Landlust in Sieben Linden

Autor: Siebo Heinken  —  Bilder: Gordon Welters
Sieben Linden-Main

Es beginnt mit einer Aufgabe. «Setzt euch jeweils einem Partner gegenüber und erzählt drei Minuten lang, woher ihr kommt», fordert Dieter Halbach auf. «Niemand wird unterbrochen. Danach ist Wechsel.» Vor mir sitzt Satoe Matsuoka aus Japan , die in Frankfurt studiert und viel erlebt hat. Drei Minuten zuzuhören, ohne nach­ zufragen, das fällt gar nicht so leicht.

Informationstage in Sieben Linden, einem der größten Projekte alternativen Lebens in Europa . Gut 20 Frauen und Männer aus ganz Deutschland wollen erfahren, wie es sich in diesem Ökodorf im Norden von Sachsen­Anhalt lebt. Halbach, Initiator und Bewohner der ersten Stunde, erklärt, worauf es vor allem ankommt: auf den achtungsvollen Umgang miteinander, den Respekt vor anderen Meinungen, Transparenz. «Ohne soziale Nachhaltigkeit gibt es weder ökologische noch ökonomische Nachhaltigkeit», erklärt der 58-­Jährige. «Wir haben gelernt, den anderen ausreden zu lassen.»

Die 130 Menschen hier leben anders: im Ein­ klang mit der Natur, ökonomisch so eigenständig wie möglich, in guter Gemeinschaft. Dieses Dorf ist ein gesellschaftliches Langzeitexperiment. «Wir sind keine Insel der Glückseligen», sagt Halbach, «aber wir können die Strukturen weitgehend selber bestimmen.»

Er führt uns durch Sieben Linden. Sind wir in Bullerbü? Ein verwunschenes Gelände, gut 80 Hektar groß, gegliedert durch Bäume und Büsche. Überall blüht es, im Laubmischwald lärmen die Vögel. Im Rohbau des neuen Seminarhauses wird gehämmert und gesägt. Alles sehr entspannt.

Ich fühle mich an meine Kindheit auf dem Land erinnert, eine Zeit voller Abenteuer. Überall gibt es Neues zu sehen und zu erleben: die liebevoll handgemachten Holzmöbel am „Regio­Haus“, einer ehemaligen Hofstelle; der Feuerlöschteich als Badesee; der duftende Grasschnitt; die Wildnis des Waldes; die summenden Bienen. Es ist ein Ausflug in eine vergangen geglaubte Zeit.

Als Halbach, der Soziologe, Autor und Musiker, vor gut zwei Jahrzehnten mit zwei Dutzend Gleichgesinnten in die Abgeschiedenheit der Altmark kam, war Ökologie hier noch ein Fremdwort. Monokultur auf den riesigen Feldern, Monokultur im Wald. In Groß Chüden bei Salzwedel gründeten sie ein Projektzentrum für ein sich selbst versorgendes Dorf. Sie planten, diskutierten. Rieben sich auf, und irgendwann war ihre Energie verbraucht.

Dann gewannen sie den „Tatorte“­Preis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt: als „vorbildliche ökologische Gemeindeinitiative“. Sie schöpften neuen Mut. Und konnten endlich das ausgeguckte Stück Land am Waldrand von Poppau kaufen, einem Dörfchen rund 90 Kilometer nördlich von Magdeburg. Im Juni 1997 zogen die ersten Pioniere mit ihren Bauwagen in dieses ostdeutsche Nirgendwo. Und verwirklichen ihren Traum. 300 Menschen sollen hier einmal leben.

Wir gehen vorbei an Bauwagen, modernen Niedrigenergie­ und Passivhäusern sowie Wohngebäuden aus Stroh und Lehm. Mit ihnen haben die Sieben Lindener Maßstäbe gesetzt. Die Bautechnik – Holzständer, gepresste und gestapelte Strohballen, außen und innen Lehm – ist seit langem bekannt, wird jedoch selten angewendet. Das Material kommt aus der Umgebung, kostet wenig, und man braucht kaum Maschinen. 2002 wurde hier der Fachverband Strohballenbau gegründet. Dass Bauen mit Stroh brandgefährlich sei, haben Prüfstellen längst widerlegt. Das größte Haus dieser Art tauften die Sieben Lindener „Strohpolis“.

Die gemeinsame Vision, nachhaltig zu leben – das ist der Kitt der Dorfgemeinschaft. Ihre weitergehenden Interessen verwirklichen die Bewohner in Nachbarschaften. Einen Steinwurf vom „Strohpolis“ ist die „Brunnenwiese“, ein raffiniert wie ein Schneckenhaus errichtetes Gebäude. Wer hier lebt, beschäftigt sich besonders mit Fragen des Körpers, des Geistes, der Seele.

Zum Beispiel die Familie Maier-Wiegand. Elke Wiegand und Jürgen Maier-Wiegand sind Ärzte. Er arbeitet in einem Krankenhaus als Gynäkologe, und beide gewährleisten in Nachbarschaftshilfe die medizinische Grundversorgung in Sieben Linden. Zwei ihrer drei Kinder wurden noch im Bauwagen geboren. «Die Dorfgemeinschaft trägt mich», sagt Maier-Wiegand. «Wir schaffen es, sehr eng und trotzdem friedlich zusammenzuleben.»

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(NG, Heft 04 / 2012, Seite(n) 18 bis 26)

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