„Die Angst darf dich nicht aufhalten“

Autor: Alexandra Polič  —  Bilder: Matthew Newton
Paul Pritchard Totem Pole

Bild oben: Am 4. April 2016, 18 Jahre nachdem er an derselben Stelle fast gestorben wäre, zieht Paul Pritchard sich an einem Seil den Totem Pole in Tasmanien hoch.

Paul Pritchard ist einer der besten britischen Kletterer, als er 1998 nach Tasmanien reist, um dort den Totem Pole zu bezwingen, einen 65 Meter hohen und 4 Meter breiten Brandungspfeiler. Während des Aufstiegs fiel Pritchard ein Felsbrocken, so groß wie ein Computerbildschirm, auf den Kopf. Die Folgen sind fatal: Seine rechte Körperhälfte ist gelähmt, sein Gedächtnis beeinträchtigt, das Sprechen fällt ihm schwer. Pritchard aber kämpft sich zurück, erst ins Leben – und 18 Jahre später erneut auf den Totem Pole.
Ein Kurzfilm, der derzeit auf dem Banff Mountain Film Festival läuft, dokumentiert seinen zweiten Aufstieg. Im Interview mit NATIONAL GEOGRAPHIC spricht der heute 50-Jährige über seinen unbeugsamen Willen, die Rückkehr zum Totem Pole und wie die Gesellschaft Menschen mit Behinderung diskriminiert.

Herr Pritchard, wie geht es Ihnen?
Mir geht es gut, danke. Ist heute der Interviewtermin? Seit meinem Unfall habe ich Probleme damit, mir Zeitpläne zu merken. Ja, der ist heute.

Haben Sie Zeit? Ich weiß, dass Sie bald nach Europa fliegen.
Das ist richtig. Ich reise morgen nach Wales, wo ich aufgewachsen bin. Auf dem Banff Festival werde ich dort über meine Geschichte sprechen, später auch in Deutschland und in der Schweiz.

Paul Pritchard Kopfverletzung

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Paul Pritchard Vergrößern

Können Sie sich an den Unfall erinnern?
Das erste, an das ich mich erinnern kann, nachdem mir der Brocken auf den Kopf gefallen war, ist, dass ich kopfüber über dem Wasser hing. Ich wusste sofort, dass die Situation ernst war. Eine Unmenge an Blut rann ins Meer. Meine Partnerin hat danach Übermenschliches geleistet. Sie musste mich zuerst 30 Meter hochbekommen und dann acht Kilometer laufen, um Hilfe zu holen. Und mit dem Hubschrauber war die Stelle nicht zu erreichen. Zehn Stunden vergingen, bis ich gerettet wurde. Ich habe die ganze Zeit einfach nur verzweifelt versucht, nicht einzuschlafen. Ich dachte: Wenn ich jetzt einschlafe, wache ich vielleicht nie wieder auf. Aber ich verlor immer wieder das Bewusstsein. Ich hatte die Hälfte meines Blutes verloren. Die Folgen sind schwerwiegend.

Woher kommt Ihre Kraft, weiterzumachen und sich immer wieder selbst zu fordern?
Ich war immer eine zielstrebige Person. Ich glaube, das habe ich aus meiner Karriere als Kletterer mitgenommen. Wenn ich nicht wirklich entschlossen bin, einen Berg zu besteigen, werde ich es auch nicht schaffen.

Der Film, der auf der Banff-Tour über Sie gezeigt wird, heißt „Doing it scared“ – und doch scheint es, als hätten Sie nie Angst.
Natürlich habe ich Angst, aber ich glaube, man muss sie einfach akzeptieren. Ich habe mich mit ihr angefreundet. Jedes Tier hat Angst. Aber die Angst darf niemanden davon abhalten, etwas zu tun. Wenn man sie immer wieder bezwingt, verändert sich etwas im Gehirn. Man wird mutiger. Es wird einfacher, sich ihr zu stellen. Ich war auch sehr nervös, als ich im April auf den Totem Pole war. Ich habe jetzt Kinder, an die muss ich auch denken. Aber ich habe es geschafft.

