Golfen für den Speierling

Autor: Jürgen Nakott  —  Bilder: Dominik Asbach

Unsere Welt kann dauerhaft nur lebenswert bleiben, wenn wir das Prinzip der NACHHALTIGKEIT beachten. Wir stellen Menschen vor, die ökologisch, ökonomisch oder sozial nachhaltig handeln. Wie GERD W. THÖRNER. Auf dem Gelände eines Golfplatzes zeigt er, dass Outdoor­Sport und Naturschutz durchaus Partner sein können.

«ÖKOLOGIE MUSS CHEFSACHE SEIN!» Mit vier Wörtern legt Gerd W. Thörner seine Philosophie dar. Der für den Naturschutz zuständige Vorstand des Golfclubs Hubbelrath – von Beruf Neurologe, aus Berufung Ökologe – hat in den Ausläufern des Bergischen Landes über Jahrzehnte aus einer Ackerlandschaft „Düsseldorfs artenreichstes Stadtbiotop“ geformt. Hubbelrath ist Modell dafür, wie man scheinbar Unvereinbares nachhaltig vereint: den Drang der Menschen, in freier Natur sportlich aktiv zu sein, und die Natur zu schützen.

Negative Beispiele gibt es genug: Seilbahntrassen über skipistenzerfurchten Almen; Gleitschirmflieger, die Gämsen aus Bergwänden scheuchen, Autorennen durch Moore und Wüsten. Aber die anderen werden mehr: Kletterer, die Rücksicht nehmen auf Edelweiß und Brutvögel; Kajakfahrer, die sensible Uferzonen meiden. Und Golfer, die sich um die Förderung heimischer Artenvielfalt verdient machen.

Ausgerechnet Golfer?! Die in karierten Hosen kleine Bälle über sterile Rasenteppiche schlagen? Wer so fragt, sollte sich bei Josef Tumbrinck schlaumachen. Der Vorsitzende des Naturschutzbunds (Nabu) in Nordrhein-Westfalen lobt Hubbelrath als «ökologische Vorzeigeanlage» mit deutlich höherer Artenvielfalt als in der Kulturlandschaft drum herum. 18 Rote-Liste-Pflanzen wachsen auf dem Gelände, unter den Insekten ist etwa der seltene Blaue Eichenzipfelfalter zu nennen. Über naturnah gestalteten Kolken kurven bunte Libellen, Grasfrosch und Bergmolch tummeln sich im Wasser, abends jagen mehrere Fledermausarten nach Beute, darunter die gefährdete Teichfledermaus. In tarnfarbenen Nistkästen ziehen Steinkauz und Schleiereule ihre Jungen groß. Tumbrinck organisiert auch biologische Exkursionen über den Golfplatz. Wenn die Teilnehmer Glück haben, sehen sie einen Kauz zu Fuß über die Spielbahnen trippeln und Regenwürmer ernten.

Das große Potenzial von Golfplätzen zur Förderung der Artenvielfalt ist durch mehrere Studien belegt, und niemand hat dafür so viel getan wie Gerd W. Thörner. Ein im Sternzeichen Stier geborener Westfale, was für manche sein Beharrungsvermögen – andere sagen Sturheit – hinreichend erklärt. Einer, der als Kind Wiesenkräuter gepresst, getrocknet und bestimmt hat, weswegen er sich von den meisten Biologen in Sachen Artenkenntnis nichts vormachen lässt. Einer, der in allem, was er tut, das Maximum anstrebt. Er habe mal am Klosterleben geschnuppert – «natürlich wollte ich Abt werden!» –, hat dann Medizin studiert und mit dem Neurozentrum Düsseldorf Deutschlands größte neuroradiologische Praxis aufgebaut.

Seine Leidenschaft aber ist die Natur geblieben, und gemeinsam gehen wir auf eine Golfrunde, bei der er mir die ökologischen Besonderheiten von Hubbelrath zeigt.

Gleich an der zweiten Bahn soll ich meinen Ball in Richtung eines bestimmten Baums schlagen. Ich verfehle ihn weit, trotzdem machen wir einen kleinen Umweg hinüber. «Was ist das?», lässt Thörner mich raten. Zum Glück bin ich vorbereitet: «Doch nicht etwa – ein Speierling?» Probe bestanden. Der Speierling, eine Wildobstart, ist in Deutschland nur noch extrem selten zu finden. Die knubbeligen Früchte sind kaum genießbar, ihr Saft aber gab früher manchem Apfelwein seine herbe Würze. Dieser Baum sei Teil einer «Lebensversicherung für seltene Sorten», sagt Tumbrinck. Auf dem Golfplatz gibt es einige Streuobstwiesen, vor allem mit rheinisch-bergischen Apfelbäumen: „Rheinische Schafsnase“, „Dülmener Rosenapfel“, „Der Schöne aus Nordhausen“.

