Der Russe Fjodor P. Litke ist in der Südsee genauso zu Hause wie im Eismeer. Er kartiert die ostsibirische Küste so präzise wie Korallenriffe. Im Auftrag des Zaren Nikolaus I. segelt er um die ganze Welt – von Kamtschatka bis zu den Karolinen.
Was für ein Riesenreich! Um an seine andere Seite zu gelangen, ist es einfacher, schneller, wahrscheinlich auch billiger, einmal ganz um die Erde zu segeln, anstatt das eigene Land zu durchqueren. So ist das Russland des 18. Jahrhunderts. Die Regierung sitzt in St. Petersburg an der Ostsee. Ihr Herrschaftsgebiet reicht bis an die Küste Ostsibiriens. Dort fischen die Tschuktschen an Eislöchern im Nordpazifik. In der Hauptstadt plaudert die gute Gesellschaft am liebsten auf Französisch.
Im Jahr 1725 bricht Vitus Bering im Auftrag Peter des Großen in den Osten des Zarenreichs auf, um das Meer zu erkunden, das später seinen Namen trägt. Auf seiner zweiten Fahrt entdeckt er unter anderem die Aleuten.
Private russische Expeditionen, die sich einen Profit vom Pelzhandel versprechen, erkunden diese Inseln im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts intensiver. Sie gelangen bis nach Nordamerika. 1783 gründet Grigor Iwanowitsch Schelikow dort die erste permanente russische Siedlung auf der Kodiak-Insel vor der Küste des heutigen Alaskas. Er hat weit reichende Pläne, träumt von Niederlassungen bis nach Kalifornien. Er fordert Vorräte aus der Heimat an und schlägt vor, diese von Archangelsk oder St. Petersburg per Schiff nach Nordamerika zu bringen – fast einmal um die ganze Welt. Doch es vergehen noch einige Jahre, bis Zar Alexander I. die erste russische Seeexpedition nach Nordamerika schickt. Der Marineoffizier Adam Johann von Krusenstern erhält 1803 das Kommando. Er liefert Nachschub an die russischen Handelsniederlassungen, macht wissenschaftliche Beobachtungen, beeindruckt die anderen Seemächte. Die Fahrt ist ein Riesenerfolg, Krusenstern der erste russische Weltumsegler.
1816 beschließt der Zar, ein russisches Kriegsschiff in den Nordpazifik zu senden. Wasilij Mikailowitsch Golwnin erhält das Kommando. Er soll die Häfen Ochotsk und Petropawlowsk auf der Halbinsel Kamtschatka mit Waren beliefern, in Nordamerika die mittlerweile gegründete Russisch-Amerikanische Gesellschaft inspizieren und geographische Messungen durchführen. Mit an Bord ist Fjodor Petrowitsch Litke, ein junger Marineoffizier aus einer Adelsfamilie in St. Petersburg. Nach einer Ausbildung an der Marine-Akademie trat er 1812 in die russische Marine ein. Dies ist nun seine erste große Fahrt.
Golownin und seine Besatzung verlassen Kronstadt am 26. August 1817. Sie segeln nach Portsmouth, wo sie ihre Wasservorräte auffüllen, sich mit Rum, astronomischen Instrumenten und Karten für die Fahrt versorgen. Sie umrunden Kap Hoorn, segeln zu den Marquesas-Inseln, kreuzen den Wendekreis des Krebses am 8. April. Anfang Mai erreichen sie Kamtschatka. Von dort nimmt Golownin Kurs auf die Insel Kodiak. Der Kommandeur inspiziert die Handelsstation, liefert die Vorräte ab. Er segelt die amerikanische Pazifikküste hinab nach Monterey, dann über die Sandwich-Inseln (Hawaii) und um das Kap der Guten Hoffnung nach Hause. Russland muss einmal um die Welt fahren, um seine Kolonien zu besuchen.
