Schneeleoparden: Inventur bei den „Berggeistern“

Artikel vom 18.10.2013  —  Autor: Adriane Lochner  —  Bilder: SLT/Kyle McCarthy
Inventur bei den \

Schneeleoparden sind in Kirgisien selten geworden. Um die Tiere besser zu schützen, versucht man nun, ihre genaue Zahl zu bestimmen - eine Herausforderung in dem schwer zugänglichen Hochgebirge.

Angespannt starren die Männer auf den Monitor. Die Fotos, die sie betrachten, zeigen immer das gleiche Motiv: einen Felsvorsprung im kirgisischen Hochgebirge. Dann endlich verändern sich ihre Gesichter. Die eben noch so ernsten Männer fangen an zu jubeln. Denn ein Bilder zeigt genau das, was sie sehen wollten: einen Schneeleoparden. Die Raubkatze schaut direkt in die Kamera.

Einer der Männer ist Tolkunbek Asykulov, der Leiter des kirgisischen Büros des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Er arbeitet mit seinem Team, der „Gruppe Schneeleopard“, im Tien-Shan-Gebirge. Dort ist der Schneeleopard beheimatet: Er lebt in Höhen von 3000 bis 4000 Metern und bei frostigen Temperaturen von bis zu minus 40 Grad. Offenes Gelände meidet die Großkatze, lieber streift sie nachts auf schmalen Pfaden durch ihr Territorium. Das schwarzweiße Winterfell verleiht ihr dabei eine gute Tarnung in der schneebedeckten Berglandschaft.

Genau das wurde dem Schneeleoparden jedoch zum Verhängnis. In den letzten 20 Jahren wurde die Großkatze wegen ihres Fells stark gejagt. Heute ist sie vom Aussterben bedroht. Schätzungen zufolge leben in Kirgisien noch etwa 250 Exemplare. Die Angaben beruhen jedoch auf seltenen Sichtungen. Wie viele Tiere es tatsächlich noch gibt, ist unklar. Besonders im Süden und Westen Kirgisiens weiß man wenig über die tatsächlichen Bestände der Schneeleoparden. So ist die scheue Raubkatze auch für die Kirgisen ein seltener Anblick. Sie nennen den Schneeleoparden daher den „Geist der Berge“.

Tolkunbek Asykulov und sein Team sind auf 3800 Meter aufgestiegen, um genau dieses Problem zu lösen. Am Fuße einer Gletschermoräne hatten sie Wochen zuvor vier Fotofallen installiert. Nun bergen sie die kostbaren Daten auf den Chipkarten. Oft ist das Team wochenlang im Tien-Shan Gebirge unterwegs. Sie machen Wilderer ausfindig, klären die Hirten über die Gefährdung des Schneeleoparden auf oder unterstützen Wissenschaftler bei den Zählungen. Ihre Arbeit erfordert Kondition und Trittsicherheit – und schwindelfrei sollte man sein. Denn auch bei Nebel oder Schnee gilt es Flüsse und Geröllfelder zu überqueren, um die Fotofallen in schwindelerregender Höhe zu installieren.

Die Fotofallen ermöglichen es, die scheue Großkatze ausfindig zu machen. Doch die Arbeit ist zäh, die Fotos der insgesamt 18 NABU-Fotofallen zeigen nur selten einen leibhaftigen Schneeleoparden. Oft werden die Sensoren durch Motten oder rollende Kieselsteine ausgelöst. Umso mehr freuen sich Tolkunbek und sein Team, wenn ihnen doch ein Tier in die Falle tappt.

Zählen schützt die Großkatzen

Warum es so wichtig ist, die genaue Anzahl der Tiere zu erfassen, erklärt Kuban Zhumabai. Er ist Biologe und arbeitet für die internationale NGO „Snow Leopard Trust“. Kuban sagt: „Nur so erfahren wir, wo wir uns besonders anstrengen müssen, um die Schneeleoparden zu schützen.“ Neben dem Monitoring gibt es noch andere Methoden herauszufinden, wie viele Tiere in einer bestimmten Region leben: Pfotenabdrücke, Urin-Markierungen und Kot sind Anzeichen, die auf die Anwesenheit der Großkatze hindeuten.

Auch durch die Zählungen der Beutetiere - sibirische Steinböcke und Riesenwildschafe (Argali) – kann man auf die Schneelopardenpopulation schließen. „Wenn deren Zahlen zurückgehen, müssen wir uns auch um den Schneeleoparden Sorgen machen“, sagt Kuban. Er verbringt oft Wochen bei den Hirten in den Bergen. „Sie sind die einzigen, die wirklich wissen, wie häufig bestimmte Tiere in einer Gegend vorkommen“, sagt der Wissenschaftler. „Aber sie sind verschlossen gegenüber Fremden und man muss viel Zeit mit ihnen verbringen, um Informationen zu bekommen.“

Doch auch Kuban, der im kirgisischen Sarychat-Ertash-Reservat arbeitet, setzt auf moderne Technologie. Im kommenden Jahr wird er 40 hochmoderne Fotofallen aufbauen. „Um eine genaue Zählung durchzuführen und einzelne Individuen an ihrem Fellmuster unterscheiden zu können, müssen wir immer zwei Kameras gegenüber aufstellen“, sagt Kuban. „Nur so können wir die Tiere identifizieren, wenn wir sie das nächste Mal fotografieren. Das Fellmuster ist einzigartig - wie ein Fingerabdruck.“

Ein einziges Mal hat der Biologe bei einem seiner Ausflüge einen leibhaftigen Schneeleoparden gesehen. Als er davon erzählt, leuchten seine Augen. Für die Kirgisen hätten die „Berggeister“ eine ganz besondere Bedeutung, erklärt er seine Begeisterung. „Das Tier ist heilig, für uns symbolisiert es Stärke. Die alten Stämme glaubten, dass ihre Vorfahren vom Schneeleoparden abstammen und wer ihn tötet, verflucht sei.“

Mehr über den Snow Leopard Trust erfahren Sie hier, auch NATIONAL GEOGRAPHIC engagiert sich mit der "Big Cats Initiative" für Großkatzen weltweit.

Video: Auf der Suche nach dem Schneeleoparden



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