„Haben wollen“ war gestern

Autor: Mirco Lomoth  —  Bilder: Bernd Jonkmanns
Johannes Dietrich-Main

Unsere Welt kann nur dann dauerhaft lebenswert bleiben, wenn wir uns am Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren. Wir stellen Menschen vor, die ökologisch, ökonomisch oder sozial nachhaltig handeln. Wie Johannes Dietrich. Der Ingenieur und Pädagoge zeigt, dass man das, was man braucht, nicht unbedingt selber besitzen muss.

Irgendetwas ist anders in diesem Laden. Es gibt Bücher, Küchengeräte, Spiele und Geschirr, an Kleiderständern hängen Jacken und Hemden. Was es nicht gibt, das sind Preisschilder. Oder eine Kasse. Hier muss niemand bezahlen. Stattdessen bietet Johannes Dietrich Tee an.

Der 35-Jährige sitzt mit übergeschlagenen Beinen am Fenster. Vor fast vier Jahren hat er diesen Ort der geldlosen Warenwelt mitgeschaffen, in einem Gebäude der Technischen Universität in Charlottenburg, im Berliner Westen: einen Umsonstladen, den sie Umsonstlädin nennen, weil die Kurzform Ula nun mal so schön weiblich klingt.

Hier kann abliefern, wer etwas Nützliches übrig hat, und mitnehmen, wer etwas findet, das er gebrauchen kann – ein nachhaltiger Güterkreis- lauf. «Wir inspirieren die Leute, nicht immer nur an Wegwerfen und Neukaufen zu denken», sagt Dietrich. «Wenn man brauchbare Gegenstände weitergibt, muss weniger hergestellt und entsorgt werden. Das spart Grundstoffe und Energie. Und man braucht weniger Geld.»

Um diesen Gedanken zu fördern, hat der Pädagoge und Ingenieur – Spezialgebiet erneuerbare Energien – vor drei Jahren den Verein „Fair teilen in Gemeinschaftsläden, GeLa e.V.“ mitgegründet. Ein durchschlagender Erfolg: Drei Jahre in Folge wurde die Initiative mit dem Qualitätssiegel „Werkstatt N“ ausgezeichnet. Vergeben wird dieses Prädikat vom Rat für Nachhaltige Entwicklung, der seit 2001 von der Bundesregierung berufen wird.

Geben und Nehmen hält sich in der Umsonstlädin die Waage. Während Dietrich Pfefferminztee nachschenkt, kommt eine junge Frau herein und stellt drei schwere Chirurgiebücher ins Regal, Ballast aus ihrem abgebrochenen Medizinstudium. Sie schaut sich um und steckt einen Fantasyroman ein. «Einer meiner Lieblingsautoren und viel leichter als die Medizinschinken – ein gutes Geschäft», sagt sie und lacht.

Bisher ist es nur einmal passiert, dass jemand das gesamte Geschirrregal leer geräumt hat. «Die meisten suchen sich gezielt ein oder zwei Sachen aus», sagt Dietrich. Er wirkt zufrieden, wie er dort sitzt, man merkt ihm an, dass ihn andere Lebensziele antreiben, als das Karussell aus Geld verdienen und ausgeben in Gang zu halten. An der Universität betreut er studentische Nachhaltigkeitsprojekte und ein Forschungsvorhaben zur müllfreien Industrieproduktion – bewusst nur halbtags, um genügend Zeit für weitere Aktivitäten zu haben. Er besitzt kein Auto, kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus Potsdam nach Charlottenburg, nutzt bei Bedarf das Carsharing-Angebot der Deutschen Bahn und auf seinem Computer kostenlose Open-Source-Software.

«Ich versuche, möglichst viel zu teilen, zu tauschen, zu leihen», sagt er, «das befreit vom Zwang, Geld verdienen zu müssen.» Für Näh-Workshops in der Umsonstlädin stellt er zum Beispiel seine Nähmaschine zur Verfügung. Wenn er länger als zwei Tage nicht in Berlin ist, überlässt er Freunden seine Monatskarte, und natürlich kleidet er sich auch selbst in der Ula ein.

In der Sache ist er konsequent, aber da er seine Botschaft oft mit einem schelmischen Lächeln transportiert, erreicht er seine Zuhörer. Aktionen in der Nachbarschaft sollen besonders Familien mit Kindern ansprechen. Eine Grundschule und eine Kirche in Spandau haben das Konzept der Umsonstlädin bereits kopiert. GeLa organisiert Schenkflohmärkte, Saatguttauschbörsen, Kleidertauschpartys und Reparatur-Workshops. «Es muss doch nicht jeder alles selber kaufen, vieles liegt die meiste Zeit irgendwo ungenutzt im Regal», sagt Dietrich. Eine Bohrmaschine etwa. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie hat kürzlich vorgerechnet, dass so ein Gerät von seinem Besitzer im ganzen Leben durchschnittlich gerade einmal 45 Minuten selber genutzt wird. Weil es aber für eine Betriebszeit von mehr als 300 Stunden ausgelegt ist, kann es viele Neuanschaffungen ersetzen, wenn es verliehen wird.

