Adolph Schlagintweit

Zusammen mit seinen Brüdern Hermann und Robert steigt Adolph Schlagintweit auf das Dach der Welt. Im Himalaja und Karakorum vermisst er Bergriesen und Gletscher, entdeckt Asiens Hauptwasserscheide – und findet ein grausames Ende.

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts interessiert sich kaum ein Forscher für Berge. Wüster Fels, Schnee und Eis, menschenleere Höhen – weshalb sollte man ihnen zu Leibe rücken? Es ist kaum bekannt, welche Bedeutung Gebirge und die ihnen entspringenden Flüsse für das Leben in den Niederungen haben. Die Höhenmessung mit Hilfe des Barometers steckt erst in den Anfängen. Karten, Profile und Reliefs von Bergen sind Mangelware. Das Herz von Asien zum Beispiel ist noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Im „Allgemeinen Atlas“ von 1812 ist Tibet als Flachland eingezeichnet. Der Mount Everest ist völlig unbekannt, von 14 Achttausendern des Himalaja sind erst ganze drei entdeckt. Als höchste Berge der Erde gelten zu jener Zeit der Sorata und der Chimborazo in den Anden. Deren Gipfelhöhen werden aber um bis zu 1200 Meter zu hoch angegeben. Sie wurden mit simplen Methoden der Trigonometrie, meist aus großen Entfernungen, ermittelt.

Nichts weiß die Wissenschaft über die mächtigen Gletscher, die sich über Hochgebirgstälern erheben. Kein Forscher hat je die Kräfte gemessen, die in ihnen wirken, die das Eis pressen und spalten und schieben. Noch wissen die Menschen nicht einmal, wo und wie die wichtigsten Gebirgskämme der Welt überhaupt verlaufen. Wie auch sollen sie die ganze Struktur dieser Ketten erfassen? Für Luftaufnahmen, mit denen alles leicht zu klären wäre, ist es noch 100 Jahre zu früh. So bleibt nichts anderes übrig, als sich die Landschaft zu erwandern. Wer den Verlauf von Gebirgen erkunden will, muss seine kostbaren Instrumente durch Wind und Wetter schleppen, jeden Tag neu auf- und abbauen, jeden Bach und Pass, jeden Grat und Gipfel penibel auf Papier notieren, Fixpunkt für Fixpunkt. Es sind nicht viele, die bereit sind, dafür ihre Gesundheit oder gar das Leben zu riskieren.

Da steigt ein Münchner, noch nicht einmal 20 Jahre alt, durch die Ötztaler Alpen und das Großglocknergebiet. Es geht ihm nicht so sehr darum, bei der sportlichen Jagd auf unerstiegene Gipfel mitzumachen, die allenthalben eingesetzt hat. Stattdessen studiert Adolph Schlagintweit, wie das Gletschereis aufgebaut ist und wie es oszilliert, welche Temperaturen der Boden und die Quellen haben, wo genau die Grenzen von Bäumen, Sträuchern und Moosen liegen. Er ist von dieser Arbeit so begeistert, dass er dafür am liebsten auch noch das Abitur hinwerfen würde.

Der Hauslehrer Franz Joseph Lauth, ein begabter Ägyptologe, hat die jüngeren der insgesamt fünf Söhne des Augenarzts Joseph Schlagintweit von Kindheit an gründlich unterwiesen. Nun geht seine Saat auf unerwartete Weise auf. Adolph Schlagintweit, geboren 1829, hat mit seinem drei Jahre älteren Bruder Hermann einen Begleiter mit den gleichen Ideen. Mit ihm steigt er 1851 auf den Monte Rosa und 1852 ins Karwendelgebirge, um die ersten Studien zu festigen.

Zwei Brüder, ein Herz und eine Seele – und eine gemeinsame Vision. Das findet man nicht oft. Hermann Schlagintweit habilitiert sich in Geographie, Adolph Schlagintweit in Geologie. Das Material, das sie in den Alpen gesammelt haben, schlägt sich in einem gemeinsamen Buch mit einem Titel nieder, der nicht unbedingt Bestsellerverdächtig ist: „Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen und ihre Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie“. Aber der große Gelehrte Alexander von Humboldt , dem die beiden das Geschriebene widmen, ist beeindruckt von der Art, wie sie forschen. Adolph und Hermann Schlagintweit suchen das Abenteuer nicht im Reisen, sondern im Forschen -– wie er. Sie messen und messen, um ein Maximum an vergleichbaren Daten zu erhalten – wie er. Sie sehen die Erscheinungen der Natur in ihren Wechselbeziehungen zueinander – wie er. Sie denken ganzheitlich wie Humboldt. Die Brüder Schlagintweit sind die geistige Frucht seines Schaffens. So führt der inzwischen schon über 80-jährige Vater der Universalbildung sie beim preußischen wie auch bayerischen Hof ein. In einem Brief an König Maximilian II. empfiehlt Humboldt die «zwei noch sehr jungen, gründlich gelehrten und, was jetzt so selten, mit anmutiger Bescheidenheit auftretenden Naturforscher». Und er hilft den jungen Münchnern, die er in Berlin auch persönlich kennen lernt, mit seinen Kontakten.

