Fast im Alleingang gelingt Edward John Eyre die Durchquerung der südlichen australischen Wüste von Ost nach West. Die Einsicht, mit der er zurückkehrt, ist ernüchternd: Einen für alle begehbaren Landweg gibt es auf dieser Route nicht.
Mit diesem Anblick ist er seit langem vertraut. Vor ihm liegt eine Ebene, wüst und leer wie das Land der Bibel, das ihm sein Vater, ein Priester, einst in England ausgemalt hat. Kein Baum, der Schatten spendet, keine Wolke, aus der Regen fällt, kein Gras, auf dem Vieh weiden könnte. Das Eukalyptus-Gestrüpp ist eine einzige Plage. Es versperrt jeden Weg, den er einschlagen will. Das Fleisch an den Fesseln seiner Pferde liegt offen, eine einzige Wunde aus Salz und getrocknetem Blut. Auf einer Strecke von 500 Kilometern haben sie keinen Fluss, kein Rinnsal, keinen Tümpel gesehen. Nur drei Quellen inmitten von all dem glasharten Buschwerk, das es hier nur wegen der kurzen, seltenen und überaus heftigen Regengüsse gibt. Sie können so vernichtend ausfallen wie die Trockenheit, die ihnen vorausgeht und folgt.
Edward John Eyre ist einer, der nicht aufgeben kann. Er will Offizier werden, scheitert beim Aufnahmeexamen. Zwischen dieser für ihn schmerzlichen Erfahrung und seinem Entschluss, nach Australien auszuwandern, verstreichen nur wenige Wochen. Eyre, ein Kind vom Land, 18 Jahre alt, steigt ins Geschäft mit der Schafzucht ein. Zu seinen Aufgaben gehört es, Viehtrecks aus dem Farmland an der Südostküste in die neu erschlossenen Gebiete bei Adelaide zu begleiten. Die Vieh- und Schafzucht entwickelt sich zu einem lukrativen, auf den europäischen Markt orientierten Wirtschaftszweig. Mit dem ökonomischen Erfolg wächst das Interesse an weiteren Weideflächen. Im Norden und im Westen vermutet man noch Reserven. Eyre registriert all dies mit gespannter Aufmerksamkeit. Die Viehtrecks haben ihn unternehmungslustig gemacht. Edward John Eyre ist jetzt, im Jahr 1838, Eigentümer einer Schaffarm 240 Kilometer nördlich von Adelaide. Außerdem amtiert er als Richter im Murray-River-Distrikt. Wegen seines Einsatzes für die Belange der Ureinwohner wird Edward John Eyre einmal den Ehrennamen „Beschützer der Aborigines“ tragen. Eyre ist kein gemachter Mann, aber einer, der, wo er es für notwendig hält, die Dinge anzupacken versteht. Im Jahr 1838 erscheint es ihm notwendig, neue Weidegründe für seine Schafe zu finden.
Ausgangspunkt seiner ersten Vorstöße wird Port Lincoln, zu der Zeit ein wenig ansprechendes Nest auf der Südspitze der Halbinsel, die einmal nach ihm benannt werden wird. Die Expedition, bestehend aus einem Aufseher, drei Weißen und zwei Eingeborenen, bricht am 5. August 1839 auf. Sie wendet sich zunächst nach Westen und gerät bald in ein alle Antriebskräfte lähmendes Eukalyptus-Gestrüpp. Am 25. August erreicht die Gruppe die Streaky Bay. Wiewohl man sich immer in der Nähe der Küste befindet, fließt von nirgendwo Wasser dorthin. Auch westlich der Bucht, wo das Land hügeliger wird, findet Edward John Eyre nur Buschwerk, das sich der Dürre mit all seinen bescheidenen Mitteln erwehrt. Er lässt ein Lager anlegen. Mit einem Boy geht Eyre 80 Kilometer nach Westen. Die Monotonie will nicht enden. Ums Haar verliert er drei seiner Pferde. Mit den zerschundenen Tieren kehrt er zurück an die Streaky Bay. Von dort wendet Edward John Eyre sich nach Nordosten, parallel zur Westküste des Spencergolf. Das Terrain scheint leichter begehbar. Wasser ist auch dort keines vorhanden, abgesehen von dem, das einer der seltenen Regengüsse der Expedition spendet. Als Eyre am 29. September am Mount Arden eintrifft, in einem Lager, das er auf einem früheren Vorstoß von Adelaide nach Norden angelegt hat, liegt unter ihm, in einer Senke, ein funkelnder See. Bei seinem ersten Besuch ist dieses Gewässer, das Edward John Eyre Torrenssee nennt, noch eine Salzwüste gewesen. Eyre erkennt, dass er am Grund dieser jeden Wassertropfen in salzigen Schlamm verwandelnden Depression nichts Nennenswertes auffinden wird. In seiner Sichtweite liegen zwei Berge. Edward John Eyre tauft sie, seiner Stimmung gemäß, „Mount Deception“ und „Mount Hopeless“.
Edward John Eyre ist kein leidenschaftlicher Entdecker. Seine Motive sind geradlinig, durchschaubar, auf das Erreichbare gerichtet. 1840 beteiligt er sich an einem Viehtreck von Albany an der Südwestküste zu den Siedlungen am Swan River bei Perth. In der noch jungen westlichen Kolonie steht man zu der Zeit allen Bestrebungen, eine Landverbindung nach Osten zu schaffen, distanziert gegenüber. Im Osten dagegen wächst das Verlangen nach einem Versorgungsweg, der die für den Transport von Vieh wenig geeignete Seeverbindung ersetzt. Auch Eyre wird zu diesem Vorhaben befragt. Er bleibt, nach seinen Erfahrungen auf dem Marsch zur Streaky Bay, zunächst ablehnend, lenkt dann aber ein. Sein Nachgeben hat damit zu tun, dass eine Expedition unter einem Captain Hawson nicht weit von Port Lincoln auf fruchtbares, wasserreiches Grasland gestoßen ist.
Obwohl es um den Westen geht, zieht Edward John Eyre wieder nach Norden. Er inspiziert noch einmal den Mount Deception und den Mount Hopeless sowie den Torrenssee, der sich viel weiter als von ihm erwartet in nördlicher Richtung ausdehnt. Tatsächlich handelt es sich bei diesem bis zu 21 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden temporären Gewässer um einen eigenen See. Fast verstört registriert sein Entdecker, dass Regenwasser bereits Sekunden nach der Berührung mit dem versalzenen Grund an den Ufern unbrauchbar wird. Seinem Vorhaben, vom Spencergolf nach Westen zu ziehen, steht nun nichts mehr entgegen.
Die erste Durchquerung Australiens auf dem Landweg von Ost nach West ist eine seegestützte Expedition. Zwei Schiffe, der Kutter „Hero“ und das Boot „Waterwitch“, stehen für die Versorgung mit Nachschub und für den Rücktransport von Fundstücken, Aufzeichnungen und Forschungsergebnissen bereit. Ein Drittel der Kosten des Unternehmens hat Edward John Eyre selbst aufgebracht. Die Regierung der Kolonie und private Investoren haben direkt oder über Subskriptionen den Rest finanziert. Für seine Grosszügigkeit rechnet der Gouverneur mit einem Mitspracherecht. Als er es beansprucht, wird Eyre es ihm verweigern. Die Rolle des Schafzüchters, der auf der Suche nach Weideland in eigener Sache zu unbekannten Zielen aufbricht, liegt ihm nicht mehr. Edward John Eyre handelt jetzt in öffentlichem Interesse, und er zeigt sich entschlossen, seine Mission zu erfüllen.
Vom Lake Torrens geht Eyre nach Port Lincoln. Seinen Aufseher und die Mehrzahl seiner Leute schickt er zur Streaky Bay. Dort hat er, wie an jedem markanten Punkt seiner Reisen, ein Vorratsdepot anlegen lassen. Eyre ist ein Virtuose solcher Vorsorgemaßnahmen. Sicherer als mit ihm konnte man nicht gehen. Draußen im Unbekannten freilich, auf das sich seine Aufmerksamkeit jetzt richtet, gibt es keine Depots.
Die erste Etappe, bis zur Fowlers Bay am südöstlichen Ende der Nullarbor Plain, gelingt mehr als passabel. Edward John Eyre hat das Expeditionsteam geteilt. Am 20. November 1840 begegnen sich beide Partien an der Fowlers Bay. Jeder von dort unternommene Versuch, im Westen Fuß zu fassen, scheitert danach am Mangel an Wasser. Drei der besten Pferde gehen verloren, zwei Mann, die den Strapazen nicht gewachsen sind, kehren mit der „Hero“ nach Adelaide zurück. Einmal entdeckt Eyre hinter ein paar Sanddünen brackiges Nass. Es ermutigt ihn zu immer neuen Aufbrüchen. Am Ende begegnet er Aborigines, die ihm eine Wasserstelle zeigen. Danach, erklären sie ihm, könne er für zehn Tagesreisen nicht mehr mit einer rechnen. In Fowlers Bay liegt, als Edward John Eyre dorthin zurückkehrt, die „Hero“. Am 31. Januar verlässt der Kutter mit dem größten Teil der Angehörigen des Unternehmens die Bucht. Eyre ist entschlossen, nur mit John Baxter, seinem Aufseher, und drei Eingeborenen Nach Westen zu gehen. Am 24. Februar – Eyre befindet sich immer noch im Lager – läuft die „Hero“ erneut in Fowlers Bay ein. Eyre möge, so der unmissverständliche Befehl des Gouverneurs, das zum Scheitern verurteilte Vorhaben beenden und sich nach Adelaide einschiffen. Der Mann, der nicht aufgeben kann, zieht einen Tag später unbeeindruckt von dieser Anweisung nach Westen, ohne Kenntnis von irgendwelchen Wasserstellen und ohne weitere Unterstützung von See.
Mit allem, was folgt, hat er, ein umsichtiger Planer, nicht gerechnet. Die Versuchstiere, die Eyre mit sich führt, um zu beweisen, dass sich die küstennahe Landroute über die Nullarbor Plain für Viehtrecks eignet, sterben nach wenigen Wochen. 600 Meilen vor dem Ziel wird John Baxter von zwei der eingeborenen Helfer getötet. Die Mörder entfernen sich mit dem größten Teil der Wasser- und Lebensmittelvorräte und den noch brauchbaren Waffen. Nach sieben Tagen, in denen ihre Pferde nicht einen Tropfen Wasser erhalten, stoßen Eyre und sein letzter ihm verbliebener Begleiter zum ersten Mal wieder auf eine Quelle. Sie folgen der Küstenlinie der Großen Australischen Bucht. Als alle Vorräte aufgebraucht sind, hilft ihnen ein Wunder. In Thistle Cove liegt ein Schiff mit einem wohl gelittenen Namen. Es ist die „Mississippi“, unter dem Kommando des Kapitäns Rossitur, der als erster Ausländer Port Lincoln aufgesucht hatte. Eyre und sein eingeborener Boy bleiben zehn Tage an Bord. Danach ziehen sie weiter. Am 8. Juli 1841 treffen sie in Albany am King George Sound ein. Man kann, das steht nun fest, den australischen Kontinent auf der Küstenlinie von Osten nach Westen durchqueren. Die Frage ist nur, wem das nützt.
Edward John Eyre hat ein Kapitel in der Geschichte Australiens geschrieben, das seinesgleichen sucht. Er steigt in der Kolonialverwaltung des Empire auf, wird Verwaltungsbeamter in Neuseeland, dann Gouverneur von St. Vincent und 1864 Gouverneur von Jamaika. Die Umstände, unter denen Eyre dort einen Aufstand niederschlagen lässt, ruinieren seinen Ruf. Er kann nicht aufgeben. Hartnäckig schweigend zieht er sich, nach einer Untersuchung der Vorfälle umfassend rehabilitiert, bis zu seinem Tod im Jahr 1901 auf ein Landgut in England zurück.
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