Mitten im antarktischen Winter quer durchs Packeis

Artikel vom 07.06.2013  —  Autor: Stephanie von Neuhoff  —  Bilder: Thomas Steuer/Alfred-Wegener-Institut/vdL/ Peter Lemke/AWI

Über 5.000 Seemeilen quer durch das Weddellmeer – von Kapstadt zum antarktischen Kontinent, dann nach Nordwesten zur Spitze der antarktischen Halbinsel und weiter Richtung Punta Arenas. Mehr als acht Wochen wird sich der Forschungseisbrecher „Polarstern“ durch das Packeis kämpfen. 49 Wissenschaftler aus 12 Ländern sind an Bord und wenn bei uns auf der Nordhalbkugel Sommer ist, erkunden sie den antarktischen Winter.

Erst viermal hat die „Polarstern“ so eine Winterexpedition gewagt. Und die geplante Route wird erstmals seit 1992 wieder während der eisigen und dunklen Wintermonate gefahren. Heftige Schneestürme, schwere Eisfahrt, die wochenlange Dunkelheit der Polarnacht und Temperaturen von bis zu minus 40 Grad erwarten die Forscher auch auf der Winterexpedition 2013.

Rückblick, das Weddellmeer im Juni 1992, „Polarstern“ auf schwerer Eisfahrt. Fahrtleiter Peter Lemke notiert in seinem persönlichen Logbuch: „Westlich der Atka-Bucht sind einige Eisberge auf Grund gelaufen und bilden eine natürliche Barriere. Ein Schneesturm mit Windstärke 10 bis 11 tobt um unser Schiff. Das Meereis staut sich und nur zwei Seemeilen vor der rettenden Ausfahrt, wo wir im Radar Eisberge wie auf einer „Autobahn“ vorbeiziehen sehen, bleiben wir stecken. Eine Weile kämpfen wir um jeden Meter, ohne Erfolg. Wir müssen der Natur Respekt erweisen und stellen die Maschinen ab. Sieben Tage hält uns das Packeisfeld gefangen und legt unser Forschungsprogramm buchstäblich auf Eis.“

In die Atka-Bucht will Peter Lemke während des antarktischen Winters nicht noch einmal fahren, auf die Winter-Expedition freut sich der international renommierte Klimaforscher aber sehr: „Die Ausdehnung des Meereises rund um die Antarktis nimmt im Gegensatz zur Meereisbedeckung in der Arktis seit Jahren leicht zu. Warum das so ist, wird in der Wissenschaft zurzeit heiß diskutiert. Wir werden die Einzigen sein, die die Lage direkt im Winter vor Ort untersuchen können und hoffen natürlich, dass unsere Arbeit dazu beiträgt, die vielfältigen Prozesse in der Antarktis besser zu verstehen.“

Lemke ist Professor für Physik von Atmosphäre und Ozean an der Universität Bremen. Er leitet den Fachbereich Klimawissenschaften am Alfred-Wegener-Institut und koordinierte auch ein Kapitel des letzten IPCC-Berichtes, für den der UN-Klimarat gemeinsam mit Al Gore im Jahr 2007 den Friedensnobelpreis bekam.

Wenn „Polarstern“ am 8. Juni in Kapstadt ausläuft, sind Meereisphysiker, Biologen, Chemiker, Atmosphärenforscher, Ozeanographen und Ozean-Akustiker an Bord. Sie wollen gemeinsam während der Meereiswachstumsphase zwei grundlegende Fragen untersuchen: Aus welchen Gründen nimmt die Ausbreitung des antarktischen Meereises leicht zu, während die Meereisbedeckung in der Arktis stetig zurückgeht? Und: Welche Mechanismen lassen das Ökosystem des Südpolarmeeres nach dem langen, kalten und dunklen Winter wieder zum Leben erwachen? Denn in dieser Region, in der es immer kalt ist, sind nicht die Temperaturen, sondern das Licht von entscheidender Bedeutung.

Hat er Angst, wieder im Eis stecken zu bleiben? „Wir haben mit Kapitän Uwe Pahl und seiner Mannschaft erfahrene Seeleute an Bord, die schon viele schwere Eisfahrten erfolgreich gemeistert haben und die uns sicher gut durchs Eis bringen. Aber natürlich werden wir auch auf dieser Fahrt der Natur mit Respekt begegnen, uns vielleicht auch manchmal vor ihr verneigen, weil sie uns ob ihrer Vielfalt und Schönheit immer wieder staunen lässt.“

Bilder und ausführlichere Berichte zur Eismeer-Expedition sowie tagesaktuelle Eiskarten der Antarktis und Arktis gibt es auf dem Meereisportal.

Den Blog "Unterwegs mit der Polarstern" finden Sie hier.

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