Ein deutscher Botaniker dringt auf dem Weißen Nil tief ins Innere Afrikas vor. Georg Schweinfurth zieht mit Sklavenhändlern durch die Gegend am Gazellenfluss, trifft Pygmäen und Kannibalen – und bringt Tausende von Pflanzen mit nach Hause.
Wie passt das zusammen? Die Forscher des 19. Jahrhunderts sind Gelehrte im Elfenbeinturm. Sie recherchieren penibel, schreiben in gestochener Schrift. Sie kleiden sich mit Sorgfalt, haben die besten Manieren. Doch dann treibt sie etwas hinaus aus der heimischen Geborgenheit. Die klassischen Afrikaforscher fahren – oft genug allein – unbekannte Flüsse hinauf, dringen immer weiter in den unerforschten Kontinent. Sie verzichten auf den gelehrten Umgang zu Hause, ein weiches Bett und warmes Wasser. Stattdessen ertragen sie das Tropenklima, unheimliche Krankheiten, noch unheimlichere „Wilde“. Sie riskieren ihr Leben – aber für was? Jeder Entdecker hat dafür seine eigenen Gründe. Der eine sucht nach den Quellen des Nil, der andere versucht, den Erdteil zu durchqueren. Und Georg Schweinfurth nimmt alles in Kauf, wenn es um seine Pflanzen geht.
Georg Schweinfurth stammt aus einer reichen deutschstämmigen Familie in Riga. Schon als Jugendlicher legt er sich ein Herbarium an. Er studiert in Heidelberg, Berlin und München Geologie und Botanik, promoviert über die Pflanzenwelt am Nil. Der junge Wissenschaftler ist fleißig und zielstrebig, weiß ganz genau, was er will: sich einreihen in die Riege der großen Afrikaforscher.
Im Jahr 1862 bricht Schweinfurth zu seiner ersten Expedition nach Nordafrika auf, mit dem ehrgeizigen Ziel, ein umfangreiches botanisches Verzeichnis noch unbekannter Pflanzenarten zu erstellen. Er legt einen hohen Maßstab an seine Arbeit: «Für alle Zeiten muss ein solches Werk als Richtschnur gelten.» Der künftige Entdecker plant seine Reise sehr sorgfältig. Georg Schweinfurth besucht den damals schon berühmten Afrikaforscher Heinrich Barth, um von diesem Ratschläge einzuholen. Er stellt sich ein Reiseherbarium zum Nachschlagen zusammen. Das Papier lässt Schweinfurth mit Kautschuk überziehen, damit es vor Wasser geschützt ist.
In Ägypten unternimmt Georg Schweinfurth einen Ausflug nach Suez, reitet das erste Mal auf einem Kamel. Am Mansalasee ist er beeindruckt von der afrikanischen Vogelwelt. Ende Februar 1864 fährt Schweinfurth mit einer Barke den Nil bis Kena hinauf. Von dort aus durchquert er die Arabische Wüste, erkundet die afrikanische Küste des Roten Meeres. Georg Schweinfurth dringt in die Gebirge der Gegend vor, zieht trockene Wüstentäler – wadis – entlang, die sich bei starkem Regen in reißende Ströme verwandeln. Und überall entdeckt er Pflanzen. «Von 200 Arten habe ich Stammstücke und Astteile eingesammelt », schreibt er glücklich. Er stößt auf die Myrrhe, das biblische Gewächs.
Schweinfurth reist meistens zu Fuß. Er zieht durch das nördliche Äthiopien, in Richtung Sudan, überquert den Atbara, einen Zufluss des Nil. Der Pflanzenkundler sieht tausendjährige Affenbrotbäume, bestaunt Amaryllis. Dann erkrankt er an Malaria. Zwölf Tage kämpft Schweinfurth gegen das Fieber, kaum erholt, bekommt er einen schweren Rückfall. Er bricht die Expedition ab und kehrt nach Hause zurück – mit 2500 Pflanzen. Viele davon sind in Europa noch völlig unbekannt.
Schweinfurth kommt damit seinem Ziel, ein anerkannter Forscher zu werden, einen großen Schritt näher. Die Preußische Akademie der Wissenschaften wird auf den jungen Mann aufmerksam, sie unterstützt sein nächstes großes Vorhaben finanziell – nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse. Inzwischen ist so manchem deutschen Industriellen, Bankier und Politiker klar geworden, dass Deutschland in seinen kolonialen Bestrebungen in Afrika weit hinter den anderen Mächten zurückliegt. Nach Vorbild der Royal Geographical Society haben sich in vielen deutschen Städten geographische Vereinigungen gegründet, aus denen später die Kolonialvereine hervorgehen. Sie alle sind an einer raschen Erschließung Afrikas interessiert. Sie haben es damit eiliger als Reichskanzler Otto von Bismarck, der einer kolonialen Expansion noch eher skeptisch gegenübersteht. Die Berliner Akademie erhofft sich nun von Georg Schweinfurth, dass er unbekanntes Gebiet am oberen Nil erforscht. Wer weiß, ob sich daraus nicht später ein politischer Vorteil schlagen lässt.
Schweinfurth interessiert sich nicht für Politik, sondern für Pflanzen. Im Juli 1868 bricht er wieder nach Ägypten auf. Er fährt den Nil nach Khartum hinauf, zu der Zeit das Zentrum des Elfenbein- und Sklavenhandels. Sein Ziel ist das Gebiet am Bahr el-Ghasal – dem Gazellenfluss –, ein wichtiger Zufluss des Weißen Nil. Wie schon bei seiner ersten Expedition ist Schweinfurth exzellent vorbereitet. Er weiß, dass er das Gebiet ohne die Hilfe der arabischen Händler nicht erreichen kann. Sie haben dort das Sagen, durchziehen das Land auf der Jagd nach Sklaven mit bewaffneten Trupps.
Der Menschenhandel in der Provinz Bahr el-Ghasal – auch in Kordofan und Darfur – begann um 1860. Seither wurden 400000 Eingeborene verschleppt und verkauft, unzählige sind dabei gestorben. Schweinfurth wird Zeuge der furchtbaren Verbrechen. Er sieht voraus, dass die Völker völlig vernichtet werden, wenn der Sklaverei kein Einhalt geboten wird. Doch er interessiert sich nur für die Wissenschaft. Er schließt einen Vertrag mit einem der mächtigsten Händler – dem Kopten Ghatta –, erhält von ihm Lebensmittel, Träger, eine bewaffnete Eskorte und die Zusage, dass Schweinfurth seine Leute überall hin begleiten kann.
Am 5. Januar 1869 bricht Georg Schweinfurth auf. Sechs Nubier, zwei gemietete Sklavinnen, die kochen, acht Bootsleute und 15 Söldner begleiten ihn. Schweinfurth hat eine Kajüte am Heck des Schiffs – zusammengezimmert aus ein paar Brettern. Er segelt auf dem menschenleeren Fluss nach Süden, verlässt den Ägyptischen Sudan. An den niedrigen Ufern weiden Angehörige des Schiluk-Volks ihre Rinder. Nilpferde und Krokodile im Wasser, Kraniche und Nilgänse in der Luft – der uralte Strom führt den Forscher immer tiefer nach Afrika hinein. Schweinfurth unternimmt Exkursionen ans Ufer, sammelt Pflanzen, beobachtet, schreibt auf. Die Besatzung schleppt das Boot zum Teil an langen Seilen gegen die Strömung.
Am 24. Januar erreichen sie Faschoda. Die Graslandschaft der Savanne geht in sumpfiges Gelände über. Die Hitze wird feuchter, drückender. Schon bald können die Reisenden nicht mehr genau zwischen Land, Wasser und Sumpf unterscheiden. Unzählige Nebenflüsse des Nil bilden dort mit Schilfinseln ein Labyrinth. Und weiter geht es nach Süden. Sie sind jetzt im Becken des Bahr el Ghasal. Schweinfurth fragt sich, wo all das Wasser herkommt.
Am 22. Februar 1869 setzt die Expedition ihren Weg auf dem Land fort. Schweinfurth trifft die Königin der Dinka, die ihn nach der holländischen Entdeckerin Alexandrine Tinné fragt, die einzige Weiße, die sie jemals gesehen hat. In einem Stützpunkt des Kopten Ghatta schlägt er für die nächsten Monate sein Lager auf. Er erforscht die Umgebung, kriecht durchs Unterholz, dringt in jedes Dickicht ein und sammelt und sammelt. Die Eingeborenen nennen Georg Schweinfurth „Blattfresser“. 500 unbekannte oder seltene Gewächse näht er in Rinderhäute ein und schickt sie über Khartum und Kairo nach Europa.
Mitte November zieht er mit nubischen Elfenbeinhändlern los. Tief im Süden trifft Schweinfurth als erster Europäer auf das Volk der Niam-Niam, die Kannibalen sind. Ende März 1870 erreicht er das «Wunderland der Mangbattus», wie er das Reich von König Mbunza nennt. Hier mischen sich Pomp und Barbarei, eine hoch entwickelte Kunst – und ebenfalls Kannibalismus. Schweinfurth begegnet Pygmäen vom Stamm der Akka. Er porträtiert sie und nimmt ihre Maße. Zu seiner Zeit weiß man in Europa nicht, ob das kleinwüchsige Volk der Sagenwelt entstammt oder wirklich existiert. Nach acht Monaten kehrt er in Ghattas Lager zurück.
Am 1. Dezember kommt es dort zur Katastrophe. Ein Feuer zerstört das gesamte Dorf. Die trockenen Schilfhütten brennen nieder – darin Schweinfurths komplette Pflanzensammlung. Alle Aufzeichnungen, die Arbeit der vergangenen Jahre, sind mit einem Mal vernichtet. Es ist der «unglücklichste Tag meines Lebens», schreibt er später. Er hat kein Papier mehr, keine Medizin, keine Instrumente, nicht einmal eine Uhr. Jeder normale Mensch wäre verzweifelt umgekehrt. Nicht so Schweinfurth, er forscht weiter. Er möchte noch wissen, welche Flüsse das Bahrel-Ghasal-Becken speisen. Er zieht nach Westen und steht als erster Europäer am Ufer des Uelle. Schweinfurth entdeckt die Wasserscheide zwischen dem Weißen Nil und den oberen Kongo-Zuflüssen. Kein Geograph hätte gedacht, dass die beiden Flusssysteme so dicht beieinander liegen. Der Botaniker Schweinfurth zeichnet eine sehr genaue Karte der Region, auf der er bereits richtig vermutet, dass David Livingstones Lualaba nicht zum Nil führt. Anstelle des von John H. Speke entdeckten Victoriasees trägt er allerdings fünf kleine Seen ein.
Am 4. Juni 1871 macht Georg Schweinfurth sich auf die Heimreise. Er war mehr als drei Jahre unterwegs. Er hat den größten Rückschlag eingesteckt, den sich ein Forscher vorstellen kann. Dennoch hat er 4500 Pflanzen gesammelt, wertvolle ethnologische Beobachtungen und neue geographische Entdeckungen gemacht. In Deutschland ist er nun das, was er immer sein wollte – ein berühmter Wissenschaftler.
Lang hält Schweinfurth es in Europa nicht aus. 1873 kehrt er nach Nordafrika zurück. Er unternimmt Expeditionen in die Wüsten Nordafrikas, lebt zeitweilig in Kairo, wo er 1875 die Geographische Gesellschaft gründet. Von dort aus reist er mehrmals auf die Arabische Halbinsel.
Zurück in Deutschland forscht Georg Schweinfurth als Privatgelehrter weiter. Er stirbt im Jahr 1925 in Berlin.
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