Francis Younghusband ist Asienforscher, aber auch britischer Offizier. Mit Waffengewalt erzwingt er den Zutritt zur „verbotenen Stadt“ Lhasa. Die nach außen abgeschottete Republik der buddhistischen Mönche verliert dadurch ihr großes Geheimnis.
Clifton College ist eine Schule, in der Führerfiguren geschmiedet werden. Was hier zählt, sind Rugby, Kricket und harter Dauerlauf, vielleicht noch Geographie und Militärgeschichte, nicht aber intellektuelle Spielereien. Disziplin, Durchsetzungskraft – das ist es, worauf es ankommt. Der junge Francis Younghusband, Sohn eines britischen Kolonialoffiziers, soll in dem Jungeninternat bei Bristol lernen, was britische Tugenden sind.
Sein Vater hat seine festen Ansichten über die Rolle Englands in der Welt. Es müsse Völker zivilisieren, die es noch nicht so weit gebracht haben. Eine Hand voll guter Leute reiche aus, um ein paar hundert Millionen Inder zu regieren, mal mit Zuckerbrot, mal mit Peitsche. Sportsgeist, Organisationstalent, ab und zu ein Schuss Härte – so hat er auf dem Subkontinent Karriere gemacht, vom Söldner im Dienst der Ostindien-Kompanie bis zum Generalinspektor der Polizei im Pandschab. Keine Frage, auch Francis Younghusband wird in seine Fußstapfen treten.
Auf das Clifton College folgt Sandhurst, die Militärakademie. Abschluss mit Auszeichnung, dann ab zu den königlichen Dragonern, Standort Meerut bei Delhi, später Rawalpindi, schon fast zu Füßen des
Himalaja. Es sind aufregende Zeiten für den jungen Offizier. Im April 1884, als Francis Younghusband den ersten langen Urlaub bekommt, begibt er sich auf die Spuren seines Onkels Robert Shaw, den er von Kindesbeinen an bewundert hat. Shaw, der mit nur 39 Jahren starb, war Teepflanzer in Dharamsala und trieb sich als Forscher in wilden Gebirgsregionen jenseits von Britisch-Indien herum. Er trug die Trachten kriegerischer Stämme und konnte märchenhafte Geschichten von exotischen Potentaten erzählen. Younghusband setzt sich in einen Zug Richtung Berge. Von der Endstation Pathankot marschiert er drei Tage zu Fuß, dann steht Francis Younghusband vor dem Haus des Onkels. Shaw ist schon fünf Jahre tot, doch drinnen sieht es aus, als sei er gestern gestorben. «Ich brütete über Büchern und Karten», schreibt Younghusband später. «Ich redete stundenlang mit den alten Dienern – allmählich packte der Forschergeist meine Seele...»
Als Diener des Empire kann Younghusband schon bald die britischen Tugenden mit seine Sehnsüchten vereinen. Der große russische Bär, so sieht es die Regierung in London, greift sich mit seinen Pranken immer größere Stücke des asiatischen Kontinents. Truppen des Zaren bewegen sich auf Afghanistan zu, ein Turkvolk nach dem anderen schwört St. Petersburg die Treue, immer näher rückt diese Front an die Grenzen des britischen Kolonialreichs heran. Chinas jahrtausendealte Dynastie liegt in den letzten Zügen; immer weniger haben der schwächelnde Kaiser und dessen korrupte Beamte, immer mehr die europäischen Mächte im Reich der Mitte das Sagen. Was wird aus den riesigen, großenteils noch unerschlossenen Räumen auf dem Dach der Welt, um die Russland, England und China ringen?
Dies ist die Zeit der geheimen, getarnten Missionen, bei denen Forscherdrang und politische Ziele ineinander fließen. Angebliche Zeitungskorrespondenten, Mitglieder der Royal Geographical Society oder einer privaten Jagdgesellschaft reisen im Auftrag des britischen Geheimdiensts. Indische pandits, meist Angehörige von Himalaja-Völkern, stehlen sich als britische Spione in die Gegenden hinter den hohen Bergen. Younghusband erhält in Kaschmir Zugang zu Militärarchiven. Was er dort findet, bestärkt seinen Glauben an die russsische Gefahr. Der Zar, schreibt er in einer Analyse, wolle nun auch ein Protektorat in Korea errichten, die ganze Mandschurei sei ihm dann ausgeliefert... Francis Younghusband kriegt Urlaub, dazu einen Dolmetscher, dann darf er auf seine erste Expedition. Nachrichten sind wichtig, dazu gute Karten, alles hat seine strategische Bedeutung.
Der Reise in die Mandschurei 1886 weitet sich zu einer gewaltigen Expedition aus. 1887 zieht Younghusband als erster Europäer seit den Zeiten des Venezianers Marco Polo von Ost nach West quer durch ganz China: von Peking durch die Wüste Gobi, über Hami und Turfan am Nordrand des Tarimbeckens entlang bis nach Kaschgar, dann über den Mustag-Pass nach Kaschmir.
Younghusband hat Blut geleckt. Der Armeealltag beginnt ihn zu langweilen. 1889 durchstreift er das Bergreich der Hunza. 1890 zieht er über das Pamir-Plateau, fertigt Studien über mögliche Verkehrswege zwischen Kaschmir und Ostturkestan an, trifft dabei den großen Asienforscher Sven Hedin. 1891 ist Younghusband wieder im Pamir, die Russen aber versperren ihm den Weg. Nur mit Mühe schafft er den Rückmarsch nach Gilgit über einen gefährlichen Gletscher. Von 1892 bis 1894 forscht Francis Younghusband am Fluss Amudarja, der Nordgrenze von Afghanistan.
Am meisten aber schlägt Francis Younghusband das „verbotene Land“ Tibet in seinen Bann. Formell wird es von einem chinesischen Administrator regiert, de facto aber von fanatischen buddhistischen Mönchen, deren Außenpolitik in nichts anderem besteht, als jeden Ausländer am Betreten des Landes zu hindern. Ihre Ängste vor einem Einbruch des Christentums haben ihre Fremdenfeindlichkeit bis zur Hysterie gesteigert. Als es dem pandit Sarat Chandra Das 1879 und 1881 gelang, als buddhistischer Gelehrter verkleidet in das Land einzudringen, ließen die Diener des Dalai Lama einen Beamten, der ihm unwissentlich dabei geholfen hatte, auspeitschen und gefesselt in den Tsangpo werfen; seinen Dienern wurden die Augen ausgestochen, Hände und Füße abgehackt. Seit 1846, als die französischen Missionare Evariste Régis Huc und Joseph Gabet in Lhasa waren, darf kein Europäer mehr die Hauptstadt der Tibeter betreten.
Younghusband hat schon im Jahr 1889 die Idee gehabt, als türkischer Händler verkleidet sein Glück in Tibet zu versuchen. Damals hat ihm sein Kommandeur das Abenteuer strikt verboten. Nun aber spitzt sich die Lage in seinem Sinne zu. Ein Chinese, aus politischen Gründen nach Darjeeling geflüchtet, schreibt 1902 in schwer verständlichem Englisch einen Brief an den Vizegouverneur von Bengalen: «Chinesische Regierung sehen seine Truppen sehr schwach und nicht so aktiv, darum er übergeben Tibet an russische Regierung und verlangen von ihm Hilfe... Die Russisch dürfen ein Fort errichten in Tibet und auch Eisenbahn, aber sie dürfen nicht zerstören das Kloster von Tibet...» Das kuriose Kauderwelsch ist Wasser auf die Mühlen all derer, die britenfreundliche Pufferstaaten zum Schutz vor dem landhungrigen Zar fordern. Bei Lord Curzon, dem britischen Vizekönig in Indien, schrillen die Alarmglocken – zumal gleichzeitig ein Zeitungsbericht kursiert, in dem von einem angeblichen Geheimvertrag zwischen Russland und China die Rede ist. Curzon überzeugt London, dass sofort eine Mission mit militärischer Macht nach Tibet geschickt werden müsse, um mit den dortigen Herrschern über den Status des Landes zu verhandeln. Derjenige, dem er das kühne Unternehmen am ehesten zutraut, ist sein alter Freund Francis Younghusband.
Am 12. Dezember 1903 quält sich eine riesige Kolonne am 4300 Meter hohen Jelap-Pass über die tibetische Grenze: vorweg ein Kavallerist mit der britischen Flagge, dahinter 1000 Soldaten, zwei Schnellfeuer- und vier Artilleriegeschütze, sechs Kamele, 4000 Yaks, 7000 Maultiere, 10000 Kulis und eine Nachrichteneinheit, die eine Leitung zu legen hat. Die Lamas schicken Younghusband Delegationen entgegen, die ihn zur Umkehr auffordern. Er lässt ihnen ausrichten, wenn die Regierungsbeamten nicht zu ihm kämen, so würde er sich eben zu ihnen begeben.
Fünf Kilometer vor dem Dorf Guru kommt es im Frühjahr 1904 zur ersten Schlacht. Tibetische Truppen liegen hinter einem Erdwall, ausgerüstet mit Schwertern, Musketen und ein paar alten Gewehren. Jeder von ihnen hat einen Talisman bekommen, ein Stück Papier mit dem Siegel des Dalai Lama, das sie angeblich vor Kugeln schützen würde. Nach vier Minuten liegen 700 von ihnen tot oder sterbend am Boden. In vier Minuten lässt eine imperialistische Großmacht eine mittelalterliche Gedankenwelt zusammenbrechen. Die verwundeten Tibeter können es nicht fassen, dass die Briten sie nun in ein Lazarett bringen, wo die Sanitäter alles tun, um dem Gegner das Leben zu retten.
Die zweite Schlacht tobt um die Festung der Stadt Gyangtzeˆ. Als auch die gefallen ist, bricht der Widerstand der Tibeter zusammen. Am 2. August 1904 zieht Younghusband in Lhasa ein. Er zwingt den Tibetern einen Knebelvertrag auf. Sie müssen alle Festungen zwischen Gyangtzeˆ und der indischen Grenze schleifen. Sie räumen den Briten das Recht auf zwei Handelsvertretungen in Gyangtzeˆ und Gartok ein. Und sie dürfen mit keiner anderen Macht außer China ohne britische Zustimmung Beziehungen pflegen. Der Dalai Lama ist in die Mongolei geflüchtet. Sieben Jahre später, als das Chinesische Kaiserreich zusammenbricht, wird er mit britischer Hilfe zurückkehren – die Politik geht oft seltsame Wege.
Younghusband verlässt Lhasa im September 1904. Der Lohn für seinen Sieg ist der Adelstitel „Sir“. Die Briten wissen trotzdem nicht so recht, ob sie feiern oder sich schämen sollen. Tibet, das „verbotene Land“, hat seinen Mythos verloren.
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