und für Frauen. Sie sind es doch, die seit je uraltes Wissen hüten – das aber heute nicht mehr so selbstverständlich wie noch vor wenigen Generationen von der Mutter an die Tochter, von der Tochter an die Enkelin weitergegeben wird. All das in einer Gegend mit Bergwiesen, auf denen 70 und mehr unterschiedliche Blumen- und Kräuterarten wachsen.

Es war also naheliegend, diesen fast vergessenen Schatz wieder zu heben: für Tees und Tinkturen, Seifen und Salben, Sirup, Balsam, Öle, Gewürze. Auch, um Frauen aus dem Tal «ein eigenes Sackgeld» zu verschaffen – vor allem aber Anerkennung für ihre meistens unbedankte Arbeit. Heute machen 15 Frauen aus sechs Gemeinden im Großen Walsertal aktiv mit beim Alchemilla-Kräuterprojekt. Jungbäuerinnen um die 30, die nicht nur Agrarproduzenten sein wollen. Gestandene Landfrauen, für die Leben mit der Natur mehr bedeutet, als Dekorationen für Ostern oder den Christkindlmarkt zu basteln. Und, sozusagen als weise Frau, Lydia Küng, mit 82 die Älteste. Sie wird nun auf ihre alten Tage für ihre Quendel- und Lavendelkissen, die sie seit jeher macht, nicht mehr nur bewundert, sondern auch belohnt.

Öffentliches Lob erntete das Projekt 2009: den EDEN-Award der Europäischen Kommission.

Wie hat sich der Alchemilla-Kreis gefunden? Über die Blumen und Kräuter natürlich. Die Gründerin ist mit jeder der Frauen auf eine lange „Medizinwanderung“ gegangen, um die richtige Pflanze für sie zu finden: «Das ergibt eine jeweils ganz besondere Beziehung.» Einige der Frauen wählten die Rose, eine den Holunder, eine andere die Kapuzinerkresse. Lydia, klar!, ihren geliebten Quendel, den wilden Thymian. Susanne Türtscher selber erkor das Schneeglöckchen und die Königskerze: Zartheit und Kraft – sage niemand, dass Blumen nicht auch sprechen können.

Vor allem führen sie die Frauen zusammen. Reihum, jeden Monat zu Hause bei einer anderen, treffen sie sich. Am Abend nach der Kleinen Kräutergruppe bei Marion Konzett, der Alchemilla-Patin für das Johanniskraut. Zufrieden zeigt sie ihre Ernte. Öl, Tee, Tinktur, Seife, alles aus dieser leuchtend gelben Heilpflanze, «die alle dunklen Mächte zu bekämpfen vermag».

Es ist eine fröhliche Runde (der Kaffeelikör: einmalig!) und doch eine Arbeitssitzung. Termin für das Teemischen? Bei richtigem Mond und Sternzeichen im August, der Verkaufserlös geht an eine in Not geratene Frau. Ein Alchemilla-Stand in der Propstei St. Gerold? Ja, ab 21. Juli: «Wir müssen den Menschen unsere Produkte viel persönlicher nahebringen». Kräutermarkt auf dem Kulturfest „Walserherbst“? Auf jeden Fall. So wie früher. Wir wollten noch gern auf die „Himmelsleiter“. Susanne Türtscher hatte uns erzählt, wie eine Teilnehmerin ihrer Kräuterwanderung voller Staunen auf dieses Wort kam. So fuhren wir am nächsten Morgen mit ihr hinauf. In die Magerwiesen. Wo die Welt einfach abhebt mit einem Blumenrausch. Margeriten, Goldhafer, Hornklee, Rotklee, Hahnenfuß, Storchschnabel, Knabenkraut, Rotschwingel, Wiesenbockbart, Blutwurz, Frauenmantel ...Vom Rotklee pflückte Susanne für den Alchemilla-Kräutertee.

Mehr Informationen unter:
www.alchemilla.at
www.grosseswalsertal.at

Weitere Artikel zu Nachhaltigkeit finden Sie auf unserer Themenseite Nachhaltigkeit.

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Die besten Ideen stellen wir hier vor, geeignete im Heft. Die Initiatoren von drei Projekten nehmen Ende 2012 am Deutschen Nachhaltigkeitstag teil.


(NG, Heft 09 / 2012, Seite(n) 20 bis 26)

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