Alexander Theodor von Middendorff zieht durch die eisige Tundra bis zum Polarmeer. Er steigt mit Rentieren über einsame Gebirge im Gebiet des Amur. Der Russe mit den deutschen Ahnen rettet mit Mühe sein Leben. Er wird zum Helden der Sibirien-Forschung.
Das Geschlecht der Middendorffs hat eine beeindruckende Tradition. Acht Generationen lassen sich zurückverfolgen, in dieser Zeit hat die Familie elf evangelische Pastoren, 43 Ratsherren und Bürgermeister sowie 32 Älteste der Großen Kaufmannsgilde hervorgebracht. Theodor Johann von Middendorff, der Vater des jüngsten Sprosses, ist Direktor des Pädagogischen Hauptinstituts zu St. Petersburg. Er schenkt seinem Sohn ein Gewehr, als der erst zehn Jahre alt ist. Begeistert streift der Junge damit durch die Moore der baltischen Heimat. Der Vater ahnt noch nicht, was dieses Gewehr bedeutet. Es ist der Anfang einer Geschichte, die den Ruhm der Familie auf nie da gewesene Weise mehren wird.
Alexander Theodor von Middendorff erhält eine Bildung, die russisch, französisch und deutsch geprägt ist. Seine deutschstämmigen Vorfahren haben sich im 16. Jahrhundert als Kaufleute in Riga niedergelassen. Es ist wohl das kosmopolitische Erbe, das ihn von zu Hause wegtreibt. 1837 wird Middendorff in Dorpat Doktor der Medizin, dann studiert er Naturwissenschaften in Berlin, Erlangen, Breslau und Wien. 1839 wird er Adjunktus eines Zoologieprofessors in Kiew. Doch im Grunde sind ihm Studierstuben ein Gräuel. Hinaus will er, nichts als hinaus. «Jede Gelegenheit zu irgendwelcher Reise erkannte ich als meinen Leitstern an», wird er später einmal schreiben.
Im Jahr 1840 ist es endlich so weit. Der Naturforscher Karl-Ernst von Baer nimmt ihn mit ins russsische Lappland. Auf der Halbinsel Kola studiert Middendorff die Vogelwelt und überrascht die Gelehrten mit dem Nachweis, dass der Fluss Kola von Süden nach Norden fließt und nicht von Osten nach Westen, wie bisher angenommen wurde. Baer staunt über die Fähigkeiten des jungen Wissenschaftlers. Er versteht etwas von der Seefahrt und von der Heilkunst, kann nächtelang in Mooren liegen und läuft selbst zähen Wanderern davon. Baer empfiehlt Middendorff der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg für eine Expedition, die große Teile Sibiriens erfassen soll.
Selbst auf gleichen Breitengraden weichen die Temperaturen weltweit stark voneinander ab. Das hat Alexander von Humboldt mit seiner Arbeit über die Isothermen nachgewiesen. Die Unterschiede sind bedingt durch die ungleiche Verteilung von Land und Wasser. Die Nordküste Sibiriens – das Festland, das am weitesten zum Pol hin reicht – bietet sich für Temperaturvergleiche an. Doch außer ein paar dürftigen Daten, die Seeleute der Großen Nordischen Expedition unter Vitus Bering geliefert haben, weiß man so gut wie nichts über die Verhältnisse dort. Sind diese Landstriche immer schneebedeckt? Wie tief reicht der Dauerfrostboden? Wann gefrieren und tauen die Gewässer? Wo genau liegt die Baumgrenze? Was für Völker und welche Tierarten leben eigentlich dort?
Mit einer langen Liste von Fragen bricht Middendorff 1842 auf. An seiner Seite sind der dänische Förster Thor Branth, der Unteroffizier Waganow und ein Diener namens Fuhrmann. Mit Pferden und vier Schlitten reisen sie im Winter auf dem zugefrorenen, bis zu 15 Kilometer breiten Jenissei nach Norden. Weiter als bis Turuchansk ist noch nie ein Forscher gekommen. Middendorff tauscht dort die Pferde gegen Hunde, dann die Hunde gegen Rentiere. In Dudinskoje (Dudinka), 500 Kilometer weiter, erkranken zwei Begleiter an Röteln. Middendorff packt sie in einen Kasten aus Fellen, den er auf einem Schlitten konstruiert hat. Unterwegs nimmt er noch einen Samojeden als Dolmetscher mit. In Korennoje-Filipowskoje, wo die Nomaden ihre Winterhütten haben, schlägt er sein Hauptquartier auf. Seine Begleiter bleiben an diesem Ort, um meteorologische und naturwissenschaftliche Studien zu betreiben. Am 7. Mai 1843 bricht Middendorff mit einem Trupp Nomaden und seinem Dolmetscher auf. Er will die Taimyr-Halbinsel, das nördlichste Stück Sibiriens, bis zum Eismeer durchqueren.
Noch liegt das Land unter Schnee. Mit Rentierschlitten wollen sie den Fluss Taimyra erreichen. Die Augen schmerzen vom Schnee, beginnen zu flimmern, werden durch Luftspiegelungen getäuscht, manchmal läuft Middendorff stundenlang umher und findet sein Zelt nicht mehr. «Nur die Scheu vor halbem Tun» treibt ihn weiter, wie er später schreibt. Anfang Juni ist er mit vier Gefährten am Fluss. Aus den Bodenbrettern der Schlitten bauen sie ein Boot, das sie „Tundra“ taufen. Am 27. Juli treibt es in den Taimyrsee. Der Ausfluss des Stroms führt zwischen Hügeln hindurch, dann breitet sich die weite Tundra vor ihnen aus. Kein Baum mehr, kein Strauch, nur Nebel und Wind. Anfang August kündigen Schneegestöber und die ersten Nachtfröste an, dass der kurze Sommer schon wieder zu Ende geht. Middendorff stößt auf ein Mammutskelett, dann stiert er wieder in die Ferne. Noch 50, noch 40, noch 30 Kilometer, das Meer kann nicht mehr weit sein. Am 13. August erreicht Middendorff die Küste. Aber ein Nordsturm und hohe Wellen verhindern, dass er das Vorgebirge zu seiner Rechten umfährt.