Litke hat auf der Expedition einen so guten Eindruck gemacht, dass er von Golownin dem russischen Seeminister empfohlen wird. Russland hat nicht nur an der fernen Pazifikseite unbekannte Küsten, auch an der Barentssee sind längst nicht alle Gestade erforscht. Litke soll die Doppelinsel Nowaja Semlja erkunden, auf der einst Willem Barents überwintert hat. Mitte 1821 sticht er von Archangelsk aus in See. Er beginnt seine Erkundungen im Südwesten der lang gestreckten Insel, arbeitet sich langsam nach Norden vor. Mächtige schneebedeckte Felsen türmen sich vor der Küste auf, erschweren das Kartographieren. Litke weiß nie, ob sich dahinter eine Bucht, ein Fjord oder eine Flussmündung verbirgt. Er gelangt bis 74 Grad 40 Minuten, bevor das Packeis ihn stoppt.
Im Sommer 1822 bricht Fjodor P. Litke zu einer zweiten Fahrt nach Nowaja Semlja auf. Wieder kämpft Litke sich an der Küste nach Norden, trägt Vorgebirge in die Karten ein. Auf der dritten Reise (1823) erkundet er die Uferlinie Russisch-Lapplands. Anschließend gelangt er in Nowaja Semlja bis Kap Nassau, bei 76 Grad. Die Inseln an der Südwestseite des Landvorsprungs tauft Fjodor P. Litke nach Barents. Auf seiner vierten Expedition will er die Insel umrunden. Doch diesmal blockieren auch im Süden Eismassen die Fahrt. Er gelangt bis zur Waigatsch-Insel, die Meerenge zur Karasee ist zugefroren. Trotz all dieser Schwierigkeiten bleiben seine Karten für ein halbes Jahrhundert die besten dieses Meeresraums.
Im Jahr 1826 bricht Litke zu seiner großen Weltumsegelung auf. Zar Nikolaus I. persönlich hat das Programm festgelegt. Es würde für drei Expeditionen reichen: Fahrt zu den Aleuten, Erkundung des Beringmeers, der Küsten Kamtschatkas und der Tschuktschen-Halbinsel sowie der Küsten des Ochotskischen Meers, Festlegung der Umrisse des Anadyrgolfs und Erforschung des Landesinneren durch die Naturforscher der Expedition. Den Winter hat Litke für Forschungen in der Südsee zur Verfügung.
Am 1. September sticht Fjodor P. Litke mit der „Senjawin“ in See. Das zweite Expeditionsschiff, die „Moller“, steht unter dem Kommando von Kaptitän Staniukowitsch. Die Korvetten werden bald voneinander getrennt, treffen sich aber zwischendurch wieder. Am 12. Juni 1827 erreicht Litke die russische Handelsniederlassung Neu-Archangelsk (Sitka) an der amerikanischen Nordwestküste. Von dort fahren sie weiter zum Unalaska Island, der zweitgrößten Insel der Aleuten. Und weiter geht es nach Westen. Sie erreichen die St. Matthew-Insel, nehmen als Erste vollständig deren Küste auf. Es ist bereits Herbst, zu spät im Jahr, um zur Beringstraße zu segeln. Über die Bering-Insel fahren sie nach Petropawlowsk auf Kamtschatka.
Am 31. Oktober 1827 brechen sie in die Südsee auf. Auf dem Weg zu den Karolinen suchen sie vergeblich nach Inseln, die in den alten Karten eingezeichnet sind. Colunas-Insel, Dexter-Insel – es gibt sie alle nicht. Anfang Dezember erreichen sie Kusaie, die östlichste Insel der Karolinen-Gruppe. Von dort durchkreuzt Litke den ganzen Archipel. Er ist der Erste, der ihn systematisch kartographiert. Einzelne Inseln wurden im Lauf der Jahrhunderte von Spaniern, Portugiesen, Engländern, Franzosen entdeckt, vergessen, wieder entdeckt und umbenannt. Doch zu Litkes Zeiten gibt es immer noch keine genauen Karten. Nachts fährt er deshalb mit gerefften Segeln, damit er an keinem Eiland unbemerkt vorüberzieht. Korallenriffe, Kokospalmen – er entdeckt Ponape wieder, die größte der Karolinen. 40 Segelboote kommen auf sie zu, Menschen schreien, tanzen, gestikulieren wild. An eine Landung ist nicht zu denken. Sie probieren es an einer anderen Stelle, doch hier scheinen die Eingeborenen noch wilder zu sein. Litke tauft die Lagune, in der sie ankern wollten, „Hafen des schlechten Empfangs“. Sie kommen am Andema-(Ant-) und Pakin-Atoll vorbei, nehmen astronomische Messungen vor, fixieren die Inseln auf den Karten. Anfang Februar gehen sie in Lukunor an Land, durchstreifen dort den „Zaubergarten“, wie Litke das Eiland nennt.
Ende März brechen sie nach Norden auf. Denn bald beginnt in Ostsibirien wieder die Entdeckersaison. Auf der Rückfahrt stoßen sie weit vor der japanischen Küste auf die Bonin-Inseln. Zwei schiffbrüchige Walfänger berichten ihnen, dass der Engländer Frederick W. Beechey sie im vorigen Jahr erkundet hat. Am 9. Juni kommen sie in Petropawlowsk an. Litke macht sich an die Kartierung der Ostküste Sibiriens. Er folgt der Küste Kamtschatkas nach Norden, gelangt bis zur Karaginski-Insel. Deren Inneres erforscht er bei sengender Hitze – die Sonne heizt den schwarzen Sandstrand auf. Die Meeresstraße zwischen Insel und Festland wird später nach dem Forscher benannt.
Wetter und Sicht sind oft schlecht. Entweder haben sie Nebel und Windstille oder Nebel und Sturm. Dennoch gelingt es ihnen, weite Teile des Anadyrgolfs in ihre Karten aufzunehmen. Sie erreichen das Tschuktschenkap, entdecken eine Meeresstraße, die sie nach ihrem Schiff benennen. Adolf Erik Nordenskjöld wird sie 1879 mit der „Vega“ durchfahren.
Anfang Oktober 1828 kehrt Fjodor P. Litke nach Petropawlowsk zurück. Am 10. November segelt er erneut in die Südsee. Er erreicht den nördlichen Teil der Karolinen, nimmt dort die Kartierung wieder auf. Er verlässt das Archipel im Westen beim Ulithi-Atoll. Litke hat insgesamt zwölf Inseln oder Inselgruppen neu entdeckt, 26 Eilande beschrieben. Am 13. Januar läuft er im Hafen von Manila ein, wo die „Moller“ schon auf ihn wartet. Über das Kap der Guten Hoffnung fahren sie nach Hause.
Die Ergebnisse der knapp dreijährigen Expedition sind reichhaltig. Es entsteht ein nautischer Atlas mit 51 Karten. Die Naturkundler haben mehr als 1500 Spezies gesammelt, mehr als 1000 Zeichnungen von ethnographischen Szenen und Gegenständen angefertigt. Die Karolinen werden durch die Arbeit des Russen zum besterforschten Teil der Südsee.
Litke bricht im Jahr darauf mit der „Senajawin“ zu einer Islandexpedition auf. 1845 ist er Mitgründer der Russischen Geographischen Gesellschaft.
Das Lexikon der Entdecker - Die bedeutendsten Pioniere aller Zeiten
Von Christoph Kolumbus und Magellan bis Ernest Shackleton - das erfolgreiche Lexikon vereint in alphabetischer Reihenfolge die 100 bedeutendsten Entdecker vom 10. bis zum 20. Jahrhundert. Neuauflage in hochwertiger Broschurausstattung mit Klappen. mehr...
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus