"Wie du und ich": Was seit der Reportage geschah.

Bilder: Shutterstock/Robin Nieuwenkamp

Menschenrechte für Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans - das forderten die Philosophen Peter Singer und Paola Cavalieri 1993 als Erste. Die Giordano-Bruno-Stiftung hat die beiden 2011 dafür mit dem Ethikpreis ausgezeichnet. Ein Report von NATIONAL GEOGRAPHIC zu diesem Thema löste ebenfalls ein riesiges Echo aus.

Am 8. Mai wurde in der Bundespressekonferenz in Berlin nun die Petition "Grundrechte für Menschenaffen" öffentlich gemacht. Gleichzeitig stellte der Leiter der Grundrechte-Initiative, Dr. Colin Goldner, eine Studie vor, die auf die erbärmlichen Haltungsbedingungen für Gorillas, Orang Utans, Schimpansen und Bonobos in deutschen Zoos hinweist. NG-Redakteur Jürgen Nakott fragte Colin Goldner bei diesem Anlass, welche Möglichkeiten Zoobesucher hätten, die Aktion zu unterstützen.

Hören Sie hier das komplette Kurzinterview mit Colin Goldner:


Ein Überblick, was seit der Veröffentlichung des Reports im Juni 2012 geschah:

HAMBURG
Ende Juni veröffentlicht NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND den Report „Wie du und ich“ und stellt die Frage: Dürfen wir Große Menschenaffen noch in Gefangenschaft halten? Eine externe Studie kommt zu dem Urteil, die Bedingungen in den meisten Zoos seien nicht artgerecht.

WUPPERTAL
Wenige Tage nach dem Erscheinen des Artikels beginnt der Bau eines neuen Außengeheges, das Schimpansen und Bonobos ab Frühjahr 2013 abwechselnd nutzen sollen. Laut Zoodirektor Ulrich Schürer ist der Zeitpunkt «reiner Zufall und lange geplant» gewesen.

HANNOVER
Mitte Juli brechen fünf Schimpansen aus ihrem Gehege aus. Das Urwaldhaus gilt wegen zu kleiner Gehege und veralteteter Substanz längst als Sanierungsfall, «ein neues Affenhaus steht auf dem Masterplan» sagt die Zoosprecherin der örtlichen Presse. Über Umfang und Termin des Umbaus kann Heiner Engel, der zoologische Leiter, vier Monate später noch nichts sagen: «Wir sind eingebunden in Wirklichkeiten, die außerhalb unseres Einflusses liegen.»

MÜNCHEN
Im Tierpark Hellabrunn ertrinkt am 25. Juli die 19-jährige Schimpansin Püppi vor den Augen der Besucher im Wassergraben. Fünf Jahre zuvor war schon der Schimpanse Franzl auf die gleiche Weise umgekommen. Die nachträglich installierten Sicherheitsmaßnahmen waren offensichtlich unzureichend.

PRAG
Im Juli erhängt sich der fünf Jahre alte Gorilla Tatu an einem Kletterseil. Als die Tierpfleger am Morgen ins Gehege kommen, ist ein zweiter Gorilla bei Tatu. Er habe ihm offenbar gerade helfen wollen, berichtet ein Sprecher des Zoos. Die anderen fünf Gorillas seien nur mit einem Wasser­schlauch von ihrem toten Artgenos­sen wegzuscheuchen gewesen. Vor allem Kamba, die älteste Gorillafrau der Gruppe, habe sich gar nicht von Tatu trennen können.

LEIPZIG
Die Gretchenfrage («Wie hältst du’s mit dem Zoo?») enthüllt Meinungsunterschiede am Max­ Planck­Institut für evolutionäre Anthropologie: Eine Gruppe, angeführt von Erkenntnisforscher Michael Tomasello, betont den Wert der wis­senschaftlichen Arbeit mit Schimpansen und Bonobos im Pongoland des Zoos. Der Verhaltensforscher Christophe ist gegen die Haltung von Menschenaffen in Gefangenschaft; sie sollten nur in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet werden.

ROSTOCK
Im September eröffnet das Darwineum mit einem modernen Gorilla­-Gehege. Man werde gemeinsam mit Forschern des MPI in Leipzig alles für eine optimale Haltung tun, die Gorillas auch artgerecht beschäftigen und intellektuell fordern, sagt Zoodirektor Udo Nagel.

METTMANN
Bei einem öffentlichen Symposium im Neanderthal­-Museum diskutieren Verhaltensforscher, Philosophen und Kulturwissenschaftler im September über die gewandelte Sicht des Menschen auf seine nächsten Verwandten und die Frage, ob man den Menschenaffen das Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit gesetzlich zuerkennen soll.

STUTTGART
Der Zoo Wilhelma kündigt für Anfang 2013 die Eröffnung eines modernisierten Gorilla-Hauses an. Man habe das alte Menschenaffenhaus schon lange für ungenügend gehalten, sagt Direktor Dieter Jauch. Experten für die Haltung von Menschenaffen hätten die neue Anlage als vorbildlich beurteilt. «Die Haltung von Schimpansen ist aus Platzgründen aufgegeben worden», so Jauch.

GMEINWEILER
Jan Vermeer, ein internationaler Gutachter für die Haltung von Menschenaffen, stellt dem Schwabenpark und seiner Schimpansenshow ein gemischtes Zeugnis aus. Raumangebot und Gehegeausstattung seien unzureichend, die Show würde den Affen aber wohl nicht schaden. Ethisch sei es allerdings nicht mehr vertretbar, Schimpansen zur Gaudi des Publikums in Kleider zu stecken und tanzen zu lassen.

BERLIN/PARIS
Im November wird eine Tagung der Grünen im Bundestag zur Frage „Grundrechte für Menschenaffen“ vertagt. Grund: Zeitgleich diskutieren Experten das Thema bei den Vereinten Nationen in Paris.

UND WAS IST DIE LÖSUNG?

Menschenaffen aus Zoos werden nie mehr in ihrem ursprünglichen Habitat leben können. Colin Goldner, Leiter des Great Ape Project Deutschland, regt deshalb die Einrichtung von betreuten, nach Arten getrennten Reservaten an, etwa auf einer Mittelmeerinsel. Vorbilder für solche Sanctuaries sind „Save the Chimps“ in Florida für pensionierte Schimpansen der Nasa (savethechimps.org) und „Chimp Haven“ für Affen aus Pharmalaboren (chimphaven.org). Die einzige vergleichbare Auffangstelle in Europa, die „Stichting AAP“ in Holland (aap.nl) ist schon heute an der Grenze der Aufnahmefähigkeit.

Wer die Idee eines Asyls für Große Menschenaffen unterstützen möchte, kann dies über Colin Goldner tun. Weitere Informationen und Kontakt unter greatapeproject.de

Zu unserer großen Reportage über die Grundrechte der Menschenaffen gelangen Sie hier.


(NG, Heft 12 / 2012, Seite(n) 8 bis 10)

Sie lachen und trauern. Sie lügen und morden. Sie kämpfen und lieben. Sie sind wie wir. Doch wir sperren sie in Zoos. Höchste Zeit, das zu ändern. mehr...
Vor 50 Jahren zog die Engländerin Jane Goodall nach Tansania, um Schimpansen zu beobachten. Die Geschichte der leidenschaftlichen Forscherin – und wie sie uns lehrte, die Affen zu lieben. mehr...
"Jane´s Journey - Die Lebensreise der Jane Godall" ist die faszinierende Geschichte einer der außergewöhnlichsten Frauen unserer Zeit. Mehr als 300 Tage im Jahr auf Reisen, fast jeden Tag an einem anderen Ort. Seit beinahe 25 Jahren ist dies das Leben der Jane Goodall. mehr...

Extras

Buchtipp: Der kultivierte Affe
Menschenaffen: Sie sind dem Menschen so ähnlich und doch anders. Die Erforschung des Menschen führte Wissenschaftler auf der Suche nach Antworten immer wieder zu diesen faszinierenden Tieren. Hans Werner Ingensiep’s Buch beschäftigt sich mit der Entwicklung des Bildes, das sich Europäer im Laufe der Jahrhunderte von Menschenaffen gemacht haben. Deutlich zeigt dieses Werk, wie sich nicht nur das Verhältnis der Menschen zu Tieren wandelte, sondern diese Forschung auch das Selbstbild der Menschen grundlegen ändern konnte. mehr...

Buchtipp: Menschenaffen
Menschenaffen üben bei vielen Menschen eine ganz besondere Faszination aus. Gerade Forscher, die teilweise Jahre mit ihnen in ihrer Heimat verbringen, spüren eine starke Verbindung zu den Lebewesen, die dem Menschen so ähnlich sind wie kein Anderes. In dem Werk „Menschenaffen“ von Martha M. Robbins und Christophe Boesch, erzählen zehn Wissenschaftler, von ihren Erfahrungen und Erlebnissen mit den Bewohnern des Waldes. Die individuellen Berichte liefern einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand und zeigen die Bemühungen um den Naturschutz der Menschenaffen und ihres Lebensraums in Afrika. In persönlichen Geschichten erzählen die Feldforscher von dem Sozialleben aber auch dem täglichen Kampf der Menschenaffen und liefern durch ihre passionierten und gleichzeitig wissenschaftlichen Texte einen Beleg, dass Wissenschaft ein Abenteuer bleibt. mehr...

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