Ich hätte sie niemals entdeckt, dazu war sie zu gut getarnt. Das fleckige Muster auf ihrem Rücken verschmolz vollkommen mit dem braunroten Untergrund, und so verriet sich die Hornviper erst, als sie sich kurz vor meinem Fuß davon zuschlängeln versuchte. Offenbar war sie über unsere Begegnung genauso erschrocken wie ich.
Ich wusste, dass das Gift der nur etwa 30 Zentimeter langen Schlange allenfalls Schmerzen, Übelkeit und Schwellungen verursacht. Das Risiko erschien mir daher überschaubar, und ich hob die Kamera ans Auge, um einige Aufnahmen zu machen. Aus gebührendem Abstand, versteht sich, Teleobjektiv sei Dank. Doch da, während ich das Reptil heranzoomte, fiel mir ein roter Fleck an seiner rechten Seite auf. Ich sah näher hin. Es waren Eingeweide, die in einem blutigen Klumpen aus einer klaffenden Wunde quollen. Möglicherweise hatte hier ein Schlangenadler zugestoßen und war gestört worden, bevor er sein Werk vollenden konnte.
Die Hornviper würde diese Verletzung nicht überleben, das war sofort klar, und plötzlich tat sie mir leid. Sie sollte sich nicht länger quälen müssen. Aber ich wagte auch nicht, sie zu töten, als sie mir jetzt mit aufgesperrtem Maul drohte. Ich schaltete die Kamera aus und ließ die kleine Schlange zum Sterben allein.
Fressen und gefressen werden, dachte ich. Willkommen zurück in der Wüste. Bereits zum fünften Mal war ich nach Namibia geflogen, um einige Wochen lang als Volontärin im Raubtierschutzprogramm von N/a’an ku sê (sprich: ntsánkusé) mitzuarbeiten.
Diese private Tierschutzorganisation war 2007 von dem namibischen Ehepaar Dr. Rudie und Marlice van Vuuren gegründet worden, um in Not geratenen Wildtieren zu helfen. Und da die unweit Windhuk mitten im Busch gelegene Auffangstation keinerlei öffentliche Gelder bezieht, ist sie seit Anfang an auf die tatkräftige und finanzielle Unterstützung freiwilliger Helfer angewiesen. Wir Volontäre bezahlen also für Kost und Logis – und dafür, dass wir dort arbeiten dürfen. Wir versorgen Federvieh, Paviane, Antilopen, Mangusten, Erdmännchen, Geparden und Leoparden, legen Bewässerungsgräben an, errichten neue Gehege, hüten verwaiste Affenbabys, bessern die Zäune aus und erledigen alle sonstigen anfallenden Arbeiten. Sie sind oft hart und schmutzig und müssen unter der sengenden Sonne Afrikas getan werden. Und doch möchte ich diese Erlebnisse und Erfahrungen nicht missen. Denn was ich in Namibia gelernt habe und immer noch lerne, ist viel wertvoller für mich als die Souvenirs, die der Durchschnittstourist aus Namibia mitbringt.
Buchtipp: Wild Woman - Die Fremde in mir
In ihrem Buch erzählt Barbara Imgrund von ihrer Reise nach Afrika und der Begegnung mit der unberührten Natur der Wüste Namibias. Die Arbeit als Volontärin mit Geparden und Leoparden hat ihr gezeigt, dass es nur etwas Mut und Tatendrang braucht, um sein Leben zu verändern. mehr...
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