F. Vázquez de Coronado

Erst Cíbola, dann Quivira: Zwei Legenden von Prachtstädten und Goldreichen schlagen den Spanier in den Bann. Monatelang sucht F. Vázquez de Coronado sie in der öden Wildnis nordamerikanischer Steppen – und kehrt mit leeren Händen zurück.

Märchen sind zu schön, um sie einfach zu ignorieren. Manchmal werden sie ja auch wahr. Das 16. Jahrhundert ist voll von unglaublichen Geschichten. Ein ganzer Kontinent ist entdeckt worden. Alle paar Jahre tauchen neue Städte, Völker und Kulturen auf den Landkarten auf. Fantastische Geschichten schwirren durch die Welt. Was soll man glauben und was nicht? Es gibt nur einen Weg, Dichtung und Wahrheit zu trennen: selber aufbrechen, mit eigenen Augen sehen.

Mexiko ist so ein Land, in dem die Mythen sprießen. Wo liegt das sagenhafte „Aztlan“, der Ursprung der Azteken, deren Reich vor 20 Jahren in Schutt und Asche sank? Die Azteken selber können das Gebiet nicht genau lokalisieren. Die mündliche Überlieferung deutet auf ein weites, wüstenartiges Gebiet irgendwo im Norden. Von dort sind ihre Ahnen aufgebrochen, vor 300, 500 oder noch mehr Jahren. Das ist alles, was man weiß, der Rest ist Vermutung.

Nun erhalten die alten Legenden neue Nahrung. Der Spanier Cabeza de Vaca ist 1536 mit drei Leuten nach einer achtjährigen Odyssee aus Ländern zurückgekehrt, die vor ihm noch nie ein Weißer gesehen hatte. Er und sein dunkelhäutiger Begleiter Estebanico bringen Geschichten von reichen Städten mit, die ihnen auf ihrem langen Marsch nach Mexiko von Einheimischen erzählt worden sind. Ist dies vielleicht eine Spur nach „Aztlan“?

Drei Jahre später versetzt ein Franziskaner namens Marcos de Nizza die spanischen Eroberer in helle Aufregung. Er ist 1539 von einer Expedition zurückgekehrt, die Licht in das Dunkel bringen sollte. Er habe, so erzählt er, die goldene Stadt „Cíbola“ gesehen, die schönste der sagenhaften „Sieben Städte“. Diese hätten ihre Namen von sieben spanischen Bischöfen, die schon im 8. Jahrhundert zur Verbreitung des christlichen Glaubens über den Atlantik gekommen seien. Zwar habe er die Stadt nicht selber betreten, schränkt der Ordensmann ein, denn Estebanico, sein Begleiter, sei deswegen von den Einwohnern fast umgebracht worden. Aber aus sicherer Entfernung habe er eine Kulisse gesehen, die «größer als die Stadt Mexiko» sei. Es klingt ein wenig nach Timbuktu in Amerika. Irgendetwas ist immer dran an solchen Geschichten, denkt wohl Spaniens Vizekönig Antonio de Mendoza. Hernán Cortés hat es hier in Mexiko schon erlebt, Francisco Pizarro bei den Inka in den Anden. Es wäre fahrlässig, nicht nach diesen Reichtümern zu forschen. Nicht auszudenken, wenn sie anderen in die Hände fielen...

Eine mächtige Expeditionstruppe wird im Februar 1540 ausgerüstet: 225 berittene Konquistadoren, 62 spanische Fußsoldaten, 800 verbündete indianische Krieger, 1000 schwarze und indianische Sklaven. Sie ziehen zunächst nach San Miguel Culiacán. Das Kommando hat ein 30-jähriger Mann, der schon eine steile Kolonialkarriere hinter sich hat. F. Vázquez de Coronado wurde 1510 in der Universitätsstadt Salamanca geboren, ging 1535 nach Neuspanien, wie das eroberte Mexiko nun heißt, heiratete dort Beatríz de Estrada und damit in eine reiche neuspanische Familie ein. 1539, als Statthalter der Provinz Neugalizien im mexikanischen Nordwesten, hat er bei der Vorbereitung der ersten Cíbola-Expedition mitgeholfen. Nun will er selber derjenige sein, der diese Stadt für die Krone erobert.

Das Gebiet, das die Spanier erforschen wollen, ist riesengroß. So teilt sich die Expedition in mehrere Gruppen, die sich später wieder zusammenfinden sollen. Unter dem Kommando von Hernando de Alarcón brechen drei Schiffe auf, um die Stadt Cíbola vielleicht über einen Fluss zu erreichen. Sie segeln den Colorado rund 80 Kilometer hinauf. Als sie am vereinbarten Treffpunkt den Trupp von Coronado nicht finden, kehren sie missmutig nach Mexiko zurück.

Es ist nicht die einzige Enttäuschung dieser Expedition. F. Vázquez de Coronado zieht, begleitet von Marcos de Nizza, mit einer Einheit von Kavalleristen durch die Sierra Madre voraus. Sie schleppen sich hungernd durch öde, dünn besiedelte Bergregionen und karge Hochebenen. Am 7. Juli 1540 stoßen sie in der Tat auf ein „Königreich Cévola“, wie Coronado es nennt. Es besteht aus einem halben Dutzend Dörfern, die in einem Umkreis von gut 20 Kilometern verstreut liegen. Das erste Dorf, das seine Leute im Handstreich nehmen, heißt Hawikuh: 500 Häuser, davon 200 mit einer Mauer umgeben. Keine Spur von einer Prachtstadt, keine Spur von Gold. Die ausgezehrten Soldaten fühlen sich betrogen. Sie toben vor Wut.