Nutzen statt besitzen: Die Idee ist längst aus der Nische studentischer Anspruchslosigkeit aus- gebrochen. In Städten werden Büroflächen geteilt, Gemüsebeete gemeinschaftlich bearbeitet, in Vororten reife Früchte herrenloser Bäume geerntet. Statt ständig neue Produkte zu kaufen und sich mit Eigentum zu belasten, sichert man sich nur die Nutzung. Der Kunde wendet sich ab von Hyperkonsum und Verschwendung. «Mit GeLa tragen wir zu meiner Wunschgesellschaft bei», sagt Dietrich. «Im Vordergrund steht der Umgang mit Werten. Wenn wir Dinge gemeinsam nutzen und verantwortlich damit umgehen, wird Geld nicht unbedingt benötigt. Wichtig ist, dass Menschen etwas in einen Pool einbringen, aus dem jeder schöpfen kann. Das setzt voraus, dass Dinge pfleglich behandelt werden. So wachsen Vertrauen, Gemeinschaft und tragfähige Beziehungen.»

Gestützt wird die Entwicklung durch die rasant wachsende Vernetzung im Internet. Mitwohnzentralen helfen, Hotelzimmer zu sparen, auf tamyca. de verleihen Menschen ihre Privatautos, Anorak gegen Anzug tauscht man auf klamottentausch.de und auf netcycler.de so gut wie alles andere. Selbst Firmen wie BMW, Citroën oder Daimler sind inzwischen auf den Trend aufgesprungen und bieten Carsharing als Alternative zum eigenen Auto an. «Viele Menschen haben verstanden, dass wir nicht so weiterleben können wie bisher. Wir zeigen ihnen Alternativen», sagt Dietrich.

Dazu gehört neben Ula auch Leila, der Leihladen in der Fehrbelliner Straße in Prenzlauer Berg. Hier sortiert Nikolai Wolfert Spenden in Regale. Der 30-Jährige ist zurzeit Vorsitzender von GeLa. Den Leihladen hat er vor einem Jahr eröffnet, das Angebot reicht von zeitweilig nutzbaren Gartenbeeten und Gästebetten über Musikinstrumente bis zu professionellen Werkzeugkoffern. Was verfügbar ist, findet man im Internet unter leila-berlin.de aufgelistet, für Transporte steht ein Lastenrad bereit. Wolfert hat Nebenjobs bei einer Ärztin und als Veranstaltungstechniker – als Leiharbeiter. Leila und GeLa sind für ihn «Selbstausbeutung, die Spaß macht», weil sie die Idee der Nachhaltigkeit fördern und den Geldbedarf des Einzelnen verringern.

Ganz ohne Geld funktioniert das System jedoch nicht. Anders als der Umsonstladen, der von der TU mitgetragen wird, muss der Leila Miete zahlen. Ein freiwilliger Monatsbeitrag der mittlerweile 230 Mitglieder soll die laufenden Kosten decken, doch noch müssen die Betreiber zuschießen. Wolfert und Dietrich sind dennoch optimistisch, dass sich Leila und die Philosophie dahinter durchsetzen werden. «Besitz wird als Maß für Wohlstand unwichtiger», sagt Wolfert. Und Dietrich ergänzt: «Wer nicht alles kaufen muss, spart nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Wir schenken den Menschen Zeit.» Dann gießt er noch einen Tee nach.

Was mein war, soll dein sein.

Der Umsonstladen Hamburg war der erste seiner Art in Deutschland, gegründet 1999. Seit drei Jahren gibt es zudem einen Umsonstkiosk im kultigen Gängeviertel. Weitere Infos gibt es unter ak-loek.de/Umsonstladen/HomePage

Das Luftschloss Würzburg bietet neben einem Umsonstladen auch eine Selbsthilfewerkstatt für Fahrradbesitzer und bald auch einen kostenlosen Radverleih an. Mehr unter umsonstladen4wuerzburg.wordpress.com

Die erste Filiale des Verschenkmarkts Oldenburg musste noch einem konventionellen Einkaufszentrum weichen. Die neue Halle stellt ein Unternehmer mietfrei zur Verfügung. Mehr unter oldenburg.de/?id=128

Weitere Adressen in Ihrer Nähe unter umsonstladen.de


(NG, Heft 05 / 2013, Seite(n) 24 bis 27)

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