Lassen Sie mich mal sehen!

Autor: Professor Dr. Harald Welzer  —  Bilder: Illustration: Oliver Weiss
Liegestuhl-Main

Gerade lese ich einen dieser Sätze, die ich liebe: „Vielleicht werden wir bald schon smarte Fenster haben, sodass man seine E-Mails auf der Fensterscheibe lesen oder darauf fernsehen kann.“ Sagt Mikael Ydholm, seines Zeichens Forschungschef von Ikea, was auch immer in diesem Unternehmen wohl erforscht wird. Ach so, denke ich beim Lesen, ich dachte immer, Fenster wären dazu da, dass man heraus, also in die Welt schauen kann und dass Licht in die Bude kommt. Stimmt nicht mehr.

Erst neulich hat auch Bahnchef Grube geträumt, dass die Fenster in den Bahnwaggons irgendwann einmal Screens zum Lesen von E-Mails und so sein würden. Die Utopie, die hinter solchen smarten Fenstern aufscheint – die dann eben keine Fenster mehr sind, sondern Bildschirme – scheint mir ziemlich grauenerregend: Denn irgendwann soll ja niemand mehr etwas erblicken, was nicht ein personalisierter Algorithmus für ihn zum Erblicken vorgesehen hat. Denn es könnte ja sein, dass draußen etwas passiert, was nicht voreingestellt, programmiert, vorgesehen ist – also, Gott bewahre, womöglich nutzlos und nicht verwertbar ist, was sich nicht messen und bewerten, nicht liken und weiterleiten lässt!

Alle sollen nur noch in einer Spiegelhölle sitzen, in der sie immer genau das vorgesetzt bekommen, von dem der Algorithmus weiß, dass es exakt das ist, was sie am liebsten sehen, was man am meisten von ihnen will und womit man ihnen am besten etwas andrehen kann. Und zwischendurch kommen immer mal E-Mails, ganz prima. Es kommen ja sonst nicht genug. Und sinnlose Bilder, Filmchen, Selfies. Da muss jetzt echt mal Schluss sein mit diesem ungeplanten Rausgucken, das ist geradezu gefährlich, da kann man ja auf Gedanken kommen!

Und jetzt erzähle ich Ihnen, was ich als erklärter Fortschrittsfeind diesen Sommer über gemacht habe. Für mich war das nämlich ein ganz besonderer, denn es war der erste, den ich komplett am Wasser verbringen durfte, und zwar an einem mit starkem Schiffs- und Bootsverkehr: Vor allem am Wochenende sah ich ein minütlich wechselndes Wimmelbild voller Ausflugsschiffe, Hausboote, seltsamer Flöße und privater Wasserfahrzeuge jeder Art, vom riesigen Sportboot, dessen Hochleistungsachtzylindermaschine selbst bei Vorbeifahrt mit fünf Knoten alle umliegenden Fensterscheiben vibrieren lässt, über die vor allem von älteren Männern in Unterhemden bewegten hochseetauglichen Motorjachten, wo Mutti unten schon mal den Nudelsalat fertigmacht, bis hin zu Huckleberry-Finn-mäßigen Flößen mit Hütte drauf, auf denen sich wiederum vor allem männliche Jugendliche mit Bierkästen und Technomusik aufhalten, die alle bei der Anmietung unterschrieben haben, dass sie unheimlich aufgekratzt rumgrölen müssen, wenn sie irgendwo vorbeifahren, und sie fahren ja immer irgendwo vorbei. Geht gar nicht anders.


So weit die, deren Aktivität vor allem darin besteht, Sprit zu verbrauchen und vorbeizufahren. Dann gibt es die, die sportlich unterwegs sind, also die mit dem Kanu, dem Kajak, dem Ruderboot, und die entweder kontemplativ wandernd oder verbissen leistend zwischen den stinkenden anderen Wasserfahrzeugen durchmanövrieren.

Und dann – und das sind meine absoluten Lieblinge! – gibt es SUPs. Nein, das sind nicht die nautischen Äquivalente der SUVs, der im Straßenverkehr täglich mehr werdenden Kampfwagen gegen das Weltklima. Die gibt es auf dem Wasser auch, reichlich, mit 400 PS oder so und genauso aggressiv gestylt und mit demselben dumpfen Personal besetzt. Aber SUPs sind ihr genaues Gegenteil. SUP steht für Stand-up-Paddling und wird so betrieben, dass man aus keinem Grund auf einem Surfbrett steht und ein Paddel in der Hand hat, mit dem man das tut, was man früher dem Ostfriesen nachsagte, der mit dem Messer auf dem Deich steht: in See stechen.

Ja, an guten Tagen stechen so viele mit dem Paddel in den See, als handele es sich um eine Demonstration gegen TTIP, gern auch in der Gruppe, gern auch mit ausgefahrenem Selfiestick, um ein Selfie davon zu machen, wie man aus keinem Grund auf einem Brett im Wasser steht. Outfitmäßig können sich die meisten echt sehen lassen, und es handelt sich weitgehend um dieselben, die im Holzfällerhemd durch großstädtische Fußgängerzonen laufen und sich geben, als würden sie vor dem Frühstück normalerweise erst mal ein, zwei Braunbären niederringen. Also: Die Typen sind jung, schlank und tragen zum Bart Shorts, in denen wasserdichte Smartphones sicher transportiert werden können, die Damen superschicke Bikinioberteile und auch Shorts, die aber wesentlich knapper geschnitten sind, sodass ich mich immer frage, wo sie ihre Smartphones haben. Ungeklärt.

Also sitze ich am Ufer und schaue mir das alles an. Und es gefällt mir, dass das alles einfach so 
da ist, auch das, was mir nicht gefällt. Dass auch nicht das Geringste davon in irgendeiner Weise auf mich zugeschnitten ist. Dass ich mir dazu meine Gedanken machen kann oder auch nicht, amüsiert, interesselos, abschweifend. Das ist das Leben, wie es da draußen ist, solange es Ihnen nicht durch Algorithmen gefiltert als Ihr ganz persönlicher Weltausschnitt supersmart serviert wird. 211 Millionen mal ganz individuell. Das ist nämlich die Auflage des neuesten Ikea-Katalogs. Er hat das Motto: „Entworfen für dich, nicht für irgendwen.“ Wäre es nicht schön, wenn sie diese 211 Millionen allesamt zurückgeschickt bekämen, mit dem Vermerk: „Danke, brauchen wir nicht. Wir schauen lieber aus dem Fenster.“

Professor Dr. Harald Welzer

Bild: Fabian Zapatka Vergrößern

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Professor Dr. Harald Welzer hat sich in mehreren Bestsellern („Klimakriege“, „Selbst denken“) mit den Folgen eines nicht nachhaltigen Wachstums auseinandergesetzt. Als Direktor der Stiftung „Futur Zwei“ sucht er nach praktischen Wegen, unsere Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfähig zu machen. www.futurzwei.org


(NG, Heft 11 / 2016, Seite(n) 20 bis 21)
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