Francisco de Orellana

60 Spanier suchen unter der Führung von Francisco de Orellana am Fuß der Anden nach dem Goldreich „El Dorado“. Mit zwei Schiffen treiben sie auf unbekannten Gewässern durch den Urwald – und entdecken so den größten Strom der Welt.

Fern in den Wäldern, erzählt der Indianer, lebt ein Volk an einem heiligen See. Immer wenn dort ein neuer König gekrönt wird, gießen Priester glänzenden Goldstaub über ihm aus, so dass er leuchtet wie die Sonne. Der Herrscher gleitet zum Klang von Flöten und Muschelhörnern auf einer prunkvollen Barke auf das Wasser hinaus. Starke Männer wuchten eine Schale mit Saphiren und Diamanten, mit Schmuck aus Gold und Silber in die Höhe – und lassen sie in die Fluten des Sees stürzen. Dort ruht das Opfer für die Götter auf ewige Zeiten.

Atemlos lauscht der Offizier Luiz Daza 1537 in der Stadt Latacunga dieser Geschichte, die ihm ein Dolmetscher aus der Ketschua-Sprache in gebrochenes Spanisch übersetzt. Die Indios, das weiß er, sind reich an Legenden. Aber hat Hernán Cortés etwa nicht riesige Schätze im Mexiko der Azteken entdeckt? Und ist es nicht gerade erst vier Jahre her, dass sich für Francisco Pizarro eine ganze Halle mit Inka-Gold füllte?

Die Geschichte von El Dorado, dem sagenhaften Goldland, lässt die Eroberer der Anden nicht ruhen. Nichts verleiht ihnen mehr Kräfte als die Aussicht auf Reichtum durch das glänzende Metall. 1541 lässt Pizarro seinen Bruder Gonzalo eine riesige Expedition zusammenstellen die El Dorado finden soll. 350 spanische Lanzenreiter, ein indianischer Tross mit 4000 Mann, eine Herde von Lamas als Lasttiere, 4000 Schweine als lebende Fleischkammer – ein bizarrer Zug wälzt sich von Quito aus über das Hochland nach Osten.

Die Spanier haben keine Ahnung, in welches Inferno sie dieser Marsch führen wird. Von den Anden steigen sie hinunter in einen dampfenden, schwülheißen Dschungel. Die Hochland-Indianer, die dieses Klima nicht gewohnt sind, sterben wie die Fliegen an tropischem Fieber. Die Schweine verlaufen sich in den Wäldern, die Lamas versinken in sumpfigen Böden. Als die letzten Ausläufer der Anden zurückbleiben, sind die Pferde zur Hälfte, die anderen Tiere gänzlich verloren. Auf die Frage nach dem Gold zeigen Häuptlinge der hier lebenden Omágua-Indianer mit den Fingern flussabwärts – weiter nach Osten.

Auf dem Landweg ist kein Weiterkommen. So bauen die Spanier mit Hilfe der Indianer aus Urwaldstämmen ein Schiff, das sie „Victoria“ nennen. Sie kalfatern die Fugen mit einem dickflüssigen, milchig-weißen Saft aus einem Baum, den die Einheimischen Hevea nennen. Als erste Europäer lernen sie den Nutzen von Kautschuk kennen. Die Kranken und Lasten kommen auf das Schiff, das Heer zieht am Ufer entlang. Doch als sie sich nach ein paar Wochen immer noch durch nichts als Dickicht kämpfen, wird den Spaniern klar, dass sie so keine Chance haben – die letzten Vorräte gehen zur Neige.

Pizarro beschließt, mit dem Haupttross zu rasten. Eine Vorhut aus 60 Mann soll in den nächstgelegenen Dörfern – drei Tage Flussfahrt, sagen die Indianer – neuen Proviant beschaffen und umgehend damit zurückkehren. Das Kommando über diese Einheit erhält Francisco de Orellana. Er ist vor kurzem mit seiner eigenen Truppe, die aus 23 Mann bestand, zu dem Tross gestoßen. Orellana stammt aus derselben Stadt wie die Pizarros: Trujillo in der Extremadura. Er hat die ganze conquista in Peru mitgemacht und dafür den Posten eines Gouverneurs in der neu gegründeten Siedlung Puerto Viejo erhalten. Orellana ist kein derber Haudegen wie Pizarro, sondern ein intelligenter Stratege. Er ist gebildet und von adligem Blut. Francisco de Orellana sieht in den Indios kein Freiwild, sondern unschätzbare Helfer, die es gut zu behandeln gilt. Schon in wenigen Tagen wird er spüren, dass seine Stunde gekommen ist.

Mit dem Großteil der Waffen und der Kriegskasse rauschen Orellana und seine Leute den Río Napo hinunter. Sie schlingern durch eine Stromschnelle und fragen sich, wie sie diese jemals wieder hinaufkommen sollen. Im ersten Dorf, an der Einmündung des Río Curaray gelegen, strömen alle Häuptlinge der Umgebung zusammen, um die weißhäutigen Menschen zu bestaunen. Auf die Frage nach Gold deuten sie mit den Fingern flussabwärts, nach Osten. Gleichzeitig sagen sie den Weißen durch deren Dolmetscher, dass sie keine Chance zu einem Rückweg hätten – zu Wasser nicht wegen der Strömung und Schnellen, zu Lande nicht wegen der Sümpfe.

Francisco de Orellana trifft eine Entscheidung, die vernünftig ist und dennoch Verrat bedeutet. Sein ganzer Trupp – mit Ausnahme eines einzigen Manns – hat ihn dazu gedrängt. Seine kleine Einheit, das haben die vergangenen Wochen bewiesen, ist viel beweglicher als der schwerfällige Tross. Er überlässt den wartenden Pizarro und das Heer ihrem Schicksal. Seine Leute bauen noch eine Brigantine, die „San Pedro“. So setzt Orellana am 2. Februar 1542 mit zwei Schiffen seine Fahrt auf dem Fluss fort, um El Dorado auf eigene Faust zu suchen. Der einzige Opponent, Sánchez de Vargas, bleibt an Land. Er will sich allein zurück zu Pizarro durchschlagen.

Der Río Napo ergießt sich in ein Gewässer, das so riesig ist, dass die Spanier schon glauben, sie seien am Meer. Doch es herrscht eine kräftige Strömung, die sie mit sich fortreißt, mal mehr nach Norden, mal mehr nach Süden, in der Hauptrichtung aber immer nach Osten. Ohne Kompass treiben sie durch ein Gewirr von Sandbänken und Seitenarmen. Der Wald wabert von zirpenden Grillen, brüllenden Affen und krächzenden Papageien. Der Fluss ist voll von schmackhaften Pirarucu-Fischen und gefräßigen Piranhas. Von El Dorado ist weit und breit keine Spur. Dafür hagelt es häufig giftige Pfeile, die von kriegerischen Indianern abgeschossen werden.

Dumpfe Trommelschläge hallen durch den Dschungel, kündigen die Ankunft der Weißen mit den seltsamen Wasserfahrzeugen an. Fasziniert lauschen die Indianer dem Chorgesang der Ostermesse, die der Dominikanerpater Gaspar de Carvajal – gleichzeitig Chronist der Expedition – zwischen den Hütten eines Dorfs hält. Die Ureinwohner sind von dem Ritual so angetan, dass sie sich bereitwillig taufen lassen. Die
alten Götter geben sie deswegen noch lange nicht auf, und zum Abschied erschrecken sie die Spanier mit einem Beschwörungstanz, bei dem sie Dämonenmasken aus geschnitztem Kürbis tragen, mit flatternden Strohbändern und einem gebleckten Jaguargebiss.

Francisco de Orellana und seine Spanier sehen, wie im Gebiet der Manao ein riesiger Fluss mit schwarzen, schlammigen Fluten in den Strom einmündet, und taufen ihn Rio Negro. Sie werden von kriegerischen Frauen angegriffen, von denen die Indianer ihnen bereits erzählt haben. Wütende Amazonen attackieren die Schiffe, schießen Carvajal ein Auge aus und verwunden auch Orellana. Mit Pfeilen bespickt, sehen die Schiffe aus wie riesige, stachelige Igel. Weitere zwei Monate treibt die Flotte auf dem Strom, der einmal den Namen Amazonas tragen wird. Am 26. August 1542 erreichen sie, nach acht Monaten und fast 6000 Kilometer Flussfahrt, das offene Meer. Sie haben El Dorado nicht gefunden, stattdessen den größten Strom der Welt.

Während Orellana nach Spanien segelt, kämpft sich Pizarro mit seinem Heer zurück. Er ist Orellana anfangs zu Fuß gefolgt, trifft dabei im Urwald den halb verhungerten Sánchez de Vargas, der ihm die bittere Wahrheit erzählt. Der Weg aus dem Dschungel hoch in die Anden dauert zwei Jahre. Ganze 80 ausgemergelte Gestalten kommen schließlich in Quito an.

Francisco de Orellana kehrt 1545 im Auftrag des Königs mit einer neuen Expedition an die Amazonas-Mündung zurück. Er will den Strom gründlicher erforschen und an der Mündung des Rio Negro eine Siedlung anlegen. Wieder lässt er den Hauptteil der Truppe warten, wieder geht er mit einer Vorhut voraus. Anfang 1546 bricht er mit 300 Leuten stromaufwärts auf. Er kommt nie mehr zurück.

Die verbleibende Truppe hat bald genug von Dschungel, Giftpfeilen und Moskitos. Sie segelt nach Panama und löst sich dort auf. Scharen von Abenteurern werden von nun an nach El Dorado suchen. Das Goldreich aber bleibt, was es wohl immer gewesen ist: eine wunderschöne Legende.

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