Der Junge, der Bäume pflanzt

Autor: Nadine Oberhuber
Felix Finkbeiner

Bild: Benno Krähahn Vergrößern

«Ich will eine Weltpartei gründen. Und die Weltkinderdemokratie. Weil die Großen unsere Zukunft zerstören.»

Das Essen kommt heute aus der Dose, aus der Tupperdose. Es gibt eingelegtes Gemüse «dazu gegrillte Maiskolben», macht mir Felix Appetit. «Die brauchen aber noch eine Weile», bremst ihn seine kleine Schwester ein. Ungeduldig stibitzt Felix ein Stück Brot. Warten, das mag er gar nicht. Auch nicht, wenn gerade sein erster Ferientag ist und er nur vorhat, hier am Staffelsee endlich einmal nichts zu tun. Mal ein paar Tage zu vertrödeln. Mal einen Moment lang nicht die Welt zu retten. Der Himmel im Blauen Land vor Garmisch ist grau, wie so oft in diesem Sommer. Zum Baden ist es zu kalt, und geradelt ist er mit den Schwestern schon. Wenn man gemütlich strampelt, dauert es von zu Hause in Pähl zwei Stunden bis hierher. Eigentlich könnte Felix sich entspannt zurücklehnen.

Aber er wird zappelig. Er zwirbelt ein Stück Schnur. Der schmale Junge, der Jeans und Polohemd nur knapp ausfüllt, möchte wissen, wie es jetzt weitergeht. Sonst gibt er ja gern selber den Ton an. Denn Felix Finkbeiner ist trotz seiner 13 Jahre ein altgedienter Umweltaktivist und Klimaretter. Ausländische Zeitungen haben ihn „Environmental Superstar“ genannt, das Magazin Focus zählt ihn zu den 100 einflussreichsten Deutschen. Schon als Neunjähriger hat er eine Umweltorganisation gegründet, „Plant for the Planet“ (plant-for-the-planet.org). Mit jungen Mitstreitern will er in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen.

Dafür ist er schon mehrmals um den Globus geflogen: Er hat Friedensnobelpreisträger getroffen wie Kofi Annan und Al Gore. Dem hat er die Hand geschüttelt, «diese riesige Hand», sagt er und die Erinnerung lässt seine Augen groß werden. Hat Gore ihn auch als Mensch beeindruckt? Weniger. Felix überlegt und sagt: «Ohne ihn wäre das Thema Klimaschutz weniger öffentlich.» Wie ein ausgebuffter Politikprofi, sehr diplomatisch. Begeisterung klingt allerdings anders.

Die kommt bei ihm auf, wenn er Zahlen runterrattern kann. Zum Beispiel diese: «Jeder Europäer pustet 20-mal so viel CO2 in die Luft wie ein Afrikaner. Dafür müssten wir den Afrikanern einen Ausgleich zahlen.» Solche Sätze hat Felix schon bei einer Klimakonferenz der Vereinten Nationen gesagt und ist dafür in den Unep-Kindervorstand gewählt worden. Seitdem hat er sie oft wiederholt. Sehr oft. Er könnte sie im Schlaf aufsagen, oder vor jeder Regierung dieser Welt. In China, Afrika und Korea hat er das schon getan. Sogar vor der UN-Vollversammlung hat er gesprochen. In perfektem Englisch, mit sorgfältig einstudierten Gesten. Nur am Schluss, das kann man auf der Internetplattform Youtube sehen, huschte kurz das typische Felix-Grinsen über sein Gesicht.

Er will mit seinen Bäumen das Klima retten. «Vier Millionen haben wir schon», sagt er stolz. Mit „wir“ meint er die Kinder, die mit ihm und für ihn Bäume pflanzen. Und die mittlerweile 17 Mitarbeiter seiner Organisation, die sich über Spenden finanziert. Sie planen die Reisen und Medienauftritte des 13-Jährigen. Stundenlang kann er über Treibhausgase und Gerechtigkeit sprechen. Dabei heißt das Motto seiner Kampagne „Stop talking – start planting“. «Weil mich aufregt, dass die Erwachsenen viel herumreden, aber die Probleme der Welt nicht lösen.» Er hat schon etlichen Prominenten symbolisch das Wort verboten und für Fotoshootings, neben anderen, dem Top-Model Gisele Bündchen und auch Prinz Albert von Monaco den Mund zugehalten.

Der Einsatz für die Bäume ist so aufwendig, dass für den Schüler der internationalen Schule bei Starnberg wenig Raum für Hobbys bleibt. Sobald Ferien sind, zieht er in die Welt. Erst seit gestern ist er aus Afrika zurück. Dort hat er Pflanzunterricht in Schulen gegeben. «Wir haben 5500 Kinder zu Botschaftern für Klimagerechtigkeit ausgebildet», so nennt er das. Er legt eine Kunstpause ein, damit sein Gegenüber staunen kann. Wer kauft denn Bäume in Afrika, wo die meisten Familien arm sind? «Wir bringen den Schülern bei, aus Samen Setzlinge zu ziehen», erklärt er. Wird ein Baum daraus, der Früchte trägt, haben die Familien mehr zu essen. Ob er das selber schon versucht hat? «Naa, hier wächst ja alles von allein».

Inzwischen tragen rund 10000 Kinder seine Botschaft weiter, 4000 in Deutschland. Angefangen hat seine Heldenreise im Jahr 2007. Bei der Vorbereitung für ein Referat über Klimaschutz stieß der damals Neunjährige auf die Kenianerin Wangari Maathai, die 30 Millionen Bäume gepflanzt hat. Wie Kinder eben so sind, dachte Felix: «Das kann ich auch!» Er forderte seine Mitschüler auf: «Lasst uns in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen!» Seine Lehrerin erzählte das der Direktorin, zwei Monate später pflanzte die Klasse vom eigenen Geld den ersten Baum vor die Schule. Die Leiterin sprach andere Direktoren an, die Lawine kam ins Rollen. 35000 Informationsblätter verschickte Felix mit seinen Mitschülern an 7000 Schulen.

Maßgeblich beteiligt, das gehört dazu, war Vater Frithjof. Der hat als Jugendlicher Joghurtdeckel gesammelt und Bäume gepflanzt. Und später sein Baustoffunternehmen verkauft, um Umweltstiftungen wie die Global Marshall Plan Foundation zu gründen. Die Begeisterung seines Sohnes nahm er zunächst nicht ernst. Doch beide merkten schnell: Will ein Ex-Unternehmer das Klima retten, interessiert das die Welt wenig. Ruft aber ein Neunjähriger zur Pressekonferenz, kommen die Reporter in Scharen. Deshalb beflügelt die Stiftung des Vaters auch das beherzte Beispiel des Sohnes.

In Felix’ Kopf keimt schon eine neue Idee. Seit er mit Gleichaltrigen in 15 Ländern mailt und Videokonferenzen hält, weiß er: «Kinder verstehen sich überall. Wir wollen nicht, dass die Großen unsere Zukunft zerstören.» Sein Plan ist «eine Weltpartei gründen». Weltpolitiker, das kann er sich als Beruf vorstellen. Klimaforscher dagegen «würde mich nicht reizen. Lieber halte ich Vorträge und begeistere andere. Für die Weltkinderdemokratie.» Wie er sich die denn vorstellt? «Weiß ich noch nicht. Warum soll ausgerechnet ich das alles wissen?» Er ist schließlich erst 13. Und will jetzt erst einmal einen Maiskolben.

"Baum für Baum" das Buch von Felix und seinen Freunden gibt es hier.

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(NG, Heft 11 / 2011, Seite(n) 18 bis 22)

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