Wir sind an Spielbahn 7 angekommen, einem ökologischen Schmuckstück – und eine Herausforderung selbst für Weltklasse-Golfer, die hier zu Wettkämpfen antreten. Vom Champions-Abschlag aus muss der Ball durch eine Baumschlucht über zwei Teiche hinweg mit einem Schlag 180 Meter weit auf die Zielfläche – das Grün – befördert werden. Im Unterholz links hat ein Dachs seinen Bau, im Wasser leben streng geschützte Kammmolche, in der Steilwand über dem Teich brüten Eisvögel. Ich verzichte dankend auf die Ehre, hier meinen Ball zu versenken, und wähle den Abschlag für Normal-Golfer: Das Ziel über 150 Meter hinweg zu treffen ist schon schwierig genug.

Wir spielen uns voran, vorbei an üppig blühenden Magerwiesen mit Bienenstöcken (der Club imkert eigenen Honig). Spielbahn 12 wird idyllisch vom Hasselbach gekreuzt, einem einst unterirdisch verrohrten Wasserlauf, den Thörner freilegen und renaturieren ließ. Auf anderen Golfplätzen signalisieren an solchen Stellen „Biotop“-Schilder, dass das Betreten verboten ist. «Wir sehen alles als Biotop», sagt Thörner. Kein Mitglied trample auf der Suche nach einem verschlagenen Ball die Schwertlilien platt.

Dieses Bewusstsein ist hier mit der Natur gewachsen. «Es gab Zeiten, da legten Vorstandsmitglieder des Deutschen Golfverbands mir den Austritt nahe», erzählt Thörner. Wegen «grüner Spinnereien». Was ihm half, war seine Kompetenz – auch die sportliche. In seinen besten Zeiten konnte Thörner sich mit den Profis messen. «Einen, der kaum weiß, wie man den Schläger hält, hätte man wohl nicht gewähren lassen.» Und in Diskussionen mit Naturschützern und Umweltbehörden hilft es, wenn er über die Sonderstellung des Habichtskrauts Hieracium lachenalii perscissiforme referieren kann: «Wir sprechen dieselbe Sprache. Die wissen, dass wir wissen, was gut ist für die Natur.»

Immer mehr Clubs schließen sich der von ihm auf den Weg gebrachten Initiative „Golf und Natur“ an und lassen sich von Gutachtern ihr Engagement für den Umweltschutz bescheinigen. Hubbelrath gehört – natürlich – zur Gold-Kategorie, aber das Zertifikat muss alle zwei Jahre erneuert werden.

Am Ende unserer Runde kündigt Thörner deswegen noch einen Clou an: «Im nächsten Jahr werden die Golfcarts für Spieler, die lieber fahren als gehen, mit Solarenergie betrieben. Sie können über Satellitenortung auf Biotopschutz programmiert werden. Kommen sie einem ökologisch sensiblen Bereich zu nahe, funktioniert nur noch der Rückwärtsgang, bis sie wieder auf dem Weg sind.»

Thörners Augen blitzen. Seit 46 Jahren lässt der heute 68-Jährige hier nun schon pflanzen: nach seiner Bilanz jeweils 70000 Bäume und Sträucher. Seine Begeisterung ist frisch wie eh, allmählich aber muss er sich Gedanken machen, wer sein Werk fortsetzt. Die Grundlage hat er gelegt. Hubbelrath ist der erste Golfclub in Deutschland, der „Erhaltung, Sicherung und Förderung der Natur“ gleichberechtigt neben dem Sport im ersten Absatz seiner Satzung verankert hat. Das war Thörner wichtig: «Es soll ja weitergehen.»

Aktiv in der Natur, für die Natur.

Mehr als hundert Vereine haben sich dem Programm „Golf und Natur“ angeschlossen und lassen ihre Anlage ökologisch zertifizieren. Zu den Gutachtern zählen unter anderem Fachleute vom Bundesamt für Naturschutz und von der Universität Hohenheim. Mehr dazu unter golf.de/dgv/umweltprogramm.

10 Regeln zum naturverträglichen Klettern finden Sie beim Deutschen Alpenverein unter dav-felsinfo.de. Die Broschüre „Naturbewusst Paddeln“ können Sie im Internet unter kanu.de bestellen. Über viele weitere Sportarten informiert das Bundesamt für Naturschutz unter bfn.de/natursport.

Wenn Sie wissen wollen, welche Rolle der "Kuckuck des Grauens“ für diesen Beitrag gespielt hat, lesen Sie diese Episode im Buch "Böse kleine Golfgeschichten" des Biologen und Autors Jürgen Nakott. Mehr dazu finden Sie auch auf seiner Website nakott.de.

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Die besten Ideen stellen wir hier vor, ausgewählte im Heft. Die Initiatoren von drei Projekten nehmen Ende 2012 am Deutschen Nachhaltigkeitstag teil, bei dem Firmen mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet werden.

Weitere Artikel zu Nachhaltigkeit finden Sie auf unserer Themenseite Nachhaltigkeit.


(NG, Heft 10 / 2012, Seite(n) 24 bis 30)

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