Der 26-Jährige Extrembergsteiger Florian Hill und der seit Jahrzehnten in Südamerika lebende Robert Rauch hatten es sich zum Ziel gemacht, die Illimani Südwand, die höchste Eis- und Felsflanke Boliviens, über eine neue Route zu durchsteigen. Mit 6.439 Meter streckt der Illimani seine eisigen Finger in den Himmel empor und ist somit der höchste Berg der Königskordillere. Mit vier weiteren Gipfeln über 6.000 Metern ist der Illimani kein einzelner Berg, sondern ein Gebirgsstock für sich.
Besonders für die Menschen in der bolivianischen Hauptstadt La Paz ist der Illimani ein spezieller 6000er. Für sie ist der Illimani nicht nur ein bloßer Berg, er ist mehr: Der Illimani ist ihr Wahrzeichen. Der Illimani ist ein mystischer Berg, und die Einwohner haben verschiedene regionale Namen für ihn. Einige nennen ihn „Illemana“, „wo die Sonne geboren wurde“ oder „Jilir Mamani“, „der älteste Sohn“. Der linke Gipfel ist auch bekannt als „Khunu Urucuncu“, Schneebär. Dichter schreiben Verse, Musiker komponieren Lieder und Maler malen Bilder über die Schönheit und Anmutigkeit des Illimani.
Hans Ertl, Erstbesteiger von Ortler- und Königsspitze Nordwand, Bergfilmer und Kameramann der deutschen Vorkriegs-, Kriegs-, und unmittelbarer Nachkriegszeit, zählte den 6.439 m hohen Illimani 1950 zu den 10 schönsten Bergen der Welt. Lionel Terray, herausragender französischer Alpinist der 50er und 60er Jahre, muss überwältigt gewesen sein vom Anblick der Illimani-Südwand: „Derjenige, der die furchterregende und gewaltige Südwand des Illimani durchsteigt, der muss erst noch geboren werden“ schrieb er voller Respekt im Jahr 1952. In den darauffolgenden Jahren wurden bahnbrechende Neuerungen im Bereich alpiner Ausrüstung erfunden. Das verschob die Grenzen und Möglichkeiten des gerade noch Machbaren unaufhaltsam.
1972, exakt 20 Jahre nach Terrays Bemerkung über die Illimani Südwand, konnte diese erstmals von zwei seiner Landsmänner, darunter der Anden-Spezialist Alain Mesili, durchstiegen werden. Einem japanischen Spitzenbergsteiger-Team, den Giri-Giri-Boys, gelang es dann im Jahr 2006, der Südwand drei äußerst schwere Routen im Alpinstil abzuringen. Bis heute wurde keine dieser Erstbegehungen wiederholt. Durch die Exposition in Richtung Amazonien besitzt die Südwand ein eigenes Mikroklima. Während auf der Westseite die Sonne scheint, kann es auf der Südseite zu einem Schneesturm kommen. Bis heute gilt die Illimani Südwand unter Alpinisten als ein Superlativ.
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