Der Tomatenfischer

Autor: Jürgen Nakott  —  Bilder: Benno Kraehahn
Werner Kloas-Main

Unsere Welt kann nur dann dauerhaft lebenswert bleiben, wenn wir uns am Prinzip der NACHHALTIGKEIT orientieren. Wir stellen Menschen vor, die ökologisch, ökonomisch oder sozial nachhaltig handeln. Wie WERNER KLOAS. Mit seinem System „Tomatenfisch“ können überall Lebensmittel erzeugt werden, ohne die Umwelt zu belasten.

Die besten Ideen sind ja die, über die andere sagen: «Das hätte ich auch gekonnt.» Genial einfach. Oder einfach genial? Wie der „Tomatenfisch“. Der funktioniert kurz gesagt so: Man nimmt ein Gewächshaus, speist Abwärme aus Kraftwerken ein und bekommt leckere Süßwasserfische und Tomaten heraus. Oder Gurken. Salat. Kohlrabi. Basilikum. Vielleicht bald auch Bananen?

Über solche Anregungen seiner Mitarbeiter ist Werner Kloas begeistert. Wenn er davon erzählt, blitzt dem 53-jährigen Abteilungsleiter am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) eine beinah lausbübische Freude aus den Augen. Über das Projekt, natürlich, aber auch über sein Team, das hier am Müggelsee im Südosten von Berlin den „Tomatenfisch“ bis zur wirtschaftlichen Einsatzreife weiterentwickelt hat.
Anfang Dezember wurden Kloas und seine Leute dafür mit dem erstmals vergebenen Forschungspreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises ausgezeichnet.

Mag sein, dass der Name geholfen hat, die Idee zu präsentieren. Ein „Tomatenfisch“ erregt eben mehr Interesse als ein „Aquaponik-System ASTAF-PRO“, wie die offizielle Bezeichnung lautet. Und richtig ist auch: Mit Tomaten lässt sich die kombinierte Fisch- und Gemüsezucht immer noch am schönsten vorführen: die lokale Produktion gesunder Lebensmittel in einem beinahe geschlossenen Kreislauf, fast ohne Wasserverbrauch und Abgabe von CO2, ohne Düngemittel von außen und ohne die üblichen Antibiotika für die Fische. «Solange man nur so viele Fische einsetzt, dass sie ohne Stress miteinander auskommen.»

Darauf achtet Kloas, damit kennt er sich aus: Als Ökophysiologe hat er sich am Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn mit den Auswirkungen von Stress auf Zuchttiere beschäftigt. Und mit den Folgen für die Umwelt, wenn Medikamente aus Zuchtanlagen in Seen und Flüsse geraten. Hinzu kommt sein persönlicher Hintergrund: Der Vater war Förster im Badischen bei Karlsruhe. Er machte seinen Sohn im heimischen Revier schon früh mit den Prinzipien nachhaltiger Bewirtschaftung der Natur vertraut. Auch fasziniert ihn das Leben in Tümpel, Bach und Weiher, seit er denken kann: «Sogar das Schwimmbecken im Garten der Eltern habe ich zum Biotop umfunktioniert.» Und nicht zuletzt war da der Einfluss des Pioniers im Umweltjournalismus: «Horst Stern und sein damals noch politisch-engagiertes Magazin Natur haben mich in den achtziger Jahren gelehrt, in ökologischen Kategorien zu denken.»

Das alles brachte Kloas mit, als er 1999 an das Institut am Müggelsee kam, wo er Leiter der Abteilung für Aquakultur wurde: «Eine Chance wie ein Sechser im Lotto.» Er griff bereits vorhandene Ideen auf und führte sie konsequent weiter. 2008 war es so weit: In einem 170 Quadratmeter großen Gewächshaus gediehen Tilapias – afrikanische Süßwasserbarsche – und Tomaten in einem ständigen Kreislauf von Wasser und Nährstoffen.

Heute ist die Technologie in 38 Ländern patentiert, auf Messen wie der „Grünen Woche“ in Berlin oder der „EuroTier“ in Hannover stauen sich die Interessenten am sechs Meter langen begehbaren Demonstrationscontainer. «Aquakultur wird künftig weltweit eine größere Rolle spielen, denn Fisch ist umweltfreundlicher und energieärmer zu produzieren als Rind, Schwein oder Huhn, deren Haltung den Klimawandel anheizt», sagt Kloas.

In sonnenreichen, aber wasserarmen Südländern könnten die Menschen Lebensmittel für den Eigenbedarf in einem System im Regentonnenformat züchten. In Berlin bietet das Unternehmen Efficient City Farming (EFC) bereits Containerfarmen für Stadtbauern an, die Fisch und Gemüse selber ziehen wollen. Nach oben seien dem Ausbau kaum Grenzen gesetzt: «Auf einer Fläche von tausend Quadratmetern kann man pro Jahr jeweils 15 Tonnen Fisch und Tomaten züchten. Ohne zusätzliche Energie – wenn man zum Beispiel die bei uns im Überfluss vorhandene Abwärme aus Biogasanlagen und Kraftwerken zum Heizen des Wassers nutzt.»

Tilapias wachsen am schnellsten bei 25 bis 27 Grad. Doch eigentlich seien alle Warmwasserfische geeignet, sagt Kloas. «Ein guter Kandidat ist der afrikanische Wels Clarias – robust, produktiv, schmackhaft.» Es gebe überhaupt keinen Grund, weiterhin antibiotikabehandelten Pangasius aus asiatischer Massenzucht zu essen.

Und was geschieht mit all den Tilapias und den Tomaten aus der Zucht im Institut? Kloas lacht: «Verkaufen dürfen wir sie als Forscher ja nicht. Nur selber essen. Immerhin beschäftigen alle Abteilungen des IGB zusammen rund 200 Leute. Da geht dann gut was weg.»

Der Forschungspreis „Nachhaltige Entwicklungen“ des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, gestiftet vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, wurde 2012 erstmals vergeben.
Nominiert waren auch: CuveWaters – ein Projekt des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main mit dem Ziel, in Namibia mit der örtlichen Bevölkerung eine nachhaltige lokale Wasserversorgung aus natürlichen Quellen wie Regenwasser oder salzhaltigem Grundwasser zu realisieren.
Und: TES EnergyFacade – ein von der Technischen Universität München entwickeltes innovatives Holzbausystem zur energetischen Modernisierung und Dämmung von Altbauten.

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(NG, Heft 1 / 2013, Seite(n) 28 bis 30)

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