Tourismus: Schett ist Trumpf

Autor: Erwin Brunner  —  Bilder: Peter Rigaud

Unsere Welt kann nur dann dauerhaft lebenswert bleiben, wenn wir uns am Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren. Wir stellen Menschen vor, die ökologisch, ökonomisch oder sozial nachhaltig handeln. Pioniere wie Josef Schett, der vorangeht, um seine Bergheimat auf den Weg eines sanften Tourismus zu führen.

«Ich, schwer anzutreffen?» Josef Schett lacht so herzhaft in das Handy und macht seinen Terminvorschlag, als wär’s die selbstverständlichste Sache der Welt. «Sonntag in der Früh, um halb acht, beim Schafefüttern!» Und so fahren wir also hinauf. Vom Dörfchen Innervillgraten, das schon auf 1400 Metern liegt, wo die Gegend aber noch „In der Ebene“ heißt. Hinauf zum Innerwalderhof, eine Kehre und noch eine Kehre, immer höher in diesen zartrosa-türkis erwachenden frostigen Februarmorgen, der am Horizont einen schneeblau leuchtenden Bergkamm gemächlich mit Gold übergießt: die Kreuzspitze, 2624 Meter hoch.
Für uns nun Auftritt Schafbauer Schett. Ein kerniger Fünfziger mit gewinnendem Blick, eisgrauem Kurzbart und Tirolerhut. Lässig über der Schulter den geflochtenen Buckelkorb, an der Hand ein kleines Schulmädchen mit großen Augen, seine jüngste Tochter

Ein Sonntagsidyll? Nein, Alltag in Innervillgraten. Berglerleben 2.0. Wochentags managt Josef Schett seine Firma „Villgrater Natur“ unten im Dorf, die so gut wie alles herstellt, was man aus Schafwolle machen kann, Patschen, Betten, Matratzen, Dämmstoffe für Böden und Wände. Sonntags ist er Schafbauer mit Leib und Seele. Feiertags Jäger und Wanderer. Offiziell Chef des Tourismusverbandes Osttirol. Ehrenamtlich Obmann des ört­lichen Wirtschaftsbundes. Als «stets eifrigen Denker und Lenker des Villgratentals» apostrophiert ihn Peter Haßlacher vom Österreichischen Alpenverein in Innsbruck. Als Tiroler würde ich jetzt einfach ansagen: Schett ist hier Trumpf.

An dieser Stelle muss man sich erst einmal keine Sorgen machen um Österreichs schönsten blinden Winkel. Gut tausend Menschen leben in diesem „Seiten-Seitental“, die Gemeinde ist den blanken Zahlen nach zwar eine der ärmsten des Landes, an unvernutzter Landschaft und gewachsener Kultur aber eine besonders reiche. Rundum nur steile Welt, uralte Höfe aus handbehauenem Holz, Hänge mit 70 Prozent Gefälle, Natur bis an die Haustür. Vor allem Leute mit Eigensinn und Weitblick: Als sich Hitler 1938 den „Anschluss“ absegnen ließ, gab es in Innervillgraten nur 73,7 Prozent Zustimmung – die niedrigste von ganz Österreich.
Noch heute ist dies eine besondere Gegend, wie vom Lauf der Dinge vergessen – und verschont. Keine Lifte und kein Skizirkus, keine Discos, keine Bettenburgen. Aber links und rechts und überall: Berge, Berge zum ... ja, zum Schafefüttern und zum Erleben. «Kommen Sie zu uns, wir haben nichts!», erklärte vor einigen Jahren ein Bergführer dem Reisejournalisten Schomann von der Zeit den Villgrater Vorteil. Großartig, sagte sich Schett und erkor den Spruch umgehend zum Werbeslogan. Als es daraufhin hieß, Prinz Charles komme als Gast, hielt er das Ondit clever am Köcheln: «Dem gebe ich gern ein paar Tipps!»

Der sanfte Lockruf war goldrichtig, um eines der „Bergsteigerdörfer“ zu werden. Mit dieser In­itiative, 2008 auf den Weg gebracht, versucht der Österreichische Alpenverein zu retten, was noch echt und bodenständig ist in Tirol und anderswo im Land. Propagiert wird „Bewegung aus eigener Kraft“. Also Wandern, Bergsteigen, Klettern; im Winter Schneeschuhwandern, Skitourengehen, Langlaufen. Genießen und Verweilen. Tourismus mit Augenmaß. Respekt vor der Natur.
16 Orten hat der Alpenverein sein Prädikat verliehen – und es einem, nach erbitterten Debatten, letzten Herbst wieder entzogen: Kals am Großglockner. Zuerst diese gigantische Skischaukel ­hinüber nach Matrei und nun auch noch ein neues „Chalet-Resort“ des Liftkrösus Schultz mit mehr als 500 Betten? Nein, danke, so doch nicht. Wenn Schett den Namen Kals hört, kann er nur den Kopf schütteln: «Größenwahnsinn. Völlig unzeitgemäß. Rambazamba gibt’s doch schon genug. Die haben sich total ausverkauft.» Das ungute Beispiel aus dem nahen Bergtal erinnert ihn jedes Mal daran, dass es auch in seinem Dorf Leute gibt – vorneweg den Bürgermeister Josef Lusser –, die immer noch davon träumen, Innervillgraten mit Pisten und Gondeln dem Skizentrum Sillian ein­zuverleiben.

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(NG, Heft 3 / 2012, Seite(n) 21 bis 24)

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