Der Doktor, der Wind machte

Autor: Burkhard Straßmann  —  Bilder: Hauke Dressler
Mainpicture-Uwe Kurzke

„Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich war ich nie!“ Mit dem Lied der kleinen Zeichen­trickente Alfred J. Kwak meldet sich Uwe Kurzkes Diensthandy. Weniger lustig ist, was der Arzt zu hören bekommt: Im Schwimmbad ist eine ältere Dame gestürzt. Sie hat starke Schmerzen, der Hüftknochen ist vielleicht gebrochen. Kurzke lässt seine Pommes stehen und eilt zum Notarztwagen, der vor der Tür des „Schipperhus“ parkt. Keine 15 Minuten später hört man einen Hubschrauber – ein Fall für die Klinik auf dem Festland. «Dann kommt Uwe gleich wieder», wissen die anderen Gäste im Lokal.

Auf Pellworm, dem beschaulichen nordfriesi­schen Inselchen im Wattenmeer vor Husum, der bescheidenen kleinen Schwester von Sylt, leben gut tausend Insulaner – und ein einziger Arzt. Das bedeutet für den 58­-jährigen Uwe Kurzke: Ruf­bereitschaft an 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden am Tag. Und weil es meist schlechte Nachrichten sind, die ihn über sein Telefon erreichen, soll zumindest der Klingelton gute Laune verbreiten.

«Warum bin ich so fröhlich» hätte aber ebenso gut das Zeug zur Inselhymne. Denn Pellworm hat etwas, auch dank Kurzkes Initiative, wovon andere Nordseeinseln nur träumen können – ein attrakti­ves Alleinstellungsmerkmal. Wo Spiekeroog etwas lahm mit «Natur» wirbt, Juist diffus mit «Entschleu­nigung» und Föhr reichlich kess mit «friesischer Karibik», empfiehlt sich Pellworm mit einer klaren Botschaft: «Wir haben Windkraftanlagen, ein Bio­massekraftwerk, ein Hybridkraftwerk mit Wind­ und Sonnenkraft, auf unseren Dächern sind Solar­anlagen montiert, wir haben Biohöfe und Bioläden – bei uns könnt ihr Urlaub machen und dabei Um­welt und Klima schonen. Wir sind die „Öko-­Insel“!»

Das ist mehr als nur ein werbliches Etikett. Seit Jahren produziert das Eiland auf nachhaltige Weise erheblich mehr Strom, als seine Bewohner ver­brauchen. Pellworm exportiert sogar Energie aus erneuerbaren Quellen. Und verdient gut daran. Schon im Jahr 2000 war Pellworm Vorzeigethema auf der Expo in Hannover. Untersuchungen der Touristiker ergaben, dass sich gerade ökologisch wache Touristen hier wohlfühlen. Das beginnt bei der umweltfreundlichen Anreise mit Intercity, Bus und Fährschiff. Wer sein Auto mit auf die Insel nimmt – das geht –, muss damit rechnen, dass ihm der Vermieter der Ferienwohnung nahelegt, lieber ein Fahrrad zu benutzen. Der „sanfte Tou­rist“ kann während seines Aufenthalts sicher sein, dass sein CO2-­Fußabdruck beinahe verschwin­dend klein bleibt. Strom wird ausschließlich grün produziert, Warmwasser und Heizung meistens auch. Und das Schönste: Es fällt gar nicht weiter auf. Die Kombination friedlich-­reizarmer Umwelt und unaufgeregt-­klimabewusster Leute ist hier einfach nur – normal.

Auf der grünen Wiese steht das Haus des Inselarztes. Eiderenten watscheln durchs feuchte Gras, Graugänse machen Geschrei, Austern­ fischer pfeifen ihr charakteristisches quiéwiehp. Alles öko, alles harmonisch? Jetzt vielleicht. Aber noch vor 20 Jahren, erzählt der gebürtige Rheinländer, waren Worte wie „Bio“ und „erneuer­bare Energien“ Kampfbegriffe auf Pellworm.

Es waren wilde Zeiten, als die grüne Welle über die Deiche schwappte. Und er selber war einer der Hauptakteure. Bauern, Neuinsulaner, die Ruhe und Idylle suchten, Fachleute für ökologischen Landbau und andere engagierte Bürger – vom Rest der Insel als „Klookshieter“ („Klugscheißer“) und Ökospinner beschimpft – gründeten 1990 den Verein „Ökologisch Wirtschaften!“ Um die In­sel landwirtschaftlich und touristisch weiterzu­entwickeln, aber mit Rücksicht auf die Ökologie.