Wie hat es sich angefühlt, den Totem Pole nun endlich zu bezwingen?
Ich war wie im Rausch. Nach 18 Jahren fühlte es sich an, als hätte ich eine Lücke geschlossen. Nach meinem Unfall dachte ich, ich könnte nie wieder klettern. Ich war im Rollstuhl. Viele Ärzte glaubten, ich könnte nie wieder gehen.

Wie ist es Ihnen technisch und körperlich überhaupt möglich, solch einen Aufstieg zu schaffen?
Normalerweise benutzt man seine Hände und Füße, um auf einen Felsen zu klettern. Ich aber bin den Totem Pole sozusagen an einem Seil hochgeklettert. Ich musste ein eigenes System entwickeln, um mich mit nur einer Hand an dem Seil hochziehen zu können. Ich begann, verschiedene Ideen und Möglichkeiten auszuprobieren. Am Ende habe ich eine Technik gefunden, die für mich funktionierte: Wie bei einem Flaschenzug kann ich mich an dem Seil selbst hochhieven. Damit trainierte ich an lokalen Felsen. Als ich mich stark genug fühlte, organisierte ich den Aufstieg. Insgesamt 126 Mal zog ich mich im April an dem Seil hoch. Meine Schulter schmerzt noch immer. Aber es ist ein guter Schmerz.

Nach Ihrem Unfall haben Sie den Kilimanjaro erklommen, sind auf einem Liegedreirad durch Tibet bis zum Mount Everest gefahren – und waren erneut am Totem Pole: Was wird Ihre nächste Herausforderung?
Ich werde im September auf einem Twicycle, einem Rad, das man mit Händen und Füßen antreiben kann, vom tiefsten zum höchsten Punkt Australiens fahren – gemeinsam mit einem Tandem-Partner. Er ist übrigens blind. Und was wir machen, hat zuvor noch niemand gemacht. Wir starten am Lake Eyre, 15 Meter unter dem Meeresspiegel. Unser Ziel ist der Mount Kosciuszko, der 2.228 Meter hoch ist. Dazwischen liegt Wüste – und eine Strecke von 2.100 Kilometern.

Sie zeigen damit ziemlich deutlich, dass eine Behinderung keine Einschränkung bedeutet.
Ja, das möchte ich auch. Ich will mit Vorurteilen aufräumen. Weil ich glaube, dass Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft noch immer viel zu oft diskriminiert werden. Dabei können sie mit etwas Unterstützung großartige Dinge vollbringen. Ich denke da gerne an das Seil, das mir geholfen hat, den Totem Pole hochzuklettern. Es ist doch dasselbe wie eine Brille, die Menschen hilft, besser zu sehen. Und schon merken wir: Niemand ist unabhängig. Wir alle brauchen Hilfe und Unterstützung.

Haben Sie Diskriminierung auch persönlich erlebt?
Ja, das habe ich. Zweimal wurde ich sogar körperlich angegriffen. Einmal wurde ich geschlagen, als ich einfach nur meine Kinder ins Theater gebracht habe. Ich kann mir das nicht anders erklären, als dass diese Leute Angst vor mir hatten. Aber ich arbeite daran, andere darauf aufmerksam zu machen, dass leider viel zu viele so auf Menschen mit Behinderung reagieren.

Wie machen Sie das?
Ich besuche Schulen und erzähle 16- bis 18-Jährigen von meiner Lebensgeschichte, um ihnen zu zeigen, dass eine Behinderung nicht bedeutet, dass man irgendetwas nicht schaffen kann. In Workshops können sie mir alle Fragen stellen, die ihnen auf der Seele brennen – damit das Leben mit Behinderung, zumindest für sie, nicht länger ein Tabuthema bleibt.

Paul Pritchard wird bei folgenden Terminen des Banff Mountain Film Festival in der Schweiz und in Deutschland anwesend sein:

Am 10. März 2017 im Volkshaus Zürich
Am 12. März 2017 im Gundeldinger-Casino in Basel
Am 25. März 2017 in der Alten Kongresshalle in München

Mehr Infos zu Paul Pritchard findet ihr hier.

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