Middendorff ahnt, dass die Zeit von nun an gegen ihn arbeitet. Er muss so schnell wie möglich zurück, und das gegen die reißenden Fluten des Flusses. Zum Glück haben sie drei Haupt-, ein Lee- und ein Bramsegel, dazu zwei Paar Ruder. Dennoch sitzt die „Tundra“ immer wieder auf Schlammbänken fest. Die Männer waten durch eisiges Wasser und Morast, um sie wieder freizulegen. Nachts fertigen sie aus ihren Rudern und Stangen eine Art Windschutz. Nach einer Woche wirft ein Windstoß das Boot an einen Felsen, das Steuer zerbricht. Vier Tage später sind sie dennoch am Taimyrsee. Doch nun schwappt eine riesige Welle in das Boot. Unter vollen Segeln lässt Middendorff es auf eine Sandbank jagen. Dort sehen seine Leute, dass die „Tundra“ leck geschlagen ist. Der See beginnt schon zuzufrieren. Mit letzter Kraft rudern sie das Boot ans Westufer. Ein kleiner, angehängter Kahn, in den sie alle Netze, die geodätischen Instrumente und die gesammelten Objekte gepackt haben, kentert mit der ganzen Fracht.
Das Boot und die Ladung sind verloren. Sie bauen wieder einen Schlitten und ziehen damit am Ufer des Taimyra entlang. Drei Tage später ist Middendorff mit seinen Kräften am Ende. Es gibt nur noch eine Hoffnung auf Rettung. Seine Begleiter müssen losziehen, um Nomaden zu finden, die sich vielleicht noch nicht in ihre Winterhütten zurückgezogen haben. Vielleicht hat ja der Assja-Häuptling Toitschum, von dem er sich auf dem Hinweg verabschiedet hat, schon mit der Suche begonnen. Sie teilen die letzten Bouillonwürfel auf, schlachten ihren Hund, bereiten ein Abschiedsmahl aus dessen Blut und Knochenbrühe, trocknen sein Fleisch. Die nächsten Samojedenhütten sind Hunderte von Kilometern entfernt. Der Proviant reicht für zwei bis drei Tage.
Am 31. August ziehen seine Freunde los. Middendorff wankt zum See, nimmt ein paar Schluck Wasser. Dann kriecht er in eine Felsnische. Stürme brechen über ihn herein, «das Peitschen der Schneeteile gestattet gar nicht, die Augen zu öffnen», beschreibt er die Wirkung. «Es braust in den Ohren, ja man kämpft bisweilen mit der Furcht zu ersticken, da der wütende Luftbrei das Atmen bedrängt.» Er streicht die Tage an, um sich an irgendetwas festhalten zu können. Er verzehrt Lederwerk, Holz und Birkenborke. Ein Alpenschneehuhn kann er noch mit der Büchse erlegen, er schlingt es samt Knochen und Federn hinunter. Dann wieder einer dieser furchtbaren Stürme. «Man wird in dem unbegreiflichen, entsetzlichen Gewirre so irr, dass der in das allgemeine Wirbeln hineingerissene Verstand nicht mehr zu unterscheiden vermag.»
Fast 20 Tage verstreichen. Von Rettung keine Spur. «Eine unsägliche Angst vor dem Wahnsinn ergriff mich», schreibt er später. «Fruchtlos suchte ich in dem einseitig gewordenen Hirnkasten nach Hilfe, kein Gedanke wollte haften.» Mit zittrigen Fingern nimmt er eine Nadel aus seinem Besteck, näht sich ein paar Stiefel aus seinem Pelz, hat immer noch Kraft für den Bau eines Handschlittens. Middendorff will Vorräte suchen, die er auf dem Hinweg vergraben hat – und findet schon am ersten Tag seine Gefährten und Toitschum, der sich schon seit einiger Zeit auf den Weg zu ihm aufgemacht hat.
Jeder andere hätte wohl nach einer solchen Erfahrung genug. Middendorff aber will nicht nach Hause. Er geht unmittelbar danach auf eine neue Expedition. Von Jakutsk aus zieht er mit Einheimischen durch das unerforschte Stanowoi-Gebirge des sibirischen Ostens. Er erkundet die südliche Küste des Ochotskischen Meeres. Er zieht zurück durch das Amurland und das Schilka-Gebiet an der chinesischen Grenze. Als Middendorff am 5. März 1845 nach St. Petersburg zurückkehrt, wird er wie ein Held empfangen. Ein Jubelfest endet mit dem feierlichen Beschluss, eine Russische Geographische Gesellschaft zu gründen.
Middendorffs Werk, vier mächtige Bände, ist das Ergebnis Abertausender von Messungen. Es quillt über von neuen Erkenntnissen, wird ergänzt durch eine Fülle an Karten und Skizzen. Es kommt in Etappen von 1848 bis 1895 heraus. Niemand vor und nach ihm hat jemals die Tundra so brillant beschrieben.
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