Alexandrine Tinné

Ihr Mut und Tatendrang stehen denen der männlichen Entdecker in nichts nach. Alexandrine Tinné fährt den Nil bis Gondokoro hoch, durchstreift unerforschte Gebiete am Gazellenfluss. Dann will sie als erste Europäerin die Sahara durchqueren.

Ein Entdecker in Röcken? Eine Frau, die sich allein durch den Urwald schlägt? Im 19. Jahrhundert? Geht denn das? Es geht. Aber ladylike ist das nicht. Ein Entdeckerleben verspricht Abenteuer, die es für die weiblichen Mitglieder der guten europäischen Gesellschaft nicht geben darf. Sklavenhandel, nackte Eingeborene, Kriege und Tod – es ist besser, wenn Damen bestimmte Dinge nicht zu Gesicht bekommen. Als Forscherin überhaupt ernst genommen zu werden ist schwer für sie.

So heißt es über Alexandrine Tinné, sie sei nach Afrika aufgebrochen, weil sie zu Hause Liebeskummer gehabt habe. Dabei ist sie schon als junges Mädchen monatelang mit ihrer Mutter durch Europa und den Nahen Osten gereist. Ihr Vater, ein reicher holländischer Zuckerhändler, hinterlässt Alexandrine Tinné ein beträchtliches Erbe, das sie mit 21 Jahren antritt.

Wie viele ihrer zeitgenössischen männlichen Entdecker hat auch Alexandrine Tinné den Traum, die weißen Flecken auf der afrikanischen Landkarte zu füllen. Wie so viele will auch sie die Quellen des Nil finden. Und sie möchte gegen den Sklavenhandel kämpfen. Für diese Vorhaben lernt Alexandrine Tinné Arabisch, zieht 1861 mit ihrer Mutter nach Kairo, wo sie ihre Expedition vorbereitet. Anfang des folgenden Jahres fährt sie den Nil hinauf. Sie plant, John H. Speke und James August Grant entgegenzufahren und ihnen ihre Hilfe anzubieten. Die beiden Entdecker sind zwei Jahre vorher von Ostafrika aufgebrochen, um den Ursprung des Nil zu suchen.

Tinné – sie nennt sich nun Alexine – eilt ein Ruf wie Donnerhall voraus. Sie sei, so heißt es, die Tochter des Sultans von Konstantinopel. Ihr selbstbewusstes Auftreten macht ihrem Ruf alle Ehre. Im sudanesischen Khartum, zu dieser Zeit Zentrum des Menschenhandels, kauft Alexandrine Tinné 100 Sklaven frei. Dann rüstet sie ihre Expedition so aus, dass sie den Nil weiter hochfahren kann. Geld spielt keine Rolle. Alexandrine Tinné mietet einen Dampfer sowie drei kleinere Beiboote und heuert 500 Träger und 65 Soldaten an. Außerdem kauft sie eine Tonne Glasmurmeln und 12000 bemalte Muscheln als Zahlungsmittel bei den Eingeborenen. 30 Maultiere, vier Kamele und ein Reitpferd werden ebenfalls angeschafft. Auf dem Dampfschiff steht ein Klavier, auf dem die junge Holländerin abends Chopin und Beethoven spielt. Alexandrine Tinné und ihre Mutter sind immer tadellos im viktorianischen Stil gekleidet. Jede von ihnen hat eine Zofe dabei.

Nicht alle sind begeistert von dem Aufwand, den Tinné treibt. Der englische Forscher Samuel Baker zum Beispiel wartet in Khartum auf Geld von zu Hause, um seine Expedition fortführen zu können. Auch er möchte die Nilquelle finden. «Hier sind zwei holländische Damen ohne Ehemänner. Sie sind sehr reich und haben das einzige Dampfschiff für 1000 Pfund gechartert. Sie müssen geisteskrank sein. Eine junge Dame allein bei den Dinka... Die Eingeborenen sind so nackt, wie Gott sie schuf», schreibt er in sein Tagebuch.

Zwei Wissenschaftler, der Ornithologe Theodor von Heuglin und der Botaniker Dr. Streudner, schließen sich Tinné an. Die Expedition kämpft sich weiter den Nil hoch. Das Dampfboot macht in den Sümpfen manchmal nur ein paar Meter am Tag. Die Hitze ist unerträglich, 45 Grad und feucht. Die Mückenschwärme sind eine Plage. Als sie in dem süd-sudanesischen Ort Gondokoro ankommen, fehlt von Speke und Grant noch jede Spur. Der Nil oberhalb der Garnison ist jedoch nicht schiffbar. Tinné beschließt, in der Zwischenzeit auf dem Landweg den Bahr el-Ghasal, den Gazellenfluss, zu erkunden.

