Gerd Ludwig: Schlafende Autos

Artikel vom 09.03.2017  —  Autor: Alexandra Polič  —  Bilder: Gerd Ludwig/NatGeo Creative/Courtesy of Edition Lammerhuber
Gerd Ludwig: Appian Way, 2012

Ein Freund habe ihn einst gefragt, wo die Autos der Millionenstadt Los Angeles nachts schlafen. Diese Frage ließ den vielfach ausgezeichneten NATIONAL GEOGRAPHIC-Fotografen Gerd Ludwig nicht mehr los – obwohl sich die Thematik von seinen bisherigen Arbeiten deutlich unterscheidet. Seine üblichen Schwerpunkte sind Umweltthemen, die sozialen Veränderungen in den ehemaligen Sowjetrepubliken sowie Reportagen über die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe.

Diese Geschichten vernachlässigte Ludwig nicht, aber über einen Zeitraum von acht Jahren hinweg machte er sich immer wieder auf, um die Frage seines Freundes zu beantworten. „Ich ließ mich nachts treiben und suchte nach Autos, die ihre Umgebung dominieren“, sagt Ludwig. Er neigt dazu, die Fahrzeuge zu vermenschlichen: Die Schonbezüge bezeichnet er als Schlafanzüge, jene Autos, die nebeneinander stehen, als „glücklich, zu zweit schlafen zu können“. Und er bemerkt beinahe liebevoll, dass man auch Autos Leben und Alter ansehe.

Auf seiner Suche nach Motiven hielten ihn manchmal Polizisten auf. „Wenn man dann erklärt, man fotografiere schlafende Autos, wird man schnell für verrückt gehalten“, lacht Ludwig. Auch Anwohner und Passanten waren irritiert, stellte der Fotograf doch des Öfteren seine eigenen Scheinwerfer auf. Die Belichtungen dauerten bis zu einer halben Stunde, immer wieder erhellten kleine Blitze die Umgebung. Bei solchen Begegnungen holte er sein iPad aus der Tasche und zeigte seine bereits veröffentlichten Arbeiten – und bekam so oft Hinweise auf weitere interessante Orte.

Der letzte nächtliche Ausflug für „Sleeping Cars“ fand in Deutschland statt: als das Werk gedruckt wurde. 36 Stunden verbrachte Ludwig in der Druckerei, kontrollierte penibel Druckbogen für Druckbogen. Erst nach 24 Stunden erlaubt er sich zehnminütige Nickerchen auf einem Feldbett. „In der Druckerei kann man noch Korrekturen vornehmen“, erklärt er seine Rastlosigkeit.

Das Ergebnis ist ein qualitativ sehr hochwertiger Bildband, der seinem Betrachter viel Zeit lässt, ihn zu bestaunen. Dafür sorgt nicht zuletzt sein Format: Die Bilder sind im Querformat gedruckt – und mit einer Breite von 35 Zentimetern fordert jedes Einzelne seinen Platz ein. Wer sich für Stillleben begeistert oder eine Leidenschaft für Autos hegt, den führt dieses Buch eindrucksvoll durch die Straßen von Los Angeles.

Gerd Ludwig Porträt

Bild: Anthony Friedkin Vergrößern

Gerd Ludwig arbeitete bereits für Magazine wie GEO, Stern und das ZEIT-Magazin. Doch seit er in den 80er-Jahren in die USA auswanderte, ist er vor allem für die NATIONAL GEOGRAPHIC-Magazine tätig. Für seine Bilder erhielt er 2006 den Lucie-Award als International Photographer of the Year, sowie im Jahr 2014 den Dr.-Erich-Salomon-Preis. Im Herbst 2015 bekam er die Ehrenmedaille der Universität von Missouri für langjährige Verdienste im Journalismus.

Gerd Ludwig – Sleeping Cars
Edition Lammerhuber
35,5 × 28 cm
Bilingual: Deutsch, Englisch
144 Seiten, 75 Fotos in Farbe
Hardcover, Leinen mit aufkaschiertem Coverfoto
99,00 Euro
ISBN 978-3-901753-96-1

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus