Alfred R. Wallace

Ohne es zu wollen, wird Alfred R. Wallace zum Rivalen Charles Darwins bei der Entstehung der Evolutionstheorie. Den Ruf des ewigen Zweiten kompensiert er mit Fleiß bei der Bestimmung der tropischen Artenvielfalt.

Alfred Russell Wallace sitzt, umgeben von anderen Havaristen, in einem offenen Boot. Ihr Schiff, mit dem sie eben noch auf der Reise von Brasilien nach England waren, ist verloren. Er ist, ungeachtet seiner Rettung, kein besonders glücklicher Mensch. Drüben verbrennen vor seinen Augen seine Tagebücher, Aufzeichnungen, Sammlungen, Hunderte von Fischarten, Insektenpopulationen, Vögel, Schmetterlinge, Pflanzen und sogar Säugetiere aus dem Amazonasgebiet. Vier Jahre hat Alfred R. Wallace gebraucht, um all die Präparate zu sammeln, die sich in Rauch auflösen. 500 Pfund Sterling, das war seine Hoffnung gewesen, hätte er aus ihrem Verkauf einnehmen können. Kapital, das ihm eine weitere Reise in die tropischen Regionen mit ihrer unendlichen Vielfalt von Arten möglich gemacht hätte. Als Alfred R. Wallace in London eintrifft, besitzt er noch fünf Pfund und einen billigen Anzug aus Baumwolle. Er veröffentlicht einen Bericht über seine Forschungen am Amazonas. Schon der Titel, „Travels on the Amazon and Rio Negro“, zeigt die Verluste an, die er hinnehmen musste. Es handelt sich weniger um einen Forschungs- als mehr um einen Reisebericht. Seine Ambitionen, als er aufbrach, sind ganz andere gewesen.

Alfred R. Wallace ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Er wächst mit Büchern auf, im Haus eines wirtschaftlich erfolglosen, aber gebildeten Geschäftsmanns, der ihm die Ausbildung zum Ingenieur ermöglicht. Er beschäftigt sich ausdauernd mit Technik und Naturwissenschaften. Sein Brot verdient Alfred R. Wallace mit Vermessungsarbeiten. Jeden Schilling, den er nicht wirklich benötigt, legt er zurück, um sich gemeinsam mit seinem Freund Henry Walter Bates einen Traum zu erfüllen: Erkundungsreisen im Amazonasgebiet mit dem Ziel, im Buch der Natur neue Seiten zu füllen. Im April 1848 segeln die Freunde von Liverpool nach Belém. Wallace bricht zum Oberlauf des Amazonas auf. Er befährt den Rio Negro und den Rio Uaupés, sammelt, bestimmt und präpariert Tierarten, führt gewissenhaft Buch.

Wallace, der Brasilien schon 1852 verließ, befindet sich schon im Malaiischen Archipel. Die Fülle der Tropen hat es ihm angetan. Er spürt, dass diese einzigartige Vielfalt auf bestimmten Gesetzmäßigkeiten fußt. Schon am Amazonas hat er über die Anpassungsfähigkeit bestimmter Arten in einer ihnen eigentlich feindlichen Umgebung gestaunt. Als Alfred R. Wallace im April 1854 in Singapur eintrifft, liegt eine achtjährige Reise in die Schöpfungsgeschichte vor ihm. Alles, was zwei Jahre zuvor auf dem Atlantik verbrannte, entsteht wieder neu. Es ist diese geheimnisvolle Widerstandskraft, dieses Behauptungsvermögen in Ausnahmesituationen, das es ihm angetan hat. Wallace forscht sechs Monate in der Umgebung von Singapur. Dann geht er auf die Inseln. Deren äußere Beschaffenheit ist seit dem 16. Jahrhundert einigermaßen bekannt. Von ihrem Inneren gibt es, Java ausgenommen, nur dürftige Kenntnisse. Wallace ist entschlossen, dieses zu ändern.

Als Alfred R. Wallace im April 1862 wieder in London eintrifft, ist er 125000 Tieren begegnet. Sie alle befinden sich, auf unterschiedliche Weise, in seinem Marschgepäck, das er an das British Museum und andere zoologische Sammlungen ausliefern lässt. Wallace hat mit kaum überbietbarem Eifer eine der größten zoologischen Sammlungen in der Geschichte der Entdeckungsreisen zusammengetragen. 1869 erscheint sein Reisebericht „The Malay Archipelago“. Das Buch erlangt ungeahnte Popularität. Wallaces akribische Beobachtungen tragen allerdings am wenigsten dazu bei. Die Fantasie des Publikums entzünden vielmehr seine Ausführungen über das Leben der Menschenaffen in Sarawak und die Darstellung der im malaiischen Dschungel verbreiteten Paradiesvögel. Im einen Fall ist es die Nähe der Affen zum Menschen, die gewisse, in der Wissenschaft bereits verhandelte Ahnungen weckt, und im anderen die Exotik des Paradieses, das die Tropen in gewisser Weise auch in den Augen der Menschen des 19. Jahrhunderts immer noch waren. Ohne es wirklich zu wollen, geriet Wallace damit in die Rolle des populären Sachbuchautors.

Seine eigentliche und wesentliche Entdeckung bringt ihm, dem Autodidakten, auf Umwegen die wissenschaftliche Anerkennung, nach der er sich sehnt. In der tropischen Inselwelt von Malaya stößt Alfred R. Wallace auf signifikante Unterschiede zwischen den Arten im Westen und denen im Osten der Region. Ganze Tiergruppen, so scheint es, haben sich diesseits und jenseits einer von ihm präzise bestimmten Linie vollkommen anders entwickelt. Auf der einen Seite liegen die Philippinen, Borneo und Java, auf der anderen Celebes, die Molukken, Timor und Neuguinea. Außer der unübersehbaren Entwicklungsgeschichte der Tierarten aus sich heraus, folgert er, muss es einen geographischen Faktor geben, der die Evolution maßgeblich beeinflusst Diese mittlerweile nach ihm benannte Wallacelinie beschreibt er in seinem 1876 veröffentlichten Standardwerk „The Geographical Distribution of Animals“. Das Buch macht ihn zum Vater der eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin der Tiergeographie.

Das Unglück, das Wallace beim Brand seiner „Arche Noah“ auf dem Atlantik hinnehmen musste, bleibt ihm treu, als er die Bilanz seiner Forschungsarbeiten im Februar 1858 auf der Gewürzinsel Ternate aufzeichnet. Er leidet an der Malaria, lebt in fiebrigen Träumen, hin und hergerissen zwischen Schüben von Hitze und Frost. In den wenigen Stunden, in denen es Alfred R. Wallace gelingt, klare Gedanken zu fassen, entsteht eine Idee, von deren Tragweite er, schweißnass in einer Hütte zwischen Präparaten, Papieren und allgegenwärtiger Verwesung liegend, noch kaum etwas ahnt. Die ungeheure Vielfalt, durch die sich die Natur in den Tropen auszeichnet, wird von einem unsichtbaren, nur im zeitlichen Ablauf über Jahrhunderte und Jahrtausende nachweisbaren Mechanismus gesteuert. Es sind, folgert er, stets die am besten an ihre äußeren Lebensumstände angepassten Arten, die im gnadenlosen Konkurrenzkampf der Dschungelwelt auf Dauer überleben. Das Prinzip der natürlichen Auslese regelt den Fortgang des Geschehens, das später Evolution genannt werden wird. Survival of the fittest: ein kranker, seiner selbst nicht sicherer Mann, für den es ums eigene Überleben geht, skizziert in einer von Palmblättern gedeckten Hütte, durch die Heerscharen von Ameisen spazieren, das neue Bild einer die biblische Überlieferung außer Kraft setzenden Schöpfungsgeschichte.

Wallace schickt seine mit letzter Kraft aufgezeichnete Abhandlung zu diesem Problem an einen Naturforscher, mit dem er sich seit Jahren austauscht. Das Konvolut erreicht nach einer Seereise von drei Monaten Charles Darwin in Kent. Der ist, nach eigenen Forschungsarbeiten über mehr als 20 Jahre, zu ganz ähnlichen Ansichten gelangt. Als er Wallaces Beobachtungen studiert, begreift er, dass deren Veröffentlichung ihn um den eigenen Ruhm bringen würde. Zwei Freunde, Darwin wie Wallace gleichermaßen verbunden, regen einen fairen Wettbewerb an. Die Thesen beider Konkurrenten werden am 1. Juli 1858 in London der dort tagenden Linné-Gesellschaft vorgestellt. Sie finden, weil vermeintlich wenig spektakulär, kaum Resonanz. Eine direkte Auseinandersetzung mit den Urhebern ist unmöglich, weil Wallace sich noch auf Neuguinea befindet und Darwin wegen des Todes eines seiner Kinder nicht abkömmlich ist.

Als Wallace 1862 in England eintrifft, ist die Sache zu seinem Nachteil entschieden. Darwins epochales Werk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ ist bereits 1859 erschienen. Wallaces gleichwertige Abhandlung beschäftigt die Fachwelt erst noch. Danach wird sie als Fußnote zu Darwin gehandelt, bevor sich ihre Spur über eine lange Zeit fast vollständig verliert. Das Prinzip der natürlichen Auswahl, von beiden nach eigenen Beobachtungen proklamiert, hat sich auf eine ganz eigentümliche Weise Geltung verschafft.
Die wissenschaftlichen Zirkel Englands ehren ihn auf vielfältige Weise, mit Ehrentiteln, die er ablehnt, und mit Medaillen, die er trägt, ohne übermäßigen Stolz. 1886 propagiert Alfred R. Wallace den Darwinismus auf einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten. 1892 wird er, gegen seinen Willen, in die Royal Society gewählt.

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