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Ein Schlaraffenland für Eisbären: Vor der Küste von Spitzbergen treibt ein toter Wal.
Die Extreme der Natur erlebte in diesem Spätsommer NATIONAL GEOGRAPHIC-Fotograf Norbert Rosing. Der Eisbärenexperte war auf einem Expeditionsschiff im hohen Norden unterwegs. Anfang September passierte die "Origo" die Nordküste von Spitzbergen, unweit der "Sieben Inseln". "Das Wetter war übel", berichtet Rosing. "Tagelang waren wir durch eine dicke Nebelsuppe gefahren. Dann riss der Nebel auf – und am Strand vor uns lag ein toter Eisbär." Ein Jungtier, wohl erst Stunden zuvor getötet. "Überall war frisches Blut." Kurz darauf beobachtete Rosing ein etwa fünf Jahre altes Bärenmännchen, das Stücke aus dem Kadaver seines Artgenossen riss. "Er muss den Jüngeren in dessen Schlafkuhle überrascht haben", schloss der Fotograf.
Kannibalismus ist prinzipiell bei Eisbären bekannt, aber sehr selten dokumentiert worden. Kranke, geschwächte Tiere können von Artgenossen getötet werden. Manchmal beißt ein alter Bär Junge tot, damit deren Mutter rascher wieder paarungsbereit wird. Der amerikanische Biologe Steve Amstrup spekulierte vor einiger Zeit im Fachblatt Polar Biology, die Erwärmung der Arktis könne den Kannibalismus unter den Bären befördern: Wegen des dramatisch schwindenden Eises werde die Robbenjagd für sie immer schwieriger.
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Ein Eisbärexperte: der NATIONAL GEOGRAPHIC-Fotograf Norbert Rosing.
Wenige Tage später fand Rosing sich dann im Schlaraffenland wieder – wenn auch nur für Eisbären. Ein ausgewachsener Finnwal, an die 70 Tonnen schwer, trieb tot vor der nordwestlichen Küste von Spitzbergen. Noch in der Rückschau schüttelt es den Fotografen: "Der Gestank war unbeschreiblich. Aber er hatte anscheinend alle Eisbären aus einem Umkreis von 50 Kilometern zu dem Kadaver gelockt." Rosing sah bis zu acht Bären gleichzeitig, einmal standen sechs nebeneinander auf dem Fleischberg. "Da wird im Streit um die leckersten Bissen ganz schön herumgebrüllt. Am aggressivsten waren die Halbwüchsigen. Die hatten auch die vollsten Bäuche."
In diesen Tagen wird das Wasser im Fjord gefrieren und den Wal tiefkühlen. Bis zum Frühjahr haben die Eisbären dort also keine Probleme mit der Nahrungsbeschaffung. "In den kommenden Wochen könnten sogar noch ein paar hinzukommen", vermutet Rosing. "Wenn die auch zur Paarungszeit im März, April alle noch da sind, dann gibt es richtig Rambazamba. Dann würde ich gern wieder dort sein."
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