Adolph und Hermann Schlagintweit erhalten auf diese Weise einen Auftrag der englischen Ostindien-Kompanie. Sie sollen in den Bergketten, die sich im Norden Indiens auftürmen, die Höhenverhältnisse klären, erdmagnetische Messungen durchführen, Quellen, Flora und Fauna aufnehmen, dazu – im Humboldt’schen Sinn – die Kultur der Bergvölker in Verbindung mit den geographischen und klimatischen Verhältnissen erforschen. Und Adolph und Hermann Schlagintweit sollen Gerüchten auf den Grund gehen, wonach es im Himalaja Gletscher geben soll – das galt bis vor wenigen Jahren noch als ausgeschlossen.

Aus dem Duo Schlagintweit wird nun sogar ein Trio. Der Bruder Robert, geboren 1833, hat sich anstecken lassen und sich mit einer Studie über die Bergwelt des Wilden Kaisers als Assistent empfohlen. Sie brechen alle drei am 20. September 1854 von Southampton nach Bombay auf.

In Indien gehen sie teils gemeinsame, teils getrennte Wege. Nach ein paar Monaten treffen sie immer wieder zusammen. Hermann Schlagintweit erkundet zunächst den Nordosten, Sikkim, Darjeeling und Assam, mit einem Abstecher nach Bhutan. Adolph und Robert Schlagintweit ziehen zu Pferd Richtung Nordwesten. In Simla beginnt Adolph Märsche, die ihn zum bedeutendsten der drei Schlagintweits machen werden. Er sucht Asiens große Nord-Süd-Wasserscheiden. Nicht überall, so findet Adolph Schlagintweit heraus, stellt sie der Himalaja dar. Adolph zieht über Zanskar und Ladakh weiter nach Norden, erkundet den Masherbrum-Gletscher, steigt als erster Europäer über gefährliches Eis den westlichen der beiden Mustag-Pässe hoch – und steht damit an dem Punkt, den er seit langem gesucht hat. Die Wasserscheide in dieser Region ist das Karakorum-Gebirge.

Seine nüchternen Notizen, die Adolph Schlagintweit jeden Tag macht, lassen nur ahnen, was es bedeutet, Theodoliten und Sextanten, Barometer, Chronometer und Thermometer ohne Schaden über halsbrecherische Pfade zu schleppen, sie täglich auf- und abzubauen, dabei noch Pflanzen und Steine zu sammeln. Fast nichts schreibt er von Strapazen, nichts von Schmerzen, nichts von Gefahren. Wie seine beiden Brüder verzichtet er darauf, seine Arbeit zu heroisieren und zu popularisieren. Die Bilder, die er vom Nanga Parbat malt, sind eine stimmungsvolle Komposition und zugleich ein Meisterwerk mathematischer Präzision. Überhaupt sind seine Messdaten wie auch die seiner Brüder von einer Genauigkeit, die selbst noch die von Humboldt übertrifft und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unerreicht bleibt.

Im November 1856 treffen die drei Schlagintweits in Rawalpindi noch einmal zusammen. Hermann reitet von dort über Nepal und Bengalen nach Kalkutta, um sich dort Richtung Heimat einzuschiffen. Robert bringt die riesige Ansammlung von Kisten mit einer langen Karawane aus Pferden, Kamelen und Menschen zum Hafen Bombay. Im Juni 1857 sind die beiden wieder in Berlin. Zwei Jahre später wird sie Bayerns König in den Adelsstand erheben.

Adolph Schlagintweit will sich nach Turkestan durchschlagen und von dort über Taschkent und Russland nach Hause reisen. Er weiß um die Risiken, verkleidet sich als Einheimischer wie so häufig in den vergangenen Jahren, und hält die Reise geheim. Doch nach Übersteigung des Kunlun-Shan-Gebirges wird er von Reitern ergriffen. Sie schleppen Adolph Schlagintweit nach Kaschgar zu Vali Khan, ihrem Stammesführer, der gerade eine Rebellion gegen China anführt. Er hält den Deutschen offenbar für einen Spion im Auftrag der Briten oder Chinesen – und lässt Adolph Schlagintweit kurzerhand erstechen und enthaupten. So stirbt ein großer Forscher mit ganzen 28 Jahren.

Die überlebenden Brüder sichten die wissenschaftliche Ausbeute der fast 30000 Wegkilometer, die die drei Schlagintweits in Asien zurückgelegt haben. 46 Foliobände enthalten Aufzeichnungen, 38 magnetische und meteorologische Daten, 22 Erläuterungen zu den 749 Landschaftsskizzen, unter denen sich Panoramen von vier Meter Länge befinden. Die Sammlung umfasst 14777 Nummern; 9577 sind geologische, 1400 ethnographische Objekte, 1800 Pflanzen, 650 Baumdurchschnitte und Pflanzensamen, 750 geologische Präparate, 400 Menschenskelette und -schädel, 200 tibetische und indische Handschriften. Einen solchen Reichtum an Forschungsmaterial hat es in Europa seit Humboldt nicht mehr gegeben. Allerdings werden nur vier Bände davon publiziert, mehr schaffen die Schlagintweits nicht. Sie spüren die Grenzen eines universellen Forschers. Ihre Arbeit ist wie ein letzter Gongschlag, mit dem die Ära dieses Gelehrtentyps zu Ende geht.

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