Daniel Düsentrieb 2.0

Autor: Jakob Vicari  —  Bilder: Thomas Ernsting

Unsere Welt kann nur dann dauerhaft lebenswert bleiben, wenn wir uns am Prinzip der NACHHALTIGKEIT orientieren. Wir stellen Menschen vor, die ökologisch, ökonomisch oder sozial nachhaltig handeln. Wie HOLGER ZINKE. Der Biotech-Pionier und Chef der Brain AG zeigt, wie Biologie der Industrie helfen kann, Herausforderungen zu meistern.

Holger Zinke hat zigmillionen Angestellte. Und Zinke ist ein Chef, der jeden Angestellten kennen will. Das Ungewöhnliche ist: Er braucht dafür ein Mikroskop. Holger Zinke ist Vorstandsvorsitzender der Brain AG in Darmstadt, und die meisten seiner Angestellten sind Mikroben. In der Firma arbeiten 103 menschliche Mitarbeiter und mehr als 20000 Stämme von Bakterien und Archaea, früher auch Ur-Bakterien genannt. Zinke selbst gilt als einer der wichtigsten deutschen Pioniere der „Weißen Biotechnologie“. Die will nichts weniger erreichen, als gemeinsam mit der Natur eine nachhaltige Industrieproduktion zu etablieren. «Biologisierung der Industrie», nennt Zinke das. Einer seiner wertvollsten Mitarbeiter ist derzeit das Kleinstlebewesen Acidianus ambivalens. Es soll in Kraftwerken das klimaschädliche Abgas CO2 abfangen und in nutzbare Grundstoffe umwandeln.

Bei meiner ersten Begegnung mit Zinke sehe ich eigentlich nur seine magentarote Krawatte, dann er ist schon wieder weg, einen langen Flur fortgeeilt. Der 50-jährige Biologe ist immer auf 180, ein Daniel Düsentrieb unserer Tage. Was für ihn zählt, ist die Zukunft. Als die Krawatte verschwunden ist, bleibt denn auch nicht der Eindruck zurück, er habe mich versetzt, sondern habe noch schnell eine Mission zu erfüllen.

Vielleicht unten im Keller, dort, wo in großen braunen Kühlschränken der Schatz seines Unternehmens lagert: In gläsernen Petrischalen warten Tausende von verschiedenen Mikroorganismen auf ihren Einsatz. Das Erbgut jeder Art hier ist entschlüsselt, und in dieser Genbank finden die Forscher fast täglich Organismen, die etwas für uns Menschen Nützliches können: einen neuen Süßstoff produzieren; Waschmittel, die bei niedrigeren Temperaturen funktionieren; oder Milchsäure, die unter anderem als Lösungs- und Reinigungsmittel gebraucht wird. Natürlich vermehrt sich hier unten auch das aktuelle Vorzeige-Objekt der Weißen Biotechnologie: Acidianus ambivalens, der Einzeller aus dem Reich der Archaea, der sich vom Treibhausgas CO2 ernährt.

Dann ist die leuchtende Krawatte wieder da. Zinke stürmt in den Besprechungsraum, den er komplett auszufüllen scheint. Er sprudelt auch gleich los, zunächst mit einer Klage über die chemische Industrie. Die habe zu lange auf Ressourcen gesetzt, «die nicht erneuerbar sind», auf Produkte zum einmaligen Gebrauch statt auf Biologie: «Kohle, Erdöl, das ist doch alles nicht nachhaltig. Das ist mittlerweile ja wohl jedem klar geworden.»

Dass die Lenker der Großkonzerne, die Herrscher der Hochtechnologie, ihn und seine Ideen jetzt ernst nehmen, 20 Jahre, nachdem er angefangen hat, amüsiert ihn. Aber es freut ihn natürlich auch. Schließlich will er ja den Umbau der Industrie, die Abkehr von der gängigen Praxis der straflosen Verschwendung.

Die Verheißung klingt verlockend: Wir lassen einen Organismus für uns arbeiten, der milliardenfach in Kraftwerken und Fabriken lebt und das Treibhausgas CO2 frisst. Genauer gesagt: in sogenannten Rauchgaswaschanlagen. Hier werden die Abgase durch eine wässrige Suppe geleitet, in der die kleinen Helfer leben und das CO2 herausfiltern. Daraus machen sie dann Bernsteinsäure und Milchsäure, woraus man etwa biologisch abbaubare Kunststoffe herstellt. Zinke hat von dieser Vision schon oft erzählt, doch immer noch können seine Lippen dem Mitteilungsdrang kaum folgen. «Erfolgsbesessen bis zur Schmerzgrenze», wie ihn eine große Wochenzeitung charakterisierte, stellt er sich nun der größten Herausforderung unserer Zeit: dem Klimawandel. Der Schlüssel zum Erfolg könnte das unscheinbare kreisrunde Wesen sein, dessen Bild er jetzt an die Wand projiziert.

