Die Wohnverwandtschaften

Autor: Alexandra Wolters  —  Bilder: Gordon Welters
Christel Werb

Im Hochhaus wohnen, wer möchte das schon? Mit Hunderten von Menschen unter einem Dach und dennoch anonym. In uniformen Wohnungen zwischen verwahrlosten Fluren.

In den 16 Stockwerken der „Buggi 50“ hingegen möchten viele leben. In diesem Hochhaus fühlen sich die 250 Bewohner pudelwohl, ob jung oder alt, ob aus Deutschland oder anderen Ländern der Welt. Der grün-weiße Turm an der Bugginger Straße 50 im Freiburger Stadtteil Weingarten-West steht auch bei Besuchern von außerhalb hoch im Kurs. Sie kommen, um dieses besondere Wohnprojekt kennenzulernen und Ideen mitzunehmen. Weil man hier anders lebt. Und weil es hier Christel Werb gibt.

Die Sozialarbeiterin organisiert seit zehn Jahren als Quartiermanagerin für den Verein „Forum Weingarten“ die Bürgerbeteiligung in diesem Stadtteil Freiburgs. Auch die „Wohnverwandtschaften“ gehen auf eine Idee der 53-Jährigen zurück: die Förderung eines guten und nachhaltigen Zusammenlebens von Menschen, die sich im Idealfall wie eine große Familie helfen. Oder zumindest im Notfall füreinander da sind.
«Es ist ja kein Geheimnis, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Darauf müssen wir uns allmählich einstellen und Alternativen zum Leben allein oder im Altersheim finden. Eine intakte Nachbarschaft, in der die Menschen sich gegenseitig schätzen und respektieren – das ist doch erstrebenswert», sagt Christel Werb.

Normalerweise kann man sich seine Nachbarn nicht aussuchen. In der „Buggi 50“ machte die dreifache Mutter das möglich. Für den Umbau des 40 Jahre alten Gebäudes zum weltweit ersten sanierten Passivhochhaus mussten vor drei Jahren alle Mieter ausziehen. Nur wenige kamen im vergangenen Jahr zurück. «Uns erwartete also auf einen Schlag eine völlig neue Wohngemeinschaft. Wie kann das gut gehen?», hatte sich Christel Werb gefragt und dann in ihre „Trickkiste“ gegriffen. Die steht in ihrem Büro im Erdgeschoss, voll mit buntem Papier, Klebstiften und Farben. Die Sozialarbeiterin bastelt gern, nicht nur, um zu sparen, sondern weil die Menschen das Einfache oft besser verstehen. So war das auch bei ihrer Erfindung der Stockwerkbörse.

Ein halbes Jahr vor Bezug des Hochhauses lud sie alle Mietinteressenten zu einem Treffen ein, damit sie mögliche Nachbarn kennenlernen können. In den Räumen des „Forum Weingarten“ entrollte sie den Grundriss eines Stockwerks. Jede der neun unterschiedlich geschnittenen Wohnungen hatte sie farbig markiert. Hellgrün war Wohnung 4 – zwei Zimmer, ein Bad mit Wanne, Südbalkon. Wer sich dafür interessierte, klebte sich einen hellgrünen Zettel an die Brust und ging zu einem der 16 Tische, die für die Stockwerke standen.

Dann wanderten die möglichen Mieter von Tisch zu Tisch und lernten sich kennen – wie bei einer großen Blind-Date-Veranstaltung. «Es ist klar, dass sich hier nicht alle lieb haben. Doch es muss möglich sein, dass man auf seinem Stockwerk bei jemandem klingelt, wenn man Hilfe braucht», sagt Christel Werb. Sie sieht sich eher als Türöffnerin und Wegbereiterin, nicht als Hausmeisterin oder Managerin.

«Vor dem Einzug hatte ich ein wenig Angst vor der Anonymität in einem Hochhaus. Aber hier lebt es sich wie in einer großen WG», findet Konstanze Trandin, die erst vor ein paar Tagen ihrer Nach­ barin beim Verschieben eines Schranks geholfen hat und gern Kochtipps gibt. «Vor allem die jün­geren Leute freuen sich über Ratschläge – und ge­hen dafür dann mal einkaufen oder kommen mit der Bohrmaschine vorbei.» Die 56­Jährige führt das auch auf das frühe Kennenlernen der Bewoh­ner bei der Stockwerkbörse zurück. Und auf die Veranstaltungen in der „Buggi 50“: Tanzabende, gemeinsames Kochen, Geburtstagsfeiern.

Einige Treffen sind auf Initiative der Bewohner entstanden, manche Angebote kommen vom „Forum“. Als sich Fragen nach dem richtigen Umgang mit der Passivhaus­-Technik häuften, hatte Christel Werb die Idee, Frauen aus dem Haus zu „Sparfüchsinnen“ auszubilden. Die erklären ihren Nachbarn, wie man Strom spart und warum durch den Wärmeaustausch meistens kein Heizen nötig ist. «Die Damen taten das viel anschaulicher als Fachleute», urteilt Olga Schweigert, die sich selber im Haus engagiert – als Sportmentorin.

Die gebürtige Russin geht vor nach draußen. Auf einer hellen Sandfläche stehen Geräte aus Edel­stahl und rotem Kunststoff. Die Anlage sieht fast aus wie ein Spielplatz. Wären da nicht gestandene Leute bei ihren Übungen. Christel Werb lehnt sich gegen eine Rolle mit Plastiknoppen. «Das ist wie eine Massage unter freiem Himmel!» Damit das Angebot richtig genutzt wird, hat das „Forum Weingarten“ Mitbewohner schulen lassen, die nun regelmäßig Kurse anbieten.

Auf dem Rückweg macht Christel Werb kurz im Foyer Halt. Neben den 139 Briefkästen hängt ein Schwarzes Brett mit Informationen und Terminen. Wenn etwa eine Wohnung leer steht, müssen sich die möglichen neuen Mieter im Haus vorstellen. Die Nachbarn haben ein Vetorecht. Zu den Terminen gehören aber auch Besuche von Gruppen aus dem In- und Ausland, die sich für das Konzept der „Buggi 50“ interessieren. Zur Begrüßung der Gäste zeigt sie gern ein Plakat, auf dem die Bewohner Willkommensgrüße in ihrer Landessprache verfasst haben: Buongiorno, Marhaba, Bienvenue, Paschalawat und Karibu ist da zu lesen. Wenn ihre jüngste Tochter in einigen Jahren aus dem Haus ist, würde Christel Werb gern selber einziehen. «Falls sie mich nehmen.» Sie wäre bestimmt eine gute Nachbarin.

Lebenswert wohnen im Alter
Eine Übersicht über weitere Projekte zum Mehrgenerationenwohnen, über Alten-WGs sowie moderne Formen des betreuten Wohnens sehen Sie auf der Website der Bundesvereinigung „Forum Gemeinschaftliches Wohnen e.V.“ unter: www.fgw-ev.de

Weitere Artikel zu Nachhaltigkeit finden Sie auf unserer Themenseite Nachhaltigkeit.

Kennen auch Sie Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen? Schicken Sie uns Ihre Vorschläge: NATIONAL GEOGRAPHIC, Stichwort „Das gute Beispiel“, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg; E-Mail: gutesbeispiel@nationalgeographic.de

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(NG, Heft 06 / 2012, Seite(n) 22 bis 26)

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