Was ist das Abendland? Europa. Aber was macht Europa aus? Der Wiener Regisseur Nicolaus Geyrhalter lässt die Sonne über dem Kontinent untergehen. Denn: "Manche Dinge sieht man in der Nacht klarer." Und zwar ohne Kommentar:
Den dunklen Grenzstreifen zunächst, und zuletzt. Ist doch Europa immer mehr der Ausschluss der Kehrseite seiner selbst, das Innen in Abschottung vom Außerhalb der Festung. Die Flüchtlinge in einem Lager, die über Nacht ihre Zelte abbrechen müssen. Innen pflegt man Frühgeborene, die kaum lebensfähig sind. Innen hält man Debatten im Parlament, bei denen nicht alle in ihrer Sprache zu Wort kommen. Innen feiert man bis zur Bewusstlosigkeit. Folgt zu Hunderttausenden der Predigt des Papstes. Geht auf Sendung.
Ist das der Ort, an dem das Paradies sein soll? Der Sex kommt aus dem Osten. Die Hotlines telefonischer Seelsorger laufen heiß. Und der Tod ist mechanisiert: Hier wird man nicht mehr begraben, hier wird man entsorgt. Quasi heimlich, in der Nacht.
Vielleicht weil das nicht das Paradies ist, wappnet man sich gegen das Außen. Das Paradies hätte genügend Platz für alle. Aber hier werden die Straßen minutiös überwacht. Eurofighter gebaut. Die Grenzen patrouilliert. Menschen abgeschoben.
Aber hier wird sich auch dagegen gewehrt. „Sie könnten sich einem Strafbefehl entziehen, wenn Sie jetzt von sich aus aufstehen“, informieren die Polizisten in Gorleben jeden einzelnen Sitzstreikenden. Aber hier sitzt man das Abendland noch aus. ‚Sitzt’ sich ein für das, wofür es noch immer stehen könnte: für Recht und Meinungsfreiheit. Wenn einer nach dem anderen von den Schienen geräumt wird, ist das nicht das Ende vom Abendland. Es ist das Abendland. Mit seinem Innen und seinem Außen. Dem Eigenen und dem Fremden. Nur dass die künstliche Grenze zwischen beidem verwischt, so sehr sie doch forciert wird. Eigentlich weiß man immer weniger, was was ist. Das Andere ist man eben auch immer selbst.
Der Regisseur von Unser täglich Brot hat eine beeindruckende Dokumentation aus unkommentierten, langen Bildeinstellungen von präzise ausgewählten Plätzen in Europa geschaffen. Die Bilder eröffnen Widerspruch und Zynismus ganz aus sich selbst. „It’s a complex situation“ verlautet der Drogenrave der letzten Filmszene. Wie der nächtelange Rave könnte die komplexe abendländische Nacht noch eine lange werden.
In den deutschen Kinos:
Abendland
A 2011 – 90 min.
Regie und Kamera: Nikolaus Geyrhalter
Drehbuch: Wolfgang Widerhofer, Nikolaus Geyrhalter, Maria Arlamovsky
RealFiction Filmverleih
DVD-Bestellung
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