Vierte Etappe: Von Montebello nach Waynesboro

Autor: Susanna Muschik  —  Bilder: Susanna Muschik
Unterkünfte am Trail

Bild: Susanna Muschik Vergrößern

Die Shelter auf dem Appalachian Trail sind meist einfache Holzhütten, die zu einer Seite offen sind. Dazu gibt es ein Außenklo, einen Picknicktisch und eine Wasserquelle. Hier am Wilson Creek Shelter war die Quelle allerdings ausgetrocknet, wir mussten einen Umweg von zwei Kilometern laufen, um an ein paar Tropfen (lauwarmes) Nass zu kommen.

Der folgende Morgen begann mit dem deprimierenden Geräusch von Regentropfen auf dem Zeltdach. Wir hatten eigentlich früh aufstehen wollen, da ein 28-Kilometer-Tag vor uns lag, nun aber verharrten wir in unseren Schlafsäcken, unschlüssig was wir tun sollten. Doch die Aussicht, weitere 24 Stunden in der vier-Häuser-Metropole Montebello bleiben zu müssen, trieb uns letztlich doch aus dem Zelt und auf den Trail zurück.

Der Tag war schrecklich, kalt und nass. Und als wäre dies nicht genug, entschlossen wir uns unachtsamerweise zu einer kleinen „Abkürzung“ über einen Nebenpfad des Appalachian Trails. Dieser „Mau-Har Trail“ sollte uns gute fünf Kilometer Weg ersparen, entpuppte sich jedoch als furchtbare Kraxelei fast senkrecht an einem Wasserfall entlang. Völlig erschöpft erreichten wir das Maupin Field Shelter, unser Ziel für den Tag. An der Feuerstelle vor der Schutzhütte machte sich gerade ein Mann – kurze graue Haare, Schnauzer, drahtige Figur – zu schaffen. Er musterte uns kurz und fragte dann unvermittelt, ob wir einen Bären gesehen hätten. „Ein ziemlicher Brocken. Gute 300 Kilogramm schwer. Ein Männchen, und ein gesundes dazu.“ Er wandte sich wieder dem Feuer zu, sprach dann aber weiter. „Der kommt zurück. Wir sollten die Augen offen halten.“

Etwas eingeschüchtert richteten wir unser Nachtlager ein. Jule ging es nicht besonders gut, der „Mau-Har Trail“ war für ihr Knie zu viel gewesen. Sie humpelte vor dem Shelter herum, als der Typ auf sie zukam. „Warum humpelst du? Zeig mal her. Keine Sorge, ich bin ein Ex-Marine mit medizinischen Kenntnissen.“ Er drückte ein wenig auf Jules Bein herum, murmelte unverständliche Dinge und sah sie dann ernst an. „Es ist der Muskel. Das ist nicht schlimm, aber es wird morgen höllisch wehtun. Du solltest einen Ruhetag einlegen.“ Damit sprang er schon wieder auf und rannte in den Wald, um neues Feuerholz zu holen. Ich bereitete währenddessen eine Portion chinesischer Instantnudeln zu (besser als Kartoffelbrei, wenn auch seltsam geschmackfrei). Sofort tauchte Military-Man neben mir auf und hielt mir seinen Topf unter die Nase. „Nimm diesen. Ist effektiver.“ Dann schmiss er sich auf den Boden und pustete in Liegestützposition das Feuer an.

So ging es den ganzen Abend weiter. Rat – sein Codename, da er seinen Taufnamen ob geheimer Regierungstätigkeit nicht einmal an seine engsten Freunde weitergibt – hüpfte um uns herum, begutachtete immer mal wieder Jules Knie, wies uns auf sämtliche Bären, Kojoten und Schlangen in näherer Umgebung hin und war alles in allem ein ziemlich merkwürdiger Kerl. Wir waren trotzdem froh, nicht allein am Shelter zu sein, die Bärengeschichte hatte uns doch etwas verunsichert.

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