Acidianus ambivalens ist ein sehr einfacher Organismus mit nur 1500 Genen. Zum Vergleich: Es sind 23.000 Gene, die den Menschen zum Menschen machen. Acidianus fühlt sich am wohlsten bei 80 Grad in der nachtdunklen Tiefe des Ozeans, umspült von heißen Schwefelwasserstoffen, die dort aus dem Boden quellen. «Das sind beinahe unfassbare Extrembedingungen für Lebewesen», sagt Zinke. Acidianus ambivalens ist etwas Besonderes, das war ihm gleich klar. Nur wusste er anfangs nicht, wozu er einen Mikroorganismus brauchen könnte, der Kohlendioxid frisst und daraus Schwefelsäure produziert.

Aber Johannes Heithoff wusste es. Als der Forschungsleiter des Energiekonzerns RWE in der Zeitung von Zinkes Entdeckung las, erkannte er, dass die Lebensbedingungen von Acidianus ambivalens ziemlich gut jenen in der Rauchgasanlage eines Braunkohlekraftwerks entsprechen. Also rief er Zinke an. Umgekehrt wäre der Kontakt wohl kaum zustande gekommen: «Unsere Partner sind ja von größerem Kaliber», sagt Zinke, «da konnten wir Zwerge nicht einfach mal anrufen und sagen: ‹Wir haben hier etwas für euch.›» Die Unternehmen schlossen eine Forschungskooperation.

Wenn Zinke spricht, ist der Freischwinger, in dem er sitzt, ständig in Bewegung. Statt die vor­ bereitete Präsentation vorzuführen, erzählen seine Hände den Vortrag auf der Tischplatte. Sein Kohlendioxidfresser markiert den Übergang von wissenschaftlicher Kuriosität zu wirtschaftlicher Relevanz. Denn Konzerne und Kraftwerke in der Europäischen Union müssen für jede Tonne Kohlendioxid, mit der sie die Atmosphäre anheizen, ein Zertifikat kaufen. Dank Acidianus könnte das Kraftwerk weiter produzieren wie bisher – das CO2 würde in der Rauchgaswäsche vernichtet. Und wer weniger CO2 freisetzt, kann die überschüssigen Zertifikate verkaufen. Das ist gut für die Bilanz des Unternehmens. Und für das Klima.

Die Brain AG ist ein Firmen-Start-up der TU Darmstadt. Anfangs wollten die Beteiligten Produkte für die Pharmaindustrie entwickeln. Doch als Zinke neben den Bakterien das weitgehend unerforschte Reich der Archaea durchforstete, ergaben sich schnell weitere Möglichkeiten.

Bakterien und Archaea bilden jeweils eine eigenständige Gruppe von einzelligen Lebensformen, deren Stammbaum Zinke jetzt an die gläserne Tür seines Büros strichelt, einen Stammbaum, der einige überkommene Vorstellungen korrigiert: «Die Artenvielfalt der Mikroorganismen ist so groß», sagt Zinke, «da sind die Wirbeltiere, die Menschen eingeschlossen, evolutionär gesehen relativ unbedeutend. Sehen Sie, da links unten im Stammbaum, da stehen wir, gleich neben der Maispflanze – eine Laune der Natur.»

Unübersehbar ist daneben die Vielfalt der Mikroorganismen. In einem einzigen Gramm Erde können bis zu 5000 Arten von Bakterien leben. Also begannen Zinke und seine Mitstreiter, die Reiche der Bakterien und Archaea zu erforschen. Ast für Ast des Stammbaums, auf der Jagd nach Gensequenzen, die sich nutzbar machen ließen.

Dass er ein Wanderer zwischen den Welten ist, hat ihn nie gestört. Zinke ist ein Ökopionier, den die Ökobewegung skeptisch beäugt, weil er mit Gentechnik arbeitet. Er ist ein Industriepionier, den die Industrie skeptisch beäugt, weil er mit Lebewesen statt mit Erdöl arbeitet. Und er vermittelt anderen ständig das Gefühl, ihnen immer einen Schritt voraus zu sein.

Dennoch gehören inzwischen Großkonzerne wie Henkel, Evonik, BASF und RWE zu den Kunden der Brain AG. Zinke glaubt an die Zukunft einer „Bioökonomie“, in der genetisch veränderte Organismen das produzieren, was heute noch aus fossilen Rohstoffen hergestellt wird – egal, ob Kunststoffe, Waschmittel oder Arzneien.

Erste Erfolge gibt es bereits: Brain-Mitarbeiter haben zum Beispiel Enzyme entdeckt, die helfen, bei 40 Grad ebenso sauber zu waschen wie bei 60; und solche, die Laufmaschen in Strümpfen verhindern. Unter dem Namen „Mye“ produziert eine Brain-Tochter sogar eine Anti-Faltencreme, den kleinen Tiegel Biotechnologie für 90 Euro.

Doch momentan setzt Zinke alles auf den CO2- Fresser. Gerade haben Kapitalgeber 60 Millionen Euro investiert. Damit rückt die Vision einer Anlage, die Rauchgase im großtechnischen Maßstab biologisch von Treibhausgasen reinigt, ein Stück dichter an die Realität heran. Mit diesem Ausblick ist er schon wieder aufgesprungen, die magentarote Krawatte blitzt um den Türrahmen, auf dem Weg zum nächsten Termin.


(NG, Heft 02 / 2013, Seite(n) 24 bis 29)

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