Der Engländer George Vancouver erforscht Nordamerikas Pazifikküste von Kalifornien bis Alaska. Seine Crew rudert mehr als 15000 Kilometer durch enge Fjorde. Er zeichnet Karten in Hülle und Fülle – und hat dennoch nicht nur Freunde.
Es gibt gute Gründe, sich um eine Küste zu streiten. Diesmal sind es die Seeotter, die vor Nordamerika in Scharen durch den Pazifik schwimmen. Ihre prächtigen Pelze bringen viel Geld. Die Mannschaft des großen James Cook hat auf der letzten seiner drei Weltumsegelungen 1780 mit dieser Ware in Macao ein Riesengeschäft gemacht. Seither reißen sich drei Nationen in dieser noch kaum erforschten Gegend um die besten Handelsplätze. Die Engländer haben gerade ihre 13 Kolonien an die nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner verloren und sind auf der Suche nach neuen Erfolgen, um die erlittene Schmach zu verschmerzen. Die Russen drängen von Alaska her südwärts in die verlockenden Gewässer. Die Spanier erheben den Anspruch, hier als Erste gewesen zu sein; sie haben in Kalifornien das Sagen und dort erst vor kurzem die Kolonialstädte San Francisco und Los Angeles gegründet.
George Vancouver hat schon ein wenig von diesem Seeotterfieber mitbekommen. Er gehörte zu den Glücklichen, die ausgewählt wurden, Cook auf seinen Expeditionen zu begleiten. Von 1772 bis 1775 fuhr er mit ihm bis über den südlichen Polarkreis hinaus, von 1776 bis 1780 an die Küste von Nordamerika. Nun scheint es fast, als stagniere seine Karriere, die so schnell und steil begonnen hat. Jahrelang dümpelt Vancouver auf englischen Kriegsschiffen in der Karibik. Zwar war sein Vater 22 Jahre lang ein angesehener Zollinspektor in King’s Lynn am Fluss Great Ouse. Aber dessen Beziehungen nutzten dem Sohn offenbar nicht.
Da kommt George Vancouver das Schicksal zu Hilfe. Auf Nootka, einer kleinen Insel vor der nordamerikanischen Pazifikküste, geraten einmal wieder die alten Rivalen England und Spanien aneinander. Nach Cooks Landung an diesem Fleck errichtet die Britische Ostindien-Kompanie dort einen Handelsposten. Denn der Nootka Sound eignet sich hervorragend als Hafen. 1789 aber beschlagnahmt Estéban José Martínez das Gebäude samt Land für Spanien, nimmt die anwesenden Engländer gefangen und bringt sie auf seinem Schiff nach Mexiko-Stadt. Fünf Monate rangeln die beiden Parteien danach um eine Lösung des Konflikts. Am 29. Oktober 1790 unterzeichnen sie in Madrid einen Vertrag, der die Spanier auf Nootka zu Rückgabe, Reparatur und Schadenersatz verpflichtet und den Engländern freie Fahrt zu Amerikas Nordwestküste gewährt.
Nun will London wissen, ob die Spanier sich auch wirklich daran halten. Sie rüsten dafür eine kleine Flotte aus. Als Kommandant brauchen sie einen Mann, der sich nicht nur dort auskennt, sondern auch viel Erfahrung im Navigieren und Kartieren hat. Denn England will mit dieser Expedition gleichzeitig die ganze Küste erkunden – und ein für allemal klären, ob es quer durch Kanada eine Nordwestpassage gibt. Das ist die Stunde, in der sie einen wie George Vancouver brauchen. Am 1. April 1791 sticht er mit zwei Schiffen in See. Die „Discovery“, nach Cooks berühmten Segler benannt, hat 100 Mann, die „Chatham“ 45 Mann Besatzung.
Seine Reise nach Nordamerika führt um mehr als die halbe Welt. Fünf Wochen rasten sie am Kap der Guten Hoffnung, drei in Neuseeland, drei in Tahiti. Auf Hawaii sind die bösen Ereignisse vergessen, die in der Ermordung Cooks gipfelten. Vancouver beschließt, die Inselgruppe zum Überwintern zu nutzen. Denn in einer Sommersaison lässt sich das, was er vorhat, nie und nimmer machen.
Erst einmal tastet er sich in das Labyrinth von Fjorden und Inseln, die diese Pazifikküste zu einer der verwirrendsten der Welt machen. Ihm reicht kaum sein Vorrat an Namen, um all diese Winkel gebührend zu bezeichnen. Admiralty Inlet, Hood Canal, Puget Sound – jede Woche wird die Liste länger. Vancouver verewigt Expeditionsteilnehmer auf seinen Karten, dann seine Familie, dann seinen Heimatort. Seine Leute müssen in Ruderboote steigen, um in die vielen engen Fjorde einzudringen und die Küstenformen aufzunehmen.
Von Angesicht zu Angesicht lässt sich manches leichter regeln als in der hohen Politik. Die Engländer treffen zwei Spanier, Antonio Galiano und Cayetano Valdés, die mit ihren Schiffen ebenfalls Erkundungen anstellen. Statt aufeinander loszugehen, schließen sie Freundschaft und setzen die Expedition für ein paar Wochen gemeinsam fort. Sie finden heraus, dass es sich bei dem großen Stück Land, dem Nootka vorgelagert ist, ebenfalls um eine Insel handelt.
Die britisch-spanische Entspannung hält an. Auch mit dem Kommandeur auf Nootka, Juan Francisco de la Bodega y Quadra, lässt sich reden. Sechs Wochen lang plaudert und speist Vancouver mit ihm und schlägt ihm im Überschwang sogar vor, die große, gerade kartierte Insel nach ihnen beiden gemeinsam zu benennen. Die Verhandlungen kommen allerdings nicht voran. Der Spanier zögert, die beschlagnahmten Güter zurückzugeben. Er hat noch keine Instruktionen dafür. So vergehen die Zeit und dann auch die Lust, noch länger zu warten. Es wird Winter, und Vancouver segelt erst einmal nach Hawaii.
Im folgenden Sommer sucht Vancouver monatelang weiter im Norden nach der erhofften Passage zum Atlantik. Immer wieder ein Meeresarm, der tief ins Land reicht – immer wieder die Enttäuschung, als das Wasser plötzlich zu Ende ist. Auch der Fall Nootka ist noch keineswegs abgeschlossen – im Gegenteil, der neue spanische Gouverneur von Kalifornien, José Joaquín de Arrillaga, weigert sich, mit den Engländern zu kooperieren. Vancouver braucht ein weiteres Jahr. Er überwintert ein zweites Mal auf Hawaii. Wenigstens dort hat er aufrichtige Freunde. Kamehameha, der Häuptling von Hilo, zeigt sich von seiner liebenswürdigsten Seite. Er schwört, für immer ein treuer Untertan der Queen zu sein. Die Engländer bauen ihm dafür einen zwölf Meter langen Schoner. Archibald Menzies, der Botaniker, besteigt die Berge Hualalai und Mauna Loa.
Im Sommer 1794 klärt sich zumindest eine Frage. George Vancouver hat von Alaska aus die ganze Küste Richtung Süden erforscht. Nun kann er mit absoluter Sicherheit melden, dass es bis hoch zum 65. Breitengrad eine Nordwestpassage nicht gibt. Die Nootka-Affäre hingegen schleppt sich ewig dahin. Sein Freund Bodega y Quadra ist gestorben, dessen Nachfolger José Manuel de Alava hat wie immer keine Instruktionen. Aber auch zu Hause in London hat man den Fall offenbar schon wieder vergessen – das revolutionäre Frankreich, nicht Nootka, hält England in Atem. Das Murren in der Mannschaft wird lauter. Allmählich reicht es ihnen, sie wollen nach Hause. Zwei Randalierer hat Vancouver schon von Hawaii aus mit einem Versorgungsschiff zurückgeschickt. Nun muss er aufpassen, dass ihm nicht das Gleiche passiert wie Kapitän William Bligh , der vor fünf Jahren die berühmte Meuterei auf der „Bounty“ erlebte. Er macht sich auf die Heimreise.
Auf dem Weg um Kap Hoorn verlieren sich die Schiffe im Nebel. Beide Segler geraten an der Spitze Südamerikas in schwere Stürme, auf der „Chatham“ bricht Skorbut aus. Doch beide kommen im Herbst 1794 in England an – nach dreieinhalb Jahren fern der Heimat. Vancouver steht nun in einer Reihe mit den ersten Weltumfahrern. Mit seinen Leuten ist er 140000 Kilometer gesegelt, mehr als 15000 Kilometer gerudert. Er hat das strategisch wichtige Hawaii für die britische Krone gewonnen und Klarheit in Sachen Nordwestpassage – zumindest vom Pazifik aus – geschaffen. Trotzdem kann George Vancouver sich nicht recht im Glanz seiner Taten sonnen.
Während der Reise gab es Ärger mit dem Botaniker Menzies. Er war von Sir Joseph Banks, Direktor der Royal Society und Schlüsselfigur für die Entsendung von Expeditionen, in sein Team geboxt worden. Menzies weigerte sich, am Ende der Reise wie üblich seine Notizen abzuliefern; er wollte sie nur Banks übergeben. Vancouver will ihn deshalb vor ein Kriegsgericht zerren. Er lässt erst davon ab, als Menzies sich offiziell entschuldigt.
Bis 1797 muss Vancouver mit der Admiralität um die Auszahlung seines Lohns für die lange Reise kämpfen. Dann fordert ihn auch noch Thomas Pitt – einer der Rabauken, die er vorzeitig nach Hause schickte – aus Rache zum Duell. Als Vancouver ablehnt, lauert sein Feind ihm auf offener Straße auf. Die Prügelei, die sich dann abspielt, findet genüsslichen Niederschlag in einer Zeitungskarikatur. Darin ist der große Seefahrer auf einmal – ein Feigling.
George Vancouver stirbt bereits mit 41 Jahren, vermutlich an Nierenversagen. Vier Monate nach dem Tod erscheint sein Reisebericht. Der große Ruhm wird ihm erst posthum zu teil. Eine Stadt und eine Insel werden in Kanada nach ihm benannt.
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