Erich von Drygalski leitet die erste deutsche Südpolarexpedition und friert im Packeis ein. Er steigt mit einem Fesselballon in die Luft, fährt mit Hundeschlitten durch die Ostantarktis, sammelt wertvolle Daten – doch dem Kaiser ist das nicht genug.
Er ist ein Mann der Wissenschaft. Erich Dagobert von Drygalski wird ihr sein ganzes Leben widmen. In Königsberg, Leipzig und Berlin studiert er zunächst Mathematik und Naturwissenschaften. Dann konzentriert er sich auf geographische Fragen. Seine Doktorarbeit schreibt Drygalski über die Wirkung der Eisbedeckung in nordischen Regionen.
Im Jahr 1891 bricht Drygalski im Auftrag der Berliner Gesellschaft für Erdkunde nach Westgrönland auf. Er sucht nach einem Überwinterungsplatz für die Hauptexpedition, die ein Jahr später folgen soll. Drygalski findet einen geeigneten Ort zwischen dem Kleinen und dem Großen Karajak-Gletscher. 1892 und 1893 erkunden deutsche Wissenschaftler unter seiner Leitung das Eis der größten Insel der Welt. Hauptziel ist die Gletscherforschung. Drygalski untersucht die Bewegung der Eisströme, unternimmt ausgedehnte Reisen mit dem Hundeschlitten zu anderen Gletschern, um Vergleiche durchzuführen. So verdient er sich die ersten Sporen in der Polarforschung.
In Deutschland grassiert zu der Zeit das Polarfieber. Wissenschaftler streben auch auf die andere Erdhalbkugel. 1895 wird von Georg von Neumayer die Deutsche Kommission für Südpolarforschung gegründet. Vier Jahre später tagt in Berlin der 7. Internationale Geographen-Kongress. Einhellige Meinung der Teilnehmer: Die Geheimnisse des Südkontinents sollten endlich geklärt werden. England teilt den Kontinent zur wissenschaftlichen Erschließung in vier Quadranten auf. Deutschland erhält den Weddell- und den Enderby-Quadranten, die am Indischen Ozean liegen, England den Victoria- und Rossquadranten, die vom Pazifik aus zu erreichen sind. Im weiteren Verlauf der Planungen werden auch Schweden und Schottland mit einbezogen. Sie rüsten Expeditionen aus, die Grahamland – die Antarktische Halbinsel – und Coatsland im östlichen Weddellmeer erforschen sollen. Es ist eine noch nie da gewesene Wissenschaftsoffensive: Der riesige weiße Fleck auf der unteren Erdhalbkugel soll mehr oder weniger zeitgleich über 150 Längengrade erforscht werden.
Es gibt aber auch einen politischen Hintergrund: Deutschland will endlich Seemacht werden. Sozusagen in letzter Minute wurde noch ein Stück vom kolonialen Kuchen ergattert – in Afrika und im Südpazifik. Jetzt muss die Flotte ausgebaut werden, um die Wege auf dem Meer zu schützen. Die Engländer sind die Hauptkonkurrenten. Ihnen allein soll der Vorstoß in die Antarktis nicht überlassen werden. Auch wenn die deutsche Marine die Antarktisexpedition befürwortet, wird das Unternehmen rein zivil ausgerüstet. Von den 31 Teilnehmern sind fünf Offiziere der Handelsmarine, fünf Wissenschaftler, der Rest gehört zur Schiffsbesatzung. Leiter der Expedition ist Erich von Drygalski, bei den Engländern führt Robert F. Scott das Kommando. Das deutsche Polarschiff, die „Gauss“, wird nach dem Vorbild der „Fram“ von Fridtjof Nansen gebaut: mit rundem Rumpf, der durch die Eismassen nicht zerquetscht, sondern hochgedrückt wird. Es ist mit einer kleinen Dunkelkammer, einem Labor und einer Winde ausgerüstet, die dreieinhalb Tonnen heben kann. 2500 Kisten, 370 Tonnen Kohle, 20 Kajaks, ein Fesselballon und zwei Motorboote müssen an Bord gehievt werden.
Am 11. August 1901 sticht die „Gauss“ von Kiel aus in See. Es geht «nicht allein um eine Entdeckungsfahrt, die unbekannte Gebiete ausschließlich durchquert, sondern darum, einen unerforschten Erdraum wissenschaftlich zu bearbeiten und zu begreifen», sagt Drygalski. Bereits auf hoher See lässt er 300 magnetische Messungen durchführen, die Meerestiefe bestimmen, Bodenproben entnehmen. Zur Jahreswende 1901/02 erreichen sie die Kerguelen im Indischen Ozean. Dort errichten Drygalski und seine Mannschaft ein Observatorium. Außerdem kommen 40 Schlittenhunde aus Kamtschatka an Bord. Von der Inselgruppe fährt Drygalski auf dem 90. östlichen Längengrad direkt nach Süden. Am 14. Februar 1902 gerät die „Gauss“ unter 63 Grad südliche Breite in Treibeis. Eine Woche später sichten die Männer die 40 Meter hohe Abbruchkante des antarktischen Inlandeises. Sie haben neues Land entdeckt, taufen es auf „Kaiser Wilhelm II.“. Noch ist es ungefähr 90 Kilometer entfernt, und das Eis friert immer weiter zu. Es wird immer schwieriger, sich einen Weg durch die Schollen zu bahnen. «Wir hielten auf die Öffnung zwischen zwei Eiskanten zu... Abends liefen wir in das breite Tor ein. Ich gestehe, dass mich bei dieser Einfahrt ein gewisses Grauen erfasste. Als es dunkelte, schien sich nun vor uns alles zu schließen», schreibt von Drygalski später darüber. Nachts setzt ein Sturm ein. Die „Gauss“ steckt im Packeis fest – für ein ganzes Jahr.
Sie haben Glück im Unglück. Das Meereis ist so stabil, dass sie ihre Station mit den empfindlichen Geräten darauf aufbauen können. Sie machen sich sofort an die Arbeit. Antarktische Schneestürme nehmen ihnen dabei manchmal jede Sicht. Die Männer spannen um das Schiff Seile zur Orientierung. Denn bereits ein paar Meter von der „Gauss“ entfernt ist es möglich, sich zu verirren – mit tödlichen Folgen. Die Forscher errichten eine Schmiede, eine Wetterhütte, einen Windmast und einen Niederschlagsmesser. Sie installieren am Schiff einen Gezeitenmesser, bohren ein Loch ins Eis für meeresbiologische Forschungen. Sie fangen Fische, Quallen, Seeigel, Seesterne und Krebse. Niemand hätte in dem eiskalten Wasser ein so reiches Leben vermutet. Die Wissenschaftler versuchen, einen Windmotor zu errichten, der das Schiff mit Elektrizität versorgt. Vergeblich, es müssen weiter Tranlampen leuchten. Pinguine und Robben liefern den Rohstoff.
Am 29. März starten drei Mann im Fesselballon, um meteorologische Messungen durchzuführen. Unter ihnen die unendliche Weite der Antarktis. Sie forschen und forschen und forschen – wann immer es das Wetter erlaubt. Sie messen die Bewegung der Eisberge, die Stärke der Eisfelder, die Risse im Eis – und schaufeln zwischendurch das Schiff vom Schnee frei. Sie überstehen die Dunkelheit des antarktischen Winters. Sobald es wieder hell ist, unternehmen die Forscher Exkursionen mit den Hundeschlitten, insgesamt sieben. Gleich auf der ersten entdecken sie einen erloschenen Vulkan, den sie „Gaussberg“ nennen. Einmal müssen sie zu acht 40 Stunden in einem Zelt aushalten. Es ist minus 30 Grad, draußen tobt ein Eissturm.
Im Dezember 1902 stecken Drygalski und seine Mannschaft noch immer im Packeis fest. Sie streuen Asche und Schutt vom Schiff zu einer offenen Rinne im Meer. Das dunkle Material speichert die Wärme der Sonne, lässt das Eis darunter schmelzen. Die Mannschaft hilft mit Hacken, Sägen und Sprengen nach. Ein Sturm tut das Übrige – Anfang Februar kommen sie nach 50 Wochen frei. Drygalski hält sich zunächst 500 Kilometer weit westlich, um dann einen weiteren Vorstoß nach Süden zu wagen. Zweimal kann sich die „Gauss“ nur mit Mühe aus dem Eis befreien. Bei einem Sturm wird sie fast von einem Eisberg zermalmt. Drygalski gibt das Kommando zur Umkehr nach Norden. Sie sind bis 66 Grad südliche Breite gekommen. Noch denkt Drygalski an eine zweite Überwinterung. Doch in Kapstadt erhält er ein Telegramm, dass die Mittel für eine Verlängerung der Expedition nicht vorhanden seien. Die „Gauss“ läuft am 25. November 1903 in den Kieler Hafen ein.
Kaiser Wilhelm II. ist vom Verlauf der Expedition zutiefst enttäuscht. Robert F. Scott hat für England 82 Grad 17 Minuten südliche Breite erreicht. Und Drygalski? Nichts als Daten, Steine, Tiere. Vergessen ist das Ziel der Expedition, das ausdrücklich ein wissenschaftliches war. «Nicht zu sportlichen Leistungen und nicht, um Sensationen zu erregen, sind wir in die Antarktis gezogen, sondern zum Nutzen der Wissenschaft», sagt Drygalski. Auf die Frage, wie er sich den Südpol vorstelle, antwortet er: «Der Pol hat keine besondere Form. Er ist ein astronomischer Punkt und sonst nichts.»
Die Auswertung der Expedition wird Jahrzehnte dauern. Ein 20-bändiges Werk und zwei Atlanten sind das Ergebnis – ein Meilenstein in der Antarktisforschung. Doch in Deutschland ist das Polarfieber nach diesem „Misserfolg“ erloschen. Die „Gauss“ wird für 75000 Dollar an die kanadische Regierung verkauft. Drygalski geht als außerordentlicher Professor für Erdkunde und Geophysik an die Münchener Universität.
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