Carsten Niebuhr

Mit einer dänischen Expedition durchstreift ein deutscher Bauernsohn große Teile des Orients. Carsten Niebuhr bringt brillante Karten von der Reise mit. Das Unternehmen dauert sieben Jahre – er ist der Einzige, der die Strapazen überlebt.

Die Welt seiner Kindheit ist klein. Carsten Niebuhr ist ein Bauernjunge, geboren in Lüdingworth an der Unterelbe. Marschen und Moore, einsames Land, sonntags der Gang zur Messe in der Kirche St. Jacobi, die die Einheimischen mit bemaltem Schnitzwerk liebevoll dekoriert haben. Ansonsten viel Arbeit und wenig Kultur. Die Mutter ist schon früh gestorben. Die Lateinschule zu Otterndorf und Altenbruch muss Carsten Niebuhr verlassen, als auch sein Vater stirbt. Den Wunsch, Organist zu werden, schlägt ihm der Onkel mütterlicherseits aus, der sich um den Jungen kümmert. Niebuhr wird Bauer, wie der Vater. Doch er empfindet die Arbeit so unerträglich leer wie das Land.

Nicht mal einen Landvermesser gibt es hier. Bei einem Rechtsstreit mit einem Nachbarn soll dessen Hoffläche genau ermittelt werden. Man muss, Niebuhr sieht es mit Groll, dafür einen Fachmann von weit her holen. So etwas kann man doch lernen, findet er. Das führt ihn weg vom Hof, hinaus in die große Stadt.

Im Sommer 1755 kommt Carsten Niebuhr, nun schon 22 Jahre alt, nach Hamburg. Er hat kaum Bildung, doch einen eisernen Willen. Acht Monate büffelt er Mathematik und Deutsch, um ein Gymnasium besuchen zu können. Dort geht er auch schon wieder nach nur einem Jahr ab. Doch der Direktor der Schule ist auf Niebuhr aufmerksam geworden. Niebuhr schafft es mit seiner Hilfe, 1757 in Göttingen Mathematik studieren zu dürfen. Als Berufsziel schwebt ihm vor, im Hannoveraner Ingenieurscorps angestellt zu werden.

Der berühmte Zufall, der dann doch keiner ist, kommt wie ein Gongschlag in sein Leben. Der Göttinger Orientalist und Theologe Johann David Michaelis schlägt dem dänischen Staatsminister Johann von Bernstorff vor, einen seiner Schüler für philologische und alttestamentliche Studien nach Arabien zu schicken. Doch Dänemarks König Friedrich V., der von dem Projekt weiß, möchte es noch größer anlegen. Die Karte Arabiens hat zu dieser Zeit nur verschwommene Konturen. Es gibt keinen einzigen Punkt, der gesicherte Koordinaten aufweist. Bezeichnungen aus der Antike, Berichte arabischer Reisender aus dem Mittelalter, Namen aus der Gegenwart – nichts passt zusammen. Es herrscht ein topographischer Wirrwar ersten Ranges. Dies, so der Auftrag der Expedition, soll sich endlich ändern.

Der König ruft insgesamt fünf Wissenschaftler zusammen. Zu dem Mathematiker Niebuhr gesellen sich der dänische Linguist Friedrich von Haven, der schwedische Botaniker Per Forskål, der dänische Zoologe Christian Kramer und der deutsche Maler Georg Baurenfeind. Dazu kommt ein schwedischer Diener namens Berggren. Für Carsten Niebuhr ist es die erste große Reise seines Lebens, und es wird auch die letzte sein. Sie wird fast sieben Jahre dauern – und so viel Licht wie nie zuvor ins kartographische Dunkel des Orients bringen.

Mit einem Kriegsschiff fahren die Forscher von Kopenhagen über Konstantinopel nach Ägypten. Schon dort wird Niebuhr von einer Arbeitswut überfallen, als wolle er in einem einzigen Jahr alles Versäumte seiner Jugend nachholen. Mit seinen trigonometrischen Instrumenten vermisst er die Pompejussäule in Alexandria, die Pyramiden am Nil, die Berge auf der Halbinsel Sinai – alles mit einer noch nie da gewesenen Präzision. «Das schwerste dabey war», schreibt er später, «die rechten Namen der Berge und Thäler zu erfahren, weil die Araber sich vorgenommen zu haben schienen, uns allezeit falsche Namen zu sagen; denn sie konnten nicht begreifen, aus was vor Ursachen wir uns darum bekümmerten, da sonst kein Reisender darnach gefragt hatte.»

Zu seiner Vorgehensweise notiert er: «Ich zählte täglich des Morgens und des Abends in der Kühle, und des Nachmittags in der großen Hitze meine eigenen Schritte während einer halben Stunde und fand gemeinglich, dass ich in der Hitze in der erwähnten Zeit 1580, in der Kühle aber 1620 doppelte Schritte machte. Ich nahm das Mittel, nämlich 1600 doppelte Schritte für eine halbe Stunde an... Nun brauchte ich weiter nichts als die Direktion des Weges und die Zeit zu bemerken, welche wir nach einer jeden Gegend reisten. Hiernach berechnete ich die Länge des Weges in Schritten, nämlich 1180 von meinen Schritten auf eine viertel Meile.»

Im Oktober 1762 verkleiden sich die Forscher als Pilger. So gehen sie in Suez auf ein Schiff nach Dschidda. Bei Landgängen sammeln Forskål und Kramer Tiere und Pflanzen und schicken sie packweise nach Europa zurück. Im Schutz der Nacht geht Carsten Niebuhr an Land, um astronomische Studien zu betreiben. In Dschidda verwehren ihm fanatische Muslime einen Rundgang um die Stadt. So sitzt er im Hafen und zählt die Schritte der Leute, die an den Teilen der Stadtmauer, die für ihn unzugänglich sind, entlanglaufen. Die Karten der arabischen Küste, die Niebuhr vom Roten Meer aus zeichnet, werden jahrzehntelang wegweisend für die Schifffahrt sein.

Im jemenitischen Hafen Al Luhaija geht die Schiffsreise am 29. Dezember 1762 zu Ende. Auf Eseln reitet die Gruppe durch das legendäre Land, das von einem Imam regiert wird. «Ein solcher mittelmäßig guter Esel», notiert Niebuhr, «geht so stark, dass ein Mensch, der ihm folgen will, in einer halben Stunde 1750 doppelte Schritte zurücklegen muss, und sie gehen ziemlich gleichförmig.» In acht Monaten unternimmt er zehn Exkursionen. Carsten Niebuhr stößt auf Inschriften der antiken Himjariten, sammelt Nachrichten über den Staudamm von Marib, den „großen Teich der Sabäer“. Mit ihm beginnt die Erforschung der Geschichte dieser Region. «Da Arabien uns noch so wenig bekannt ist», schreibt Niebuhr, «so habe ich es für nöthig erachtet, nicht nur alle Dörfer, sondern auch alle Caffeehütten, welche einzeln am Wege liegen, zu bemerken.»

Im Jemen erlebt die Expedition die ersten Schicksalsschläge. Forskål und von Haven sterben an Malaria, die anderen schleppen sich mühsam zum Hafen Mokka. Auf der Schifffahrt ins indische Bombay im August 1763 erliegen Berggren und Baurenfeind der Krankheit, in Bombay stirbt auch noch Kramer. So wird aus dem Unternehmen eine Ein-Mann-Expedition. Alles liegt nun in Niebuhrs Händen.

Seine Rückreise nach Europa beginnt im Dezember 1764. Im Hafen Maskat fertigt Carsten Niebuhr vom Hörensagen eine Karte über den Oman an, dessen Inneres noch nie ein Europäer betreten hat. Von der persischen Dichterstadt Schiras zeichnet er eine Ansicht und einen Mauerumriss. Persepolis wird zum Höhepunkt seiner asiatischen Landreise. Viereinhalb Wochen lang, bis zur völligen Erschöpfung, fertigt Niebuhr Zeichnungen, kopiert alte Keilschriften, mit deren Hilfe 1802 die Entschlüsselung des Altpersischen gelingt. Dann zwingt ihn eine gefährliche Augenentzündung zum Abbruch. Sein neuer Diener stirbt in Persien an einer Krankheit.

Ende 1765 fährt Niebuhr den Euphrat bis Lemlun hinauf. Er korrigiert die existierende Karte über diesen Teil des Stroms, «die zuvor gänzlich der Willkür anheim gegeben war», wie der deutsche Geograph Carl Ritter später schreibt. Als erster Europäer betritt Niebuhr, mit einem Turban als Christ unerkannt, die schiitischen Pilgerstädte An-Nadschaf und Kerbela. Nachts spaziert er mit einem Begleiter so dicht wie möglich an den prunkvollen, stets hell erleuchteten Moscheen vorbei, prägt sich die Bilder gut ein und bringt sie nach der Rückkehr ins Lager gleich zu Papier.

Carsten Niebuhr lokalisiert das biblische Babylon, dessen genaue Koordinaten noch unbekannt gewesen sind, und gibt damit den Anstoß zu seiner wissenschaftlichen Erforschung. Von Bagdad liefert er den ersten Grundriss und eine umfassende Beschreibung. Über Kirkuk, Erbil und Mosul geht es nach Aleppo, wo er im Juni 1766 ankommt. In Antiochia fertigt Niebuhr einen verbesserten Grundriss der Stadt. Von Iskenderun setzt er nach Zypern über und kopiert dort Inschriften, die angeblich von den Phöniziern stammen. Er landet in Jaffa, pilgert nach Jerusalem, steigt über das Libanongebirge und kommt nach Damaskus. Von Aleppo tritt Niebuhr über den Balkan und Polen endgültig die Heimreise an. Am 20. November 1767 ist Niebuhr wieder in Kopenhagen.

Seine erste Publikation, die „Beschreibung von Arabien“ (1772), enthält mehr Stoff als alles andere zusammen, was bis dahin in Europa über diese Region veröffentlicht worden ist. Doch sein spröder Stil macht es schwer, ein breites Publikum zu gewinnen. Der erste (1774) und zweite (1778) Band seiner „Reisebeschreibung“ – das größte Werk asiatischer Forschungsliteratur im 18. Jahrhundert – bleiben ebenfalls fast unbeachtet. Sein Schlussband über Syrien, Palästina und Kleinasien kommt erst zwölf Jahre nach seinem Tod heraus.

Niebuhr, der Weltreisende, kehrt zurück in die norddeutsche Provinz. 1778 wird er Landschreiber in Meldorf. Im Alter wird es um ihn so still wie in der Jugend. Keine Forschungen mehr, keine großen Bibliotheken. Carsten Niebuhr stirbt im Land der mächtigen Bauerngeschlechter – wieder umgeben von Marschen und Mooren.

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