Der sanfte Kapitalist

Autor: Franziska Bossy

Unsere Welt kann nur dann dauerhaft lebenswert bleiben, wenn wir uns am Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren. Wir stellen Menschen vor, die ökologisch, ökonomisch oder sozial nachhaltig handeln. Pioniere mit wegweisenden Ideen. Wie Christian Gelleri, den Vorkämpfer für Deutschlands erfolgreichste Lokalwährung.

Christian Gelleri

Bild: Robert Brembeck Vergrößern

"Die Rechnung, bitte." Christian Gelleri bezahlt seinen Tee im Café Aran-Haus in Rosenheim mit Chiemgauern.

Im Chiemgau lässt Christian Gelleri Geld drucken. Die Menschen nennen es wenigstens so. Denn eigentlich darf das nur der Staat. Offiziell müssen die bunten Noten Gutscheine heißen. Sie tragen den Namen der Region: Chiemgauer. Die Parallelwährung sorgt dafür, dass das Geld, das die Leute verdienen, in ihrer Heimat zirkuliert: Der Safthersteller bezahlt den Apfelbauern mit Chiemgauern, der Apfelbauer begleicht damit seine Zeche im Wirtshaus, der Wirt tauscht die Chiemgauer gegen das Fleisch für seine Wildspezialitäten. Die lokale Geschäftswelt profitiert von diesem Konsumkreislauf. Weil vor zehn Jahren ein damals 27-jähriger Wirt­schaftslehrer eine Revolte startete. Doch einen Guerillakämpfer stellt man sich anders vor.

Im Café Aran-Haus in Rosenheim nippt der schlanke Vegetarier bedächtig an seinem grünen Tee. Er spricht immer ein bisschen zu leise, fast meditativ. Seine Stärke ist die ruhige Beharrlichkeit sachlicher Argumente. "Früher mochte ich Strategiespiele", sagt Gelleri. Solche wie "Risiko“, bei denen man die Welt mit bunten Plastiksoldaten besetzt. "Jetzt habe ich den Chiemgauer." Die Gebiete, die er heute erobert, heißen Achental, Chiemsee, Trostberg, Rosenheim, Wasserburg und Mangfalltal. Monat für Monat überzeugt er weitere Mitmenschen, Vereine und Firmen vom nachhaltigen Nutzen des lokalen Finanzsystems.

Alles begann 2002 an der Waldorfschule Prien. Gelleri wollte nicht das Weltwährungssystem infrage stellen, sondern eine Turnhalle finanzieren. Mit seinen Schülern gestaltete er Geldscheine, die an die Stelle des Euro treten sollten. Als die ersten Betriebe akzeptierten, heimische Waren und Dienst­leistungen gegen diese Noten zu tauschen, war der Chiemgauer geboren. Die lokalen Unternehmen verpflichteten sich, von jedem Chiemgauer drei Prozent dem Schulverein zu spenden. Mit dem Gewinn wurde der Bau der Sporthalle gefördert.

Gelleris Währung folgt einer alten Idee: Geld soll Tauschmittel sein, nicht gehortet werden. Deswegen verlieren die Scheine alle drei Monate zwei Prozent ihres Werts. Dann muss man für diesen Betrag Klebemarken kaufen und die Noten aufwerten (Foto links). Das geht siebenmal über eine Laufzeit von 24 Monaten. Wer sich die Gebühr sparen will, wird die Scheine also schnell wieder ausgeben. Am Ende der Laufzeit kann man die Chiemgauer gegen neue Scheine eintauschen. Oder gegen Euro zurücktauschen.

Dieses System in Gang zu halten erfordert Zeit. Gelleri hat deshalb seinen Beruf als Lehrer aufge­geben. Er ist Vorsitzender des Trägervereins Chiemgauer e.V. und Vorstandssprecher der Regios eG. Die Genossenschaft vergibt zinsfreie Mikrokredite mit dem Regionalgeld. Er selbst erhält sein Gehalt vollständig in Chiemgauern.

In Südost-Oberbayern ist die Lokalwährung im Alltag der Menschen angekommen. Und in ihrer Sprache. "Sie sagen, "mia toan chiemgauan"", erzählt Gelleri. Man merkt ihm sichtlich an, dass er sich darüber freut. Inzwischen kann man in mehrals 600 Geschäften chiemgauern. Etwa im Naturwarenhandel Frau Wolle in Traunstein. Inhaber Alexander Jäger schätzt seine Regiogeld-Einnahmen auf 20 bis 25 Prozent des Barumsatzes. "Ohne den Chiemgauer", sagt Jäger, "hätt ich manchen Kunden nicht, da bin ich mir sicher." Die Leute, die damit einkaufen, reden darüber. Mit dem Händler und untereinander. Das bricht die sonst verbreitete Anonymität auf und stärkt das Regionalbewusstsein.

"Bei uns funktioniert das sehr gut", bestätigt Werner Waap, ein Lebensmittelhändler in Prien. Bei ihm gibt es vor allem regionale Produkte zu kaufen: Getreide, Mehl, Honig, Schinken. Sein Laden akzeptiert den Chiemgauer seit 2004 und ist eine Station im Kreislauf der Lokalwährung. 30 Kilometer weiter östlich, in Raubling, gehört auch der Bio-Ring-Markt von Helmut Schmidt dazu. "Wir bezahlen inzwischen viele unserer Lieferanten mit Chiemgauern", sagt Schmidt.

Irgendwann erreicht das Regiogeld dann die Kelterei Stadler. Die sitzt in Piding bei Freilassing, kurz vor der Grenze nach Österreich, und verwandelt heimische Früchte in Getränke: Apfel-Johannisbeer-Saft oder Holunderblütensirup. Der Familienbetrieb liegt sogar im Einzugsgebiet von zwei Regionalwährungen: Auch der Berchtesgadener Sterntaler ist hier willkommen (Kasten rechts). "Wir beliefern Geschäfte bis Rosenheim", sagt Walburga Stadler. Die Geschäftsfrau ist nicht nur heimatverbunden, sie hat auch den Rest der Welt im Blick. Als Grünen-Politikerin verbindet sie den Nutzen, den die Menschen um sie herum von lokalen Warenkreisläufen haben, mit dem Einsatz für eine dauerhaft lebenswerte Umwelt: "Klimaschutz durch regionale Wertschöpfung", das war ihre Botschaft, mit der sie 2008 für einen Platz im Kreistag kandidierte. Die Gutscheine, die sie für ihre Säfte einnimmt, "die geb i im Gasthaus beim Essen wieder aus, im Forsthaus Adlgass in Inzell. Oder im Regioladen in Mitterfelden."

Das Geld bleibt also in der Region, auch wenn die Kreise, die der Chiemgauer zieht, größer werden. Heute gilt er mit mehr als fünf Millionen Euro Jahresumsatz als Deutschlands erfolgreichste Regionalwährung – und als Vorbild für viele Nachahmer. Doch gute Absichten allein machen aus einer Idee noch keinen Selbstgänger. Das zeigte sich etwa am Alto. Der wurde 2007 in Hamburg-Altona eingeführt, war aber nach drei Jahren wieder verschwunden.

Auch Gelleri stieß auf Widerstände. Dazu gehörte die Angst vor der schleichenden Entwertung der Regiowährung. "Das ist ein Tabu, denn: Geld muss mehr wert werden." Gelleris Argument: "Geld, das nur im Beutel liegt, ist für die Gemeinschaft zwecklos. Damit es der Region nützt, muss es im Umlauf bleiben. Viele denken aber zunächst: Das kostet mich etwas, also mach ich es nicht."

Und wie ist es ihm gelungen, die Menschen zu überzeugen? "Es hilft", sagt Gelleri, "wenn man den Nutzen der Gutscheine für die lokale Wirtschaft zusätzlich an ein gemeinschaftliches Projekt koppelt, das die Leute begeistert." In Prien war das der Bau der Sporthalle. Heute entscheidet im Chiemgau jeder Nutzer selber, an welchen Verein die dreiprozentige Abgabe fließen soll, die ein Unternehmer von seinen Einnahmen weitergibt. Der Rosenheimer Trachtenverein ließ davon seine Fahne restaurieren, der Handballverein kaufte neue Trikots für die Kinder. Insgesamt profitieren heute mehr als 200 Vereine von der Förderung durch die Regionalwährung.

"Man muss den Leuten Brücken bauen, damit sie mitmachen", sagt Gelleri. Und das Blitzen in seinen Augen zeigt, dass dieser große Junge weiß, wie er sein Spiel gewinnen wird.

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(NG, Heft 6 / 2011, Seite(n) 18-22)

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