Henry Hudson

Viermal scheitert der Versuch von Henry Hudson, eine Passage von Europa nach Asien durch die Arktis zu finden. Bei der letzten Expedition meutert die von Hunger und Kälte zermürbte Mannschaft – und setzt den Kapitän auf dem Wasser aus.

Die Sonne ist unser Verbündeter. Sechs Monate geht sie am Pol nicht unter. In dieser Zeit muss ihre Kraft groß genug sein, die Eismassen im Meer aufzutauen. Es lohnt sich also, nach Norden vorzustoßen. Je näher der Pol, umso weniger Eis. Henry Hudson hängt diesem Glauben an wie viele andere Menschen seiner Zeit. Er gibt ihm die Zuversicht, sich in die weiße, zugefrorene Wüste zu wagen. Irgendwo weiter nördlich werden die riesigen Schollen weggeschmolzen sein. Werden sich Wege zum Pol auftun. Und dort liegt dann freies, offenes Meer.

Englische Kaufleute, die Handel mit Indien treiben, haben großes Interesse an dieser Route hinter dem Eis. Denn Ende des 16. Jahrhunderts sind ihnen die Handelswege auf der südlichen Erdhalbkugel durch Spanien und Portugal versperrt. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auf der Nordhalbkugel eine Lücke zu suchen.
Dreimal schon ist Martin Frobisher in ihrem Auftrag losgesegelt. Zwischen 1576 und 1578 drang er weit in die nordamerikanische Arktis vor. Dreimal hat es John Davis versucht. Von 1585 bis 1587 kämpfte er sich von Labrador aus bis zur Westküste Grönlands hoch. Aber keiner von beiden hat den entscheidenden Durchbruch geschafft.

Nun setzt die Muscovy Company, ein Zusammenschluss englischer Handelsfirmen, ihre Hoffnung auf Henry Hudson. Der Nachwelt ist nichts von dessen Vorleben bekannt. Die Firma aber vertraut offenbar auf seinen guten Ruf als Seemann und seine langjährige Erfahrung. Hudson geht schließlich schon auf die 60 zu.

Seine erste Expedition führt Henry Hudson 1607 über die Shetland-Inseln westlich an Island vorbei und an der Ostküste Grönlands entlang in Richtung Spitzbergen. Er sieht dort zwar viele Wale, was das Londoner Unternehmen bald darauf zu Fangfahrten veranlassen wird. Doch das Packeis versperrt ihm den Weg, wo immer er es versucht. Resigniert kehrt er um. Auf dem Rückweg sieht er eine Felseninsel, die später – nach einem holländischen Schiffer – Jan Mayen genannt wird. Die Entdeckung tröstet nur wenig über die erste Niederlage hinweg.

Ein Jahr später bekommt Henry Hudson seine zweite Chance. Nun soll er den Weg nach Asien weiter östlich suchen, an der russischen Küste entlang. Einige Forscher hegen die Hoffnung, der große sibirische Ob, der in die Karasee mündet, könnte stromaufwärts bis nach China führen. Und Gerüchte machen die Runde, östlich der Ob-Mündung sei das Wasser wärmer. Ist das vielleicht der berühmte Weg ohne Eis?

Hudson fährt die Küste Norwegens bis zum Nordkap hoch, wendet sich nach Nordosten, will um die lang gestreckte Insel Nowaja Semlja herum in die Karasee einfahren. Aber wieder sind die Eismassen stärker. Hudson erlebt seine zweite Niederlage. Und die Muscovy Company lässt ihn wissen, für ein weiteres Unternehmen habe sie leider kein Geld mehr.

Dennoch erhält er eine dritte Chance. Konkurrenz belebt das Geschäft, das gilt auch für die Ära der Entdecker. Ein kleines Land, gerade unabhängig geworden, will sich einen Platz unter den Großen erobern. Die niederländischen Provinzen haben sich 1581 unter Führung von Wilhelm von Oranien aus der Herrschaft der Spanier befreit und 1609 von König Philipp III. die formelle Anerkennung ihrer neuen Republik erhalten. Mehr als ein Dutzend holländischer Handelsfirmen streben nun in die Welt hinaus. Sie haben sich zur Vereinigten Ostindien-Kompanie zusammengeschlossen, um sich vor allem gegen die Engländer besser behaupten zu können: auf den Molukken in Sachen Gewürze, in der Nordsee in Sachen Hering, im Polarmeer in Sachen Wale. Die Kompanie hat sogar die Vollmacht, Kriege zu führen und Frieden zu schließen. Ihre Flotte ist zu dieser Zeit viel mächtiger als die der Muscovy Company: 40 große und noch viel mehr kleine Schiffe, 5000 Seeleute, 600 Kanonen. Nur eines fehlt auch den Holländern: die nördliche Passage zu Asiens Schätzen.

Henry Hudson ist nicht der erste Seefahrer, der den Patriotismus überwindet, um seine Ziele zu erreichen. Christoph Kolumbus , der Genueser, ist für die Spanier losgefahren, Giovanni Caboto , der Venezianer, für die Engländer, Giovanni da Verrazano , der Florentiner, für die Franzosen. Nun sticht Henry Hudson für die Holländer in See.
Noch einmal soll er das eisfreie Meer am Nordpol suchen. Die Holländer sind von der Furcht getrieben, ein anderer könne es vor ihnen finden. Doch schon hinter dem Nordkap, als das Eis dicht wird, meutert die Mannschaft. Hudson gibt nach und bietet – Vertrag hin, Vertrag her – eine völlig neue Option an. Ein alter Freund, Kapitän John Smith, hat ihm kürzlich einen Brief mit einer Karte geschickt, auf der eine mögliche Asienroute angedeutet war: mitten durch Nordamerika.

Hudson steuert nach Neufundland. Dann segelt er nicht nach Norden, sondern – zur Erleichterung der Crew – in die entgegengesetzte Richtung. Er sucht eine Durchfahrt in der Chesapeake Bay – nichts. Er sucht sie in der Delaware Bay – nichts. Schließlich fährt er, am 11. September 1609, in eine dritte Bucht ein. Es ist die Stelle, wo später einmal die Wolkenkratzer von New York in die Höhe wachsen werden. Hudson segelt an einer Halbinsel vorbei und einen Fluss hoch, der einmal seinen Namen tragen wird. Friedliche Anrainer, Manhattes genannt, bieten Vögel und Früchte, Fuchs- und Marderfelle zum Tausch an. Kriegerische Anrainer töten vier seiner Leute. Das Land ist fruchtbar und schön, doch die Passage findet Hudson nicht. So scheitert auch seine dritte Expedition.

Immerhin aber hat Henry Hudson so viele Neuigkeiten mitgebracht, dass er eine vierte Gelegenheit erhält. Nun sind es wieder Londoner Kaufleute, die ihm ein Schiff ausrüsten. Am 17. April 1610 geht Hudson mit der „Discovery“ auf seine letzte Reise. Er fährt um die Südspitze Grönlands herum nach Westen und auf eine Öffnung zu, die sein Vorgänger Davis den „wütenden Sturz“ genannt hat. Auch diese Meerenge wird später Hudsons Namen tragen. Als er sie durchfahren hat, weitet sich das Meer schier ohne Grenzen. Endlich, so glaubt er, ist er am Ziel seiner Träume. Er sieht sich schon auf die Küste von Kalifornien zufahren, die sein ruhmvoller Landsmann Francis Drake vor gut 30 Jahren berührt und „Nova Albion“ getauft hat. Henry Hudson weiß nicht, dass er sich nur in einer weiteren, allerdings riesigen Bucht befindet. Auch sie wird einmal nach ihm benannt werden – eine kalte, schier endlose, lebensfeindliche Gedenkstätte in der Arktis.

Je länger Henry Hudson die Ostküste der Hudsonbai entlangsegelt, umso mürrischer werden seine Leute. Nichts von „Nova Albion“, nichts von einer Durchfahrt, stattdessen wieder nur Kälte und Eis. Sie frieren mit ihrem Schiff ein, müssen auf ihm überwintern. Hudsons Autorität schwindet dahin wie der Glaube an den Erfolg der Fahrt. Die Ersten werden krank, die Vorräte knapp. Gerüchte laufen um, der Kapitän horte heimlich Lebensmittel. Im Juni 1611, als das Eis die „Discovery“ wieder freigibt, bricht der Aufstand los. Die Hälfte der Mannschaft macht mit.

Sie beschließen, alle Kranken samt Kapitän und dessen Sohn in einer Schaluppe auszusetzen. Für den Rest der Truppe, kalkulieren sie kühl, wird dann der Proviant bis nach Hause reichen. Sie überwältigen Hudson, lassen das Boot herunter, zwingen ihn, seinen Sohn und sieben weitere Männer hinein. Sie ziehen die Schaluppe noch eine Zeit lang hinter sich her. Dann schneiden sie das Schlepptau durch. Hudson und die anderen entschwinden ihren Blicken. Sechs Meuterer schaffen den Weg zurück nach England. Vor Gericht werden sie alle freigesprochen.

Henry Hudson ist viermal gescheitert. Doch er hat – sozusagen ex negativo – die Karten an vielen Stellen um neue Konturen bereichert, wo es vorher nur verschwommene Linien gab. Dreimal ist er in der Geographie mit seinem Namen verewigt: Hudson River, Hudsonstraße, Hudsonbai. So gehört er zu den tragischen Figuren der Entdeckungsgeschichte – zu den Größten unter den Verlierern.

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