Alexandrine Tinné beherrscht das Forscherhandwerk, bestimmt mit dem Sextanten ihre Positionen, ermittelt mit Hilfe des Wassersiedepunkts ihre Höhe über dem Meeresspiegel, fertigt Karten des Flussverlaufs an. Bei jeder längeren Rast sitzt sie mit ihrer Mutter im Schatten, zeichnet die Dinge, die sie sieht, presst und beschreibt die Pflanzen, die sie findet. Ihre Pflanzensammlung wird später in Wien veröffentlicht werden. Alexandrine Tinné durchstreift Gebiete, die vor ihr noch kein Europäer betreten hat. Sie gelangt ins Reich der Dinka. Deren Königin ist entsetzt darüber, dass die Weiße nicht verheiratet ist. Tinné jedoch hat gelernt, mit solchen Reaktionen zu leben. Sie dringt bis zur Wasserscheide zwischen Nil und Kongo vor.

Das afrikanische Klima fordert seinen Tribut. Die Hälfte der Truppe leidet an Malaria. Dann sterben Streudner, die beiden Zofen und die Mutter von Alexandrine Tinné. Die junge Entdeckerin bricht die Expedition ab und kehrt im September 1862 nach Gondokoro zurück. Speke und Grant sind dort immer noch nicht angekommen. Es wird noch ein halbes Jahr dauern, bis sie sich so weit nilabwärts gekämpft haben. Tinnés Rückkehr nach Khartum und Kairo wird wochenlang durch Kämpfe zwischen den Shilluk-Völkern blockiert.

Die nächsten Jahre lebt Alexandrine Tinné in der ägyptischen Hauptstadt, studiert die arabische Geschichte und den Koran. Dann fährt sie mit ihrer Yacht die nordafrikanische Mittelmeerküste entlang. Ihren Traum von der Erforschung des dunklen Kontinents hat sie noch nicht aufgegeben. Nur hat sich ihr Interesse nach Nordafrika verlagert. Sie will herausfinden, ob es eine Wasserverbindung zwischen Tschadsee und Nil gibt. Ganz nebenbei wäre sie dann die erste europäische Frau, die die Sahara durchquert hat. In Tripolis beginnt Alexandrine Tinné mit den Expeditionsvorbereitungen, wie immer mit großer Sorgfalt. Sie lässt Eisentonnen herstellen, um darin Wasser zu transportieren. In der Wüste verbreitet sich das Gerücht, darin befänden sich Perlen und Gold. Sie nimmt Geschenke für den Sultan von Bornu mit – unter anderem ein Mikroskop und eine Nähmaschine.

1869 bricht Alexandrine Tinné mit großem Gefolge auf – darunter zwei holländische Matrosen. Sie durchqueren die Wüste bis Mursuk. Dort trifft sie den deutschen Entdecker Gustav Nachtigal , der ebenfalls nach Bornu will. Sie beschließen, die Reise gemeinsam zu unternehmen. Doch es kann noch Monate dauern, bis die nächste Karawane dorthin aufbricht.

Mittlerweile sorgt die junge Frau in Mursuk für Aufsehen. «Unter anderen unsinnigen Gerüchten fand den meisten Anklang die Beschuldigung, sie führe einen verzauberten Mann in Gestalt ihres riesigen Lieblingshundes mit sich, der nur unter dem Dunkel der Nacht menschliche Gestalt annehme. Als das Tier an Altersschwäche starb und seine Herrin einen in Mursuk unbegreiflichen Schmerz über seinen Tod zur Schau trug, zweifelten nur wenige mehr an der Richtigkeit dieser Annahme», schreibt Nachtigal in seinem Reisebericht.
Die beiden Europäer haben für die Zeit bis zum Aufbruch der nächsten Karawane verschiedene Pläne. Nachtigal reist ins Tibesti-Gebirge. Tinné möchte in die 400 Kilometer entfernte Saharastadt Ghat. Der
Tuareghäuptling Ichnuchen verspricht ihr Sicherheit, acht Männer aus seinem Volk begleiten die Karawane der Holländerin. Mit dabei ist auch ein großer Tross freigelassener oder von ihr freigekaufter Sklaven, die unter ihrem Schutz den Sudan erreichen wollen.

Nach einigen Tagen erreichen sie die Oase Wadi Aber Jong. Am 1. August 1869 gibt Tinné dort das Kommando zur Weiterreise. Da kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Kameltreibern, die Araber oder Tuareg sind. Vermutlich ist sie nur vorgetäuscht, denn als die zwei holländischen Begleiter versuchen, den Streit zu schlichten, werden sie von den beiden umgebracht. Dann ermorden diese auch die angehende Wüstenforscherin und plündern das ganze Lager. Sie sind sehr enttäuscht, als aus den Eisenfässern nur Wasser fließt.

Alexandrine Tinné ist 33 Jahre alt, als sie in der Sahara stirbt. Nachtigal ist schockiert, als er bei seiner Rückkehr von ihrem Tod erfährt. Dem Deutschen gelingt später der Weg vom Tschadsee zum Nil. Vielleicht hätten sie ihn sonst gemeinsam zurückgelegt.

Extras

Das Lexikon der Entdecker - Die bedeutendsten Pioniere aller Zeiten
Von Christoph Kolumbus und Magellan bis Ernest Shackleton - das erfolgreiche Lexikon vereint in alphabetischer Reihenfolge die 100 bedeutendsten Entdecker vom 10. bis zum 20. Jahrhundert. Neuauflage in hochwertiger Broschurausstattung mit Klappen. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus