Der Robin Hood der Eifel

Autor: Nicola Meier  —  Bilder: Ulla Lohmann
Peter Wohlleben-Main

Unsere Welt kann nur dann dauerhaft lebenswert bleiben, wenn wir uns am Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren. Wir stellen Menschen vor, die ökologisch, ökonomisch oder sozial nachhaltig handeln. Wie Peter Wohlleben, den Förster von Hümmel, der sich den Regeln klassischer Waldbewirtschaftung widersetzt – mit Erfolg.

«VOR! VOOOR!», ruft Dorothée Hellenthal, und schon legt der Kaltblut-Wallach los. Die Schultermuskeln des Pferdes treten für einen Moment hervor, als sich die daumendicken Ketten seines Zuggeschirrs spannen und er den 200-Kilo-Stamm anzieht. Dann schleift er ihn, geleitet von der Waldarbeiterin, scheinbar mühelos Richtung Forstweg. Dort steht Peter Wohlleben, ein Zweimetermann, die langen Beine in Arbeiterhosen, am linken Arm seines Parkas ein Aufnäher mit dem Wappen von Hümmel, jener Eifel-Gemeinde, deren Förster er ist. «So ist es gut», er lächelt anerkennend.

Wohlleben, 48 Jahre alt, wirtschaftet in seinem zwölf Quadratkilometer großen Revier in Rheinland-Pfalz so nachhaltig wie wohl nur wenige andere Förster in Deutschland. Natürlich werden auch in seinem Bestand Bäume gefällt, zwischen 5000 und 10000 pro Jahr, zurzeit allerdings weniger, «weil es Stürme gab und der Wald sich erst mal erholen muss». Er lässt allerdings die zersägten Stämme von Pferden aus dem Wald holen. Mit Maschinen könnte er den Gewinn bei der Aufbereitung des Holzes zwar nahezu verdoppeln, aber den Preis dafür müsste die Natur zahlen. «Der Waldboden ist wie ein Schwamm», erklärt Wohlleben. «Wenn da schweres Gerät drüberfährt, wird er zusammengequetscht, und das Bodenleben erstickt.» Das sogenannte Holzrücken erinnert an längst vergangene Zeiten, aber glaubt man dem Förster, hilft es, die Zukunft des Waldes langfristig zu sichern.

«Viele Leute denken ja, dass alle Förster die Natur schützen», sagt er. «Das ist das Image unseres Berufs. Es stimmt nur leider nicht.» Die klassische Forstwirtschaft beute den Wald aus, statt um Naturschutz gehe es knallhart um Profit. Anders bei Peter Wohlleben. Er schlägt nur maßvoll Holz ein, und er fällt nur die schlecht gewachsenen, krummen Bäume. Mit denen lässt sich zwar weniger Geld verdienen, aber dafür geht es seinem Wald besser. «Woanders guckt man, welche Bäume besonders schön und gerade wachsen, und fällt ihre weniger attraktiven Nachbarn nur, damit die Bäume, auf die man es eigentlich abgesehen hat, viel Platz und Licht haben und schneller dick werden», sagt er. «Und sobald sie dick genug sind, haut man sie ebenfalls um.»

Von dieser Praxis hält Wohlleben nichts. Wenn er sich ärgert, spricht er mit Armen und Händen, um die Dringlichkeit seiner Worte zu unterstreichen. «Gegen die Abholzung des Regenwalds in Brasilien protestieren wir», sagt er, und seine Hände fahren durch die Luft, «aber der deutsche Wald scheint vielen egal zu sein.» Und so wurde Peter Wohlleben eine Art moderner Robin Hood, statt für die Armen kämpft er für die Bäume.

Als er 1992 sein Revier übernahm, wirtschaftete er anfangs noch so, wie er es im Studium der Forstwirtschaft gelernt hatte. Doch immer öfter fragte er sich nach dem Sinn von dem, was er tat. Er traf Öko-Förster und schaute sich in der Schweiz sogenannte Plenterwälder an, in denen alte und junge Bäume urwaldähnlich nebeneinanderwachsen. Wie gesund diese Bäume aussahen und wie gut die Luft war! «So kann ein Wald also sein», dachte er. So einen wollte er auch.

Damit die jungen Buchen in seinem Revier eine Chance bekamen zu wachsen, ohne vom Wild verbissen zu werden, änderte Wohlleben zunächst die Pachtverträge der Jäger und führte später die Bürgerjagd ein. «Die Wildbestände waren mancherorts 50-mal so hoch wie ökologisch verträglich», sagt Wohlleben. Angefütterte Tiere, damit die Jäger genug Wild vor die Flinte bekamen. Es gab Streit mit der Jagdlobby, aber jetzt kommen in Wohllebens Revier junge Buchen wieder hoch.

Nun könnte man denken, dass seine nachhaltige Forstwirtschaft zwar gut ist für den Wald, aber schlecht für seine Bilanzen. Doch mit einem Gewinn von 300.000 Euro im Jahr steht sein Wald besser da als die meisten Reviere. Weil er Konzepte entwickelt hat, mit denen er Geld verdient, ohne dass die Natur leidet. Touristen buchen etwa ökologische Wander- oder Survival-Wochenenden. Auch Unternehmen lassen sich den Einsatz für die Natur etwas kosten: Sie können ein Stück Buchenwald in ihrem Namen unter Schutz stellen.

Der liegt Wohlleben besonders am Herzen. Fast überall in Deutschland sind Buchen von Nadel bäumen verdrängt worden. Denn sie wachsen schneller und bringen mehr Geld. In seinem Revier versucht er das zu korrigieren, langfristig sollen heimische Buchen wieder die Nadelbäume ersetzen. «Wenn wir unseren Wald erhalten wollen, dann müssen wir seine wertvollsten Bestände schützen», sagt Wohlleben. «Und das sind die alten Buchenwälder.» So leidenschaftlich, wie er argumentiert, könnte man sich ihn in der Politik vorstellen. Was ihm dazu fehlt, ist die Fähigkeit zu Kompromissen. Doch beim Thema Nachhaltigkeit kennt Peter Wohlleben keine Kompromisse.

Mit irgendjemandem hatte er in den vergangenen 20 Jahren deswegen eigentlich immer Ärger, ob mit Forstverwaltern, Jägern oder Gemeindepolitikern. Kaum war eine Hürde genommen, tauchte die nächste auf. Vor acht Jahren war er kurz davor aufzugeben. Er plante, mit seiner Frau Miriam und den zwei Kindern nach Schweden auszuwandern. Das erfuhr der Bürgermeister von Hümmel und bot ihm eine Stelle in der Gemeinde an. Wohl­leben überlegte. Seine Beamtenstelle bei der staatlichen Forstverwaltung sicherte ihn und seine Familie ab, hielt ihn aber auch gefangen. Er kündigte und ist seither Gemeindeförster.

Seine Arbeit wurde inzwischen vielfach ausgezeichnet, aber es gibt noch immer Kollegen, die seine Methode in Frage stellen. Da nützt es wenig, dass er auch mal Vertreter des Umweltministeriums empfängt. Sogar eine Delegation aus dem Iran kam in die Eifel, um sich zu informieren. Doch für viele bleibt er ein Nestbeschmutzer.

Dieses Leben als Vor­- und Einzelkämpfer ist anstrengend, das merkte Wohlleben vor drei Jahren. Er hatte ein Burnout. Und musste das lernen, was gerade jenen Menschen schwerfällt, für die ihr Beruf mehr ist als ein Weg zum Geldverdienen: «Wenn man sich zu sehr identifiziert, macht man sich das Leben schwer.»

Er will zwar nach wie vor etwas verändern, aber er lernte, damit umzugehen. Er schreibt Bücher über Waldwirtschaft und postet Beiträge bei Facebook. Mittlerweile kann er auch loslassen. «Meine Lebensspanne ist sowieso zu kurz, um die langfristigen Erfolge zu sehen», sagt er. «Ich kann nur versuchen, die Zukunft abzusichern.»

Dann steht der nächste Termin an, eine Führung durch den Ruheforst. Der Bestattungswald ist sein wohl erfolgreichstes Projekt: Seit zehn Jahren können sich Menschen dort eine Grab­ stelle unter einer Buche kaufen. So tragen sie dazu bei, den Schutz des Waldes zu finanzieren.

Milchig trüber Himmel, der Wind drückt die gefühlte Temperatur unter die null Grad, die das Thermometer anzeigt. Es schneit, im Wald ist es friedlich und still. Nur unsere Schritte schmatzen auf dem Weg, als wir im knöcheltiefen Neuschnee durch den Ruheforst gehen. Bereits mehr als 2500 Menschen sind hier bestattet. Die Äste der Bäume sehen aus wie mit weißem Zuckerguss überzogen, der Schnee hat den kahlen Winterwald in einen Märchenwald verzaubert.

Wohlleben führt ein älteres Paar durch den Wald: Mechthild und Burghard Kinzel lassen sich über Bestattung und Preise für ein Urnengrab informieren. Je nach Baum kostet es zwischen 500 und 1000 Euro. Sie mögen den Gedanken, in der Natur begraben zu werden, sagen die Eheleute, und dass sie damit ihrerseits etwas für die Natur tun – umso besser. Und außerdem, sagt Mechthild Kinzel lachend, gefalle ihr der Ortsname so gut. «Begraben in Hümmel», also das klinge ja nun wirklich wie «im Himmel».


(NG, Heft 03 / 2013, Seite(n) 22 bis 27)

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