Kolumbus ohne GPS

Autor: Harald Welzer  —  Bilder: Illustration: Oliver Weiss
Künstliche Frau-Main

Im Leben ist wahrlich nicht immer alles so, wie es sein soll.
 Aber genau das macht das Leben aus. Ist eine permanente Wunscherfüllung also unbedingt wünschenswert?

Und dann war da noch die junge Frau in München, die ihre kleine nackte Tochter bei Minusgraden im Fahrradsitz herumfuhr. Von der Polizei angehalten und gefragt, was sie sich dabei denke, antwortete die Mutter: „Sie wollte nichts anziehen!“

Dass es eine Weile dauert, bis junge Menschen autonom entscheidungsfähig sind, und dass man bis dahin eben für sie entscheiden muss, hatte sich bis zu dieser Frau offenbar noch nicht herumgesprochen. Genauso wenig wie zu den neuerdings durchgegenderten Eltern, die sich von einer entwicklungspsychologisch völlig normalen Identitäts- und Geschlechtsunsicherheit ihres Kindes so verunsichern lassen, dass sie dem medizinisch-psychologischen Komplex den Auftrag geben, das vermeintliche Wunschgeschlecht herbeizutherapieren.

„Vermeintlich“ schreibe ich deshalb, weil ein Kind nicht wissen kann, was es sein will und sein wird. Weder seine Gehirn- noch seine Persönlichkeitsentwicklung sind vor dem jungen Erwachsenenalter abgeschlossen – wie kann man da auf die Idee kommen, der Biologie ins Handwerk zu pfuschen?

Nun, man kann auf eine solche Idee kommen, wenn einem die Vorstellung abhandengekommen ist, dass Menschen Naturwesen sind, biologisch betrachtet Tiere wie andere Tiere auch. Und eine solche Vorstellung kommt unter zwei Voraussetzungen abhanden: Wenn man, erstens, in einer Gesellschaft lebt, die alles, was es gibt, als Ware und somit für den verfügbar hält, der bezahlen kann. Und die, zweitens, den Aberglauben der Moderne verinnerlicht hat, dass mit den Mitteln der Technik alles möglich ist. Und dass, weil etwas gemacht werden kann, es auch gemacht werden sollte. Mit dem Fortschritt der medizinischen und chirurgischen Möglichkeiten tritt der Wunschkörper, das Wunschgeschlecht, die Wunschidentität nun in den Bereich des Möglichen, und in einer Welt, in der Sinnstiftung nur durch Kaufhandlungen stattfindet, scheint es natürlich als Gipfel der Verwirklichung, wenn man sich auch selbst kaufen kann.

Die Übersetzung seiner selbst (oder noch schlimmer: seines Kindes) in ein gestaltbares Produkt ist absurd. Denn eine Persönlichkeit, ein Leben, entwickelt sich ja an den Schwierigkeiten und Widerständen, die man ständig zu überwinden oder mit denen man zu leben lernt.

Und wie verstehen wir uns selbst und die anderen? Im Medium von Geschichten, die wir erzählen oder die uns erzählt werden. Aber glatte Geschichten, in denen alles so läuft, wie man es sich gewünscht hat, sind total uninteressant – spannend wird es doch immer nur dann, wenn etwas Unerwartetes geschieht, eine Komplikation, ein Zufall, etwas, das dazwischenkommt. Leben besteht nicht aus durchgeplanten Abläufen, in denen alles wunschgemäß geliefert wird, sondern Lebensläufe sind, mit einer Formulierung des Philosophen Odo Marquard: „Handlungs-Widerfahrnis-Gemische“. Und Lebensgeschichten, die erzählenswert sind, entstehen erst, wenn in ihnen etwas dazwischenkommt: „Wir sind stets mehr unsere Zufälle als unsere Leistungen.“

Wenn Kolumbus Indien amerikalos erreicht hätte, wenn Rotkäppchen die Großmutter wolflos besucht hätte, wenn Odysseus ohne Zwischenfälle schnell nach Hause gekommen wäre, wären das keine Geschichten gewesen. Vorher hätte es – als Voraussage oder als Planung – die Prognose gegeben, hinterher nur die Feststellung: „Es hat geklappt.“ Übertragen Sie das mal in unsere Zeit, in der alle Probleme durch Konsum gelöst werden können: Kolumbus hätte sich mit dem Smartphone-GPS nicht verfahren, Rotkäppchen hätte mit der Gesichtserkennungs-App sofort gemerkt, dass der Wolf nicht die Großmutter ist, und Odysseus wäre pünktlich wieder zu Hause bei Penelope gewesen, zurück von seiner Dienstreise nach Troja: „Hallo Schatz“, hätte seine Frau gelangweilt gesagt, „wie war dein Tag?“

Kurz: ist die permanente Wunscherfüllung wünschenswert? Nein, ist sie nicht. Vor allem nicht, wenn sie einen Preis hat, den andere Menschen bezahlen müssen.

Und damit zurück zum Genderthema. Dazu gehört ja auch, dass jede geschlechtliche Wunschexistenz nicht nur die Anerkennung einfordert (in Berlin etwa mit der Forderung nach der dritten Klotür für Transgender, für die es natürlich eine niederträchtige Zumutung ist, wenn sie wahlweise auf die Herrentoilette oder die Damentoilette gehen sollen), sondern eben auch andere Menschen für die ureigene Wunscherfüllung benutzt.

Und wie ist es mit dem unerfüllten Kinderwunsch? Was ist es denn anderes als gnadenloser Konsum, wenn ein wie auch immer geschlechtlich gestricktes Paar aus dem reichen Westen sich eine Leihmutter in Indien, Bangladesch oder in einem armen afrikanischen Land kauft, die mal eben neun Monate biologische Dienstleistung für jenes vermeintliche Lebensglück zu liefern hat, auf die die Reicheren einen Anspruch zu haben glauben?

Nach den psychischen Folgeproblemen einer solchen Leihmutter fragt niemand, auch nicht, wo hier eigentlich die sonst so beliebte Anerkennungsfrage geblieben ist. Oder hat eine Person schon automatisch keine Würde mehr, wenn man sie zur Ware gemacht hat?

So betrachtet befördert die Wunscherfüllungskultur zwei erschreckende Defizite: Sie stellt das Ich über alles und schafft es paradoxerweise zugleich wieder ab – denn ein Ich, dem nie etwas widerfährt, ist und wird keines, jedenfalls nicht im Sinn des Menschenbilds, das wir seit der Aufklärung gepflegt haben. Zweitens sind die Mittel zur Egowunscherfüllung oft zutiefst asozial und unethisch.

Es sollte, so schlicht würde ich es formulieren, einfach Dinge geben, die man für Geld nicht kaufen kann – schon um die Käuferinnen und Käufer vor sich selbst zu schützen. Und ihre Kinder vor ihnen.

Professor Dr. Harald Welzer

Bild: Fabian Zapatka Vergrößern

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Professor Dr. Harald Welzer hat sich in mehreren Bestsellern („Klimakriege“, „Selbst denken“) mit den Folgen eines nicht nachhaltigen Wachstums auseinandergesetzt. Als Direktor der Stiftung „Futur Zwei“ sucht er nach praktischen Wegen, unsere Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfähig zu machen. www.futurzwei.org


(NG, Heft 01 / 2017, Seite(n) 14 bis 15)
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