Anfangs unterliefen den Ökos Fehler, vor allem bei der Kommunikation ihrer Ideen inner­halb der Bevölkerung, auf lange Sicht aber ge­lang ihnen vieles. Der Hit ist vielleicht der Wind­park im Nordosten der Insel. Er ist vollständig in Insulanerhand. 42 Familien investierten damals. Und waren baff erstaunt, wie schnell der Wind ihr Geld wieder einspielte und wie gut man daran verdient. «Immerhin haben wir hier fast Windver­hältnisse wie auf hoher See», erklärt Kurzke.

Dass man mit der Ernte von Sonnen-­ und Wind­energie richtig Geld machen kann und sich so neben Landwirtschaft und Tourismus ein drittes ökonomisches Standbein entwickelte, überzeugte schließlich auch die meisten der anfangs noch skeptischen Insulaner, auf die Idee der Ökoinsel zu setzen. Derzeit wird die Erneuerung des Windparks geplant: Es soll wirkungsvollere Wind­räder geben, dafür aber weniger. Und der Ener­giekonzern Eon will demnächst ausprobieren, wie man den auf der Insel produzierten Strom so speichern kann, dass auf Pellworm weder im Dun­keln noch bei Windstille die Lichter ausgehen.

Auch für die Touristen wird sich noch einiges ändern. Von dieser Saison an haben die ersten Pellwormer Unterkünfte ein Öko­-Zertifikat, das sie als „klimafreundliche Ferienwohnung“ aus­weist. Künftig wird es zudem schon bei der Ankunft einen neuen, unübersehbaren Hinweis auf die Bestrebungen der Insulaner geben, sich nachhaltig für ihre Umwelt einzusetzen: Eine überdimensionale „Energieuhr“ soll die Inselgäste begrüßen. Auf ihr wird man dann ablesen können, wieviel grüne Energie gerade erzeugt wird und was davon die Insel selber verbraucht.

Die Ökoaktivisten haben sich durchgesetzt. Doch Triumph liegt ihnen nicht. Aus Uwe Kurzke, dem einstigen Kölner Feuerkopf, ist ein nach­denklicher Pellwormer geworden, der heute lieber über die ökonomische Zukunft der Insel redet als über die Anzahl ihrer Solaranlagen. Er diskutiert zum Beispiel gern über eine Inselakademie: Sie soll die Erfahrungen Pellworms nach außen vermitteln – und neue, zahlungskräftige Besucher anlocken.

Ein Thema gibt es allerdings, für das sich der Arzt noch mal richtig begeistern kann: das be­dingungslose Grundeinkommen! «Ein Riesenpro­blem Pellworms ist die Überalterung. Mein Traum ist, dass die Einnahmen aus der Windenergie ein Grundeinkommen für alle Insulaner finanzieren. Geld, das jeder bekommt, ohne dafür arbeiten zu müssen. Das würde junge Menschen und Fami­lien anlocken.» Und vielleicht neue „Spinner“. Mit frischen Ideen für die Zukunft.

Und wer ist Ihr „grünes Vorbild“?
Samsø in Dänemark, Jühnde in Niedersachsen, Güssing in Österreich – es gibt weitere Beispiele für energieautarke Kommunen. Weitere Informationen finden Sie zum Beispiel unter kommunal­-erneuerbar.de oder unter energie­experten.org.

Weitere Artikel zu Nachhaltigkeit finden Sie auf unserer Themenseite Nachhaltigkeit.

Kennen Sie Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen? Erzählen Sie uns von Initiativen für Nachhaltigkeit in Ihrem Umfeld! Schicken Sie uns Ihre Vorschläge mit einer ­halben Seite Begründung an gutesbeispiel@nationalgeographic.de.

Die besten Ideen stellen wir hier vor, geeignete im Heft. Die Initiatoren von drei Projekten nehmen Ende 2012 am Deutschen Nachhaltigkeitstag teil.


(NG, Heft 07 / 2012, Seite(n) 24 bis 30)

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Meine Frau - ich nenne sie PJ - und ich haben eine neue Diät ausprobiert: nicht um abzunehmen, sondern um eine Antwort in Sachen Klimawandel zu finden. Wie wir wissen, erwärmt sich die Erde schneller, als man noch vor ein paar Jahren vorausgesagt hat. Falls wir den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen nicht verringern, könnten die Folgen dramatisch werden. mehr...

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