Bild: Rich Carey / Shutterstock Vergrößern
Oft wird lästiger Müll einfach im Meer entsorgt.
"Zu hoch, zu warm, zu sauer." So oder so ähnlich könnte man den aktuellen Zustand unserer Ozeane beschreiben. Das sagt jedenfalls Prof. Dr. Martin Visbeck, Sprecher des Exzellenclusters "Ozean der Zukunft". Auf der Pressekonferenz zum Thema "Mit den Meeren leben" stellte er vergangene Woche zusammen mit dem Initiator des Projektes, Nikolaus Gelpke, den ersten "World Ocean Review" (WOR) vor.
Der World Ocean Review ist ein 200 Seiten langer Bericht über den aktuellen Zustand der Ozeane, der von der gemeinnützigen maribus gGmbH, dem Mare Verlag, dem International Ocean Institute (IOI), der Stiftung Ocean Science and Research Foundation (OSRF) und 40 weiteren Wissenschaftlern erarbeitet wurde. Ziel des Berichtes ist es, die Diskussion über die Risiken und Chancen für die Ozeane aus den Expertenkreisen heraus in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Deshalb wurden die von 40 Wissenschaftlern zusammengetragenen Ergebnisse mit Hilfe des Mare Verlages in eine verständliche Sprache umgewandelt. "Mit dem ersten World Ocean Review wollen wir auf den beunruhigenden Zustand der Ozeane aufmerksam machen und ihn auf eine verständliche Art und Weise erklären. Nur wenn wir in einfachen Sätzen sprechen, können wir etwas bewegen, ansonsten bleibt das Thema ein wissenschaftlicher Diskurs", erklärt Nikolaus Gelpke. Der World Ocean Review beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Klimawandel, Verschmutzung und Ausbeutung der Meere.
"Ein desolater Zustand"
Laut dem veröffentlichten Bericht steht es nicht gut um unsere Weltmeere: "Der Ozean ist unser Sorgenpatient", erklärt Martin Visbeck, "vor allem die zunehmende Überfischung der Meere wird dramatische Konsequenzen nach sich ziehen". Studien behaupten sogar, im Jahre 2048 würde es keinen einzigen Fisch mehr auf der Welt geben. Diese These vertritt Nikolaus Gelpke nicht, für ihn steht aber dennoch fest, dass es zu einer drastischen Veränderung des maritimen Artenbestandes kommen wird, wenn wir so weiter machen wie bisher. "Der Prozess hat längst eingesetzt, wir können ihn nicht mehr stoppen, aber wir können ihn ausbremsen", betont der engagierte Meeresschützer.
Jede Art im Ozean erfüllt eine Aufgabe für das gesamte maritime Ökosystem, aber auch für uns an Land. Werden die Bestände durch fortschreitende Überfischung weiter gefährdet, hätte das nicht nur unter Wasser fatale Folgen. Den Anstieg der Meeresspiegel sieht Martin Visbeck dagegen als kleinstes Übel, denn es handelt sich um einen schleichenden Prozess, dem der Mensch durchaus begegnen kann. Durch gezielte Eingriffe wird man diese Entwicklung beeinflussen können, vermutlich wird es aber für viele Maßnahmen zum Schutz bedrohter Arten zu spät sein.
Eine weitere Bedrohung stellt der schleichende Einfluss des Öls auf die Weltmeere dar. "Eine Ölkatastrophe, wie wir sie im Golf von Mexiko erlebt haben, ist zwar dramatisch, aber erst durch solche Ereignisse werden wir auf das Öl im Meer aufmerksam", sagt Gelpke. "Dass die Ozeane permanent durch Schifffahrt, Abwässer, Atmosphäre und natürliche Quellen mit Öl verschmutzt werden, weiß kaum jemand." Und die Lage könnte sich verschlechtern, denn die Ressourcenpreise steigen, und gleichzeitig wächst die Bevölkerung stetig an - damit wird das Meer als Ressourcenlieferant immer interessanter. "Natürlich können wir die Ressourcen der Meere nutzen, aber auf eine nachhaltige Weise. Der Schutz der Meere muss in die Nutzungsbedingungen seiner Ressourcen integriert werden", fordert Martin Visbeck.
Es ist noch nicht zu spät
Bild: Shutterstock Vergrößern
Immer wieder werden tote Fische an den Strand gespült.
Früher glaubte man, der Ozean sei unendlich und damit auch seine Ressourcen. Heute weiß man: Der Ozean ist endlich geworden. Um ihn nachhaltig zu schützen, muss eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Ökonomen ermöglicht werden, glaubt Gelpke. Dabei sieht er große Potentiale in der neuen Wissenschaftsgeneration, die im Vergleich zu ihren Vorgängern keine Berührungsängste vor der Kooperation mit Ökonomen hat. Dabei sollen interne Modellversuche gezeigt haben, dass wirtschaftliche und ökologische Interessen durchaus miteinander vereinbart werden können. Denn der World Ocean Review will nicht nur auf den beunruhigenden Zustand der Ozeane hinweisen, vor allem möchte er Chancen und Möglichkeiten aufzeigen, wie dieser desolate Zustand verbessert werden kann.
Doch eine Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft wird laut Gelpke nicht ausreichen, um die Meere zu retten. Er fordert eine Anwaltschaft für die Ozeane, um sicher zu stellen, dass in Zukunft nicht noch mehr Schaden angerichtet wird. "Die Politik ist jetzt gefragt. Es müssen neue Gesetzte verabschiedet werden, die den Schutz der Ozeane berücksichtigen. Aber vor allem müssen wir eine medienwirksame Berichterstattung erzielen, dann passiert auch etwas in der Bevölkerung und dann wird hoffentlich auch die Politik aktiv", so Gelpke.
Der World Ocean Review kann im Internet kostenlos herunter geladen werden und ist auch in englischer Sprache erhältlich. "Erst wenn alle, die sich für unsere Ozeane interessieren, Zugang zu verlässlichen und verständlichen Informationen haben, können wir etwas bewegen", so Visbeck.
Buch-Tipp: Atlas der Ozeane
Der Tsunami von 2004 riss 250000 Menschen in den Tod. Was für Naturgewalten schlummern in den Tiefen unserer Ozeane, die, einmal entfesselt, derartige Folgen haben? Nur eine von unzähligen Fragen, die dieser Atlas beantwortet. mehr...
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus