Mit 63 Jahren geht ein Franziskanermönch auf eine zweieinhalbjährige Reise zu Pferd durch die Steppen im Innern von Asien. Giovanni Carpini soll den Herrscher der eroberungswütigen Mongolen für ein Bündnis mit dem Papst gewinnen.
Lähmendes Entsetzen liegt über dem Abendland. Ein Sturm aus dem Osten rast über Europa, wie es ihn seit der Hunnenzeit nicht mehr gegeben hat. 1236 sind ihm die Reiche Bulgur und Perm am Schwarzen Meer zum Opfer gefallen, 1240 Kiew, danach ganz Russland und Polen, Galizien, Mähren und Ungarn. 1241 werden die Heere der christlichen Fürsten auch bei Liegnitz von den Reiterhorden geschlagen. 1242 ziehen die Mongolen mordend und brandschatzend die Donau hoch, erste Spähtrupps werden gar schon bei Regensburg gesichtet. Und der Stauferkaiser Friedrich II. tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Er schickt seine Truppen nach Italien, kämpft weiter seine ewige Schlacht gegen die Päpste.
Da plötzlich tritt, mitten in diesem Sturm, eine unerwartete Stille ein. Die Mongolen, im Westen als „Tataren“ bezeichnet, halten inne. Ganz Europa rätselt über die Gründe. Gerüchte machen die Runde, Wunschdenken und Illusionen nähren die Hoffnung. Wollen die wilden Horden nun vielleicht gute Christen werden?
Papst Innozenz IV., 1243 gewählt, will die Gunst der Stunde nutzen. Erzbischof Peter, vor den Mongolen aus dem Osten Europas geflüchtet, hat ihm aus seiner größeren Nähe heraus Informationen über das gefürchtete Volk gegeben, die zunächst gar nicht zum weit verbreiteten Horrorbild passen. Das Reich der wilden Reiter, so der Kirchenmann, sei straff organisiert, habe ein hervorragendes Kurierwesen, und diplomatische Gesandte hätten ein freies, ehrenvolles Geleit. Innozenz IV. will dem Großkhan als mächtiger Mann Gottes entgegentreten. Gleichzeitig aber möchte er mehr über diesen Gegner erfahren, will ihn mit Wissen statt mit Mythen bekämpfen. Aber es treibt ihn auch die heimliche Hoffnung, mit den in Religionsfragen ziemlich toleranten Mongolen am Ende gar ein Bündnis gegen fanatische Muslime zu schmieden, vor denen sich das Abendland nicht minder fürchtet. So fasst er den kühnen Plan, eine Gesandtschaft in die Höhle des Löwen zu schicken.
Er wählt einen Franziskaner aus, der sich in dem Orden einen Namen gemacht hat. Giovanni del Pian del Carpini, um 1182 bei Perugia geboren, ist zwar schon in den Sechzigern, aber ein weit gereister Mann, der sich in der Fremde bewegen kann. 1221 zog Giovanni Carpini für die Franziskaner als Prediger durch das Rheinland. 1223 wurde er Kustos für Sachsen, 1228 Vorsteher der Provinz Teutonia in Köln, 1230 Provinzial in Spanien, 1232 Leiter der neu geschaffenen Provinz Saxonia. Carpini hat den Schülern des Franz von Assisi viele neue Gebiete erschlossen: in Böhmen und Ungarn, in Dakien, Lothringen und Norwegen. Giovanni Carpini ist der Mann, den Innozenz IV. braucht.
Carpini wird nach Lyon gerufen, wohin sich der Papst geflüchtet hat, seit die Truppen Friedrichs II. in Italien eingefallen sind. Am 16. April 1245, dem Ostersonntag, bricht er mit einem päpstlichen Schreiben, verfasst in lateinischer Sprache, nach Osten auf. In Breslau schließt sich Carpini der Pater Benedikt an, ein gebürtiger Pole, der als Dolmetscher dienen soll. In Krakau helfen Herzog Konrad und der russische Großfürst Wassilij, der gerade zu Besuch weilt, mit ihren Kontakten weiter. In Kiew besteigen die beiden Mönche erstmals die legendären mongolischen Pferde, wahre Ausgeburten an Zähigkeit. An Dnjepr, Don und Wolga entlang geht es nach Sarai, in die Hauptstadt des mongolischen Teilreichs der Goldenen Horde, wo der Herrscher Batu regiert. Dort treffen die Gesandten in der Karwoche 1246 ein.
In Sarai finden sich zwar Sprach- und Schriftkundige, die das päpstliche Dokument übersetzen können. Der Vorgang aber erscheint Batu eine Nummer zu groß. So lässt er den Mönchen mitteilen, sie müssten sich schon zum Großkhan selber begeben, und dazu sei allerhöchste Eile geboten.
Die Mongolen haben größtes Interesse, die Delegation noch bis zum Sommer ins Zentrum ihrer Macht zu bringen. Denn dort steht Anfang August eine pompöse Versammlung an, die den neuen Großkhan küren soll. Er und nur er ist der Mann, der ein Schreiben dieses Ranges beantworten kann. Carpini und Benedikt beginnen zu ahnen, weshalb der Mongolensturm in Europa abgeflaut ist: Der Herrscher Ögädäi ist 1241 gestorben, sein Nachfolger aber erst jetzt gefunden.
Am 17. Mai 1246 brechen sie mit ihren Führern auf. Carpini, nun schon 64 und etwas beleibt, wagt sich auf eine Reise, die auch für einen Jüngeren unglaublich strapaziös wäre. Er und sein Begleiter wüssten nicht, notiert der Franziskaner, ob sie «dem Leben oder dem Tod entgegengingen». Sie reiten bis zur Erschöpfung, manchmal die halbe Nacht hindurch, im Durchschnitt 60 Kilometer pro Tag. Sie ziehen über schier endlose Steppen, über sandigen Boden und Kieselsteine sowie ausgedorrtes Land, geplagt von Hunger und gepeitscht von Stürmen. Sie fühlen sich «so matt», schreibt der Mönch, «dass wir uns kaum im Sattel halten» können. Schon «in der ganzen 40-tägigen Fastenzeit hatte unsere Nahrung bloß aus Hirse, die mit Salz und Wasser gekocht war, bestanden», und «zu trinken hatten wir nichts als Schnee, den wir erst im Kessel schmelzen mussten».
Sie durchqueren Kumanien, die Länder der Kangiten, Biserminen und schwarzen Kitaier, schließlich der Naiman, das «außerordentlich gebirgig und kalt» ist und noch Ende Juni Schneefall erlebt. In 67 Tagen zu Pferd legen sie 4000 Kilometer zurück. Kein Europäer des Mittelalters ist vor ihnen so tief nach Asien vorgedrungen. Am 22. Juli, noch rechtzeitig zur Wahl, treffen sie in Sira-Ordu ein, dem Heerlager des neuen Herrschers Güyük, eine halbe Tagesreise von seiner Hauptstadt Karakorum entfernt.
Sie lernen, das ist die Absicht ihrer Gastgeber, die ganze Pracht des Hofes kennen. In der Umgebung des Lagers sehen sie ein Zelt aus rotem Purpurstoff und eines auf Säulen, die «mit goldenen Platten bekleidet und durch goldene Nägel mit dem übrigen Holzwerk fest zusammengefügt» sind, wie Carpini notiert. Rund 4000 Repräsentanten von unterworfenen Völkern, so wird ihm gesagt, sind aus dem ganzen Mongolenreich angereist, um dem neuen Großkhan zu huldigen. Rund ein Dutzend Sultane sind gekommen, aus Bagdad ein Gesandter des Kalifen, aus Georgien zwei Söhne des dortigen Königs, aus Russland Großfürst Jaroslaw von Susdal. Güyük nimmt das päpstliche Schreiben zwar umgehend entgegen, lässt die Gesandten dann aber warten, bis er den Thron bestiegen hat.
Die Mission der Mönche ist sicher ein Meisterstück der Diplomatie – nicht aber das, was der Papst zu Papier bringen ließ. Der «Knecht der Knechte Gottes», wie er sich bezeichnet, zeigt sich «aufs Höchste darüber erstaunt, dass ihr, wie wir hörten, viele Länder sowohl der Christen wie auch anderer Völker überfallen und schrecklich verwüstet habt». Noch immer, so fährt er fort, «streckt ihr eure mordgierigen Hände nach den weiter entfernt liegenden Ländern aus, und ohne auf das natürliche Band der Verwandtschaft zu achten, das alle Menschen umschlingt...»
«Daher bitten, flehen und ermahnen wir euch inbrünstig», schreibt Innozenz IV., «ihr möget von derartigen Einfällen und vor allem von der Verfolgung der Christen ganz und gar absehen, und ihr möget Gottes schweren Zorn, den ihr durch sie ohne Zweifel auf euch geladen habt... durch die Leistung einer entsprechenden Buße sühnen. Darum dürft ihr euch nicht anmaßen, noch weiter zu toben und zu rasen.»
Die Antwort des neuen Mongolenherrschers ist so hochmütig, drohend und schroff wie die Moralpredigt des Papstes. «Woher wisst ihr denn, wer in Gottes Augen würdig ist, seine Gnade zu empfangen? Wir beten Gott an, und in seiner Kraft werden wir die ganze Erde vom Osten bis zum Westen verwüsten.» Die Geschenke, die Carpini und Benedikt mitgebracht haben, sieht er als nichts anderes denn als Geste der Unterwerfung an. Doch damit ist er noch keineswegs zufrieden. «Drum müsst ihr in eigener Person an der Spitze der Könige ohne Ausnahme kommen und uns eure Dienstleistung und Huldigung anbieten... Wenn ihr diesen Befehl Gottes nicht beachtet und unseren Befehlen ungehorsam seid, werden wir euch alle als unsere Feinde ansehen.»
Carpinis diplomatische Mission ist damit gescheitert. Am 13. November 1246 bricht Carpini mit dem barschen Brief zur Rückreise auf. Wieder geht es durch Steppen, wieder durch Stürme, noch dazu im Winter. «Häufig fanden wir uns am Morgen, wenn wir aufwachten, ganz mit Schnee bedeckt, den der Wind auf uns geweht hatte.» Zehn Monate später, im Juni 1247, ist Carpini wieder in Kiew. Im November trifft er in Lyon ein – nach zweieinhalb Jahren Abwesenheit.
Europa wird noch eine Zeit lang vor den Mongolen zittern. Doch zum ersten Mal gibt es nun im Westen detaillierte Informationen über ihre Kultur, über die von ihnen beherrschten Völker, über die Struktur ihres Reichs. Die „Historia Mongalorum“, die Carpini verfasste, ist ein lebendiger und dennoch sachlicher, großenteils vorurteilsfreier Bericht. Er wird an den Höfen im Westen zu einem Standardwerk.
Der Papst belohnt Giovanni Carpini für seine Dienste, trotz der wenig tröstlichen Antwort, die er aus dem Osten mitbringt. Zuerst schickt er ihn als Legaten an den Hof des französischen Königs Ludwig IX., dann macht er ihn zum Erzbischof von Antivari in Dalmatien. Für diese Aufgaben bleiben Carpini aber nur noch vier Jahre. 1252 stirbt er in Italien. Zwei große Chronisten, Wilhelm von Rubruck und Marco Polo , werden bald auf seinen Spuren im Mongolenreich wandeln.
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