Der fabulierende Mönch hat als Führer ausgedient. F. Vázquez de Coronado schickt ihn zusammen mit Leutnant Melchior Díaz zurück, der den Marsch des Hauptheers nach Norden organisieren soll. Díaz erfährt am Colorado, dass die Schiffe schon den Rückweg angetreten haben. Er wird durch einen Unfall mit einer Lanze so schwer verletzt, dass er stirbt.

Coronado gibt nicht so schnell auf. Das Hauptheer ist inzwischen zu ihm gestoßen. Wieder ist von einer Stadt im Reich „Cévola“ die Rede. Mitte Juli schickt F. Vázquez de Coronado von Hawikuh aus einen Trupp unter dem Befehl von Pedro de Tovar Richtung Nordwesten. Tovar erobert den Ort Awatovi, eine Siedlung der Hopi-Indianer. Gold? Hier? Die Einwohner schütteln mit den Köpfen. García López de Cárdenas, ein weiterer Offizier, bricht mit einer kleinen Einheit nach Norden auf und wendet sich dann nach Westen. Er steht Mitte September mit seinen Leuten vor einer Schlucht, so furchterregend und tief, wie sie nie zuvor eine gesehen haben. Sie sind die ersten Europäer, die in den Grand Canyon blicken. Aber Gold? Hier? Keine Spur.

Vielleicht hat Hernando de Alvarado die heiße Spur gefunden? Er ist mit einer Einheit nach Osten zu den Acoma-Indianern aufgebrochen. In der Siedlung Cicuye trifft er auf zwei Männer, die dort gefangen gehalten werden. Der eine heißt Ysopete, den anderen nennen die Spanier seines Aussehens wegen den „Türken“. Letzterer behauptet, weit im Norden und Osten gebe es prächtige Städte mit Gold und Juwelen. Ysopete sagt, man solle das bloß nicht glauben. Aber zur Sicherheit nimmt Alvarado beide mit in Coronados Hauptquartier, das inzwischen ein Stück weiter östlich, nach Tiguex am Rio Grande, verlegt worden ist.

Das neue Zauberwort heißt nun „Quivira“. So nennt sich angeblich das Land der Kostbarkeiten, von dem der „Türke“ berichtet. Es gebe dort, so legt er nach, einen Fluss von mehr als zehn Kilometer Breite, Fische so groß wie Pferde und Segelboote mit mehr als 20 Rudern an jeder Seite. Nach einer Überwinterung beschließt Coronado, das Hauptheer in Tiguex zu belassen. Mit einer Schar von Auserwählten bricht er im April 1541 nach Norden auf. Die Spanier sehen als erste Weiße riesige Büffelherden, die durch die weiten Prärien ziehen. Sie treffen – wie Coronado an den König berichtet – auf Indianer, die das Büffelfleisch roh essen, Büffelblut trinken und Büffelhäute gerben, um daraus Kleider und Zelte zu machen. Es gibt keine Hügel, keine Bäume, nur endlose Steppe. Die Expedition setzt über den Arkansas River, stößt auf vereinzelte Dörfer. Sie gehören den Quivira-Indianern. Städte in Glanz und Gold? Die Hütten sind aus Stroh, und die Menschen haben nicht einmal Umhänge. Die Stunde der bitteren Wahrheit ist gekommen.

Es ist nicht klar, was den „Türken“ getrieben hat, den Spaniern seine Geschichte aufzutischen. Hoffte er mit Hilfe der Weißen nach Hause zu kommen? Oder war alles nichts anderes als ein sprachliches Missverständnis? Coronado lässt keine Entschuldigungen mehr gelten. Genug der Lügen, genug der Legenden. Er lässt den „Türken“ zur Strafe erwürgen.

Seine Expedition wird als einer der größten spanischen Fehlschläge in die Geschichte eingehen. Coronado überwintert noch einmal in Tiguex, wird im Dezember 1541 bei einem Sturz vom Pferd verletzt. Nun ist auch sein Wille gebrochen. Als Gescheiterter kehrt F. Vázquez de Coronado 1542 nach Mexiko zurück. Mit seiner Karriere geht es bergab. Er hat nichts erobert, was eroberungswürdig wäre, und nichts gefunden, was den gewaltigen Aufwand gelohnt hätte. Stattdessen läuft ein Verfahren gegen Coronado wegen seiner Lynchjustiz gegen den Türken. Er wird am Ende zwar freigesprochen, aber so ein Makel bleibt haften. 1544 verliert F. Vázquez de Coronado seinen Posten als Gouverneur. Für den Rest seiner Jahre taucht er unter in der Kolonialbürokratie. Coronado hat riesige Gebiete neu entdeckt. Doch am Ende bleibt nur übles Gerede.

Mythen haben meist ein langes Leben. Quivira taucht noch 1569 auf einer Karte auf, Cíbola noch 1578 – sieben stolze Städte, mit Türmen bewährt und mit Fahnen geschmückt. Märchen sind zu schön, um sie einfach zu ignorieren.

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