Hermann von Wissmann

„Deutschlands größter Afrikaner“ durchquert zweimal den ganzen Kontinent von Westen nach Osten. Für den belgischen König erforscht Hermann von Wissmann das Stromland des Kongo. Später wird er Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.

Wie stets, seit dem Jahre 1880, so bin ich auch jetzt nur in Deutschland anwesend, um mich so schnell als möglich von den Strapazen meiner afrikanischen Arbeit zu erholen und neue Kräfte zu sammeln für weitere Aufgaben im dunklen Kontinent.» So schreibt Hermann von Wissmann im Vorwort seines Buchs über seine zweite Afrikadurchquerung. Dabei hat sein Leben ganz bürgerlich begonnen.

Hermann von Wissmann wird in Frankfurt/Oder geboren. Den Sohn eines Regierungsrats zieht es schon früh zur Armee. 1874 wird er Offizier. In Rostock lernt er den Afrikaforscher Paul Pogge kennen und ist fasziniert von dessen Erzählungen. Sein Entschluss steht fest: Er muss nach Afrika.

An der Seemannsschule erwirbt Wissmann nautische und meteorologische Kenntnisse. Nach Dienstschluss eignet er sich geographische und botanische Kenntnisse an. In Werkstätten lässt er sich handwerkliche Fähigkeiten beibringen. Er wird sie gut gebrauchen können. Die Deutsche Afrika-Gesellschaft beauftragt Paul Pogge mit einer Expedition ins Innere des Kontinents. Noch immer sind riesige Gebiete südlich des Äquators nicht erforscht – und gehören keiner europäischen Kolonialmacht. Der Kongo beschreibt in seinem Lauf einen Bogen nach Norden. Das Land im Süden davon soll nun bereist werden. Pogge wünscht sich Wissmann als Begleiter. Er soll den Weg geodätisch aufnehmen und das durchquerte Gebiet kartographieren. Für diese Aufgabe wird er für zwei Jahre vom Militär freigestellt. Viel Geld steht nicht zur Verfügung: gerade mal 20000 Mark. Die erste Expedition von Henry M. Stanley zum Tanganjikasee hat zehnmal so viel gekostet. Die Männer werden Sümpfe durchwaten, Ströme überqueren, an Fieber erkranken. Um Geld zu sparen, verzichten sie auf alles, was eine Reise in den Tropen erleichtert: Reisebetten, Zelte, Moskitonetze.

Sie starten 1880 in Luanda, an Angolas Atlantikküste. In Malange heuern sie 88 Träger an und besorgen sich Reitstiere – in dem Klima das geeignetste Fortbewegungsmittel. Hinter Sanza, dem letzten portugiesischen Vorposten, liegt das unbekannte Afrika. Sie gelangen ins Stromgebiet des Kongo, sehen tief eingeschnittene Flüsse, deren Zusammenhang noch niemand kennt.

Sie stoßen auf den Kasai. 300 Meter breit fließt er dahin, obwohl noch weit von der Mündung entfernt. Abends bauen sich die beiden Forscher Hütten aus Zweigen. Pogge leidet an einer Kieferentzündung, die ihn sehr schwächt. Wissmann führt den Trupp an, bahnt seinem Partner den Weg. Einmal zieht ihm ein Häuptling mit 1000 Mann in vollem Kriegsschmuck entgegen. Die eingeborenen Teilnehmer der Expedition wollen zu den Waffen greifen. Doch Wissmann bewahrt die Ruhe. Das Stammesoberhaupt will ihn nur begrüßen. Es zeigt sich eine hervorstechende Eigenschaft des jungen Deutschen, die ihm auch auf künftigen Afrikareisen sehr nützlich sein soll: Er hat eine große Gabe, sich in die Einheimischen hineinzuversetzen, egal ob Träger oder Häuptling. Geduldig führt er Verhandlungen. Waffen gebraucht er nur im äußersten Notfall.

Hermann von Wissmann entdeckt den Sankuru, quert den Lomami. Sümpfe und dornige Vegetation behindern das Vorankommen. Am 15. April 1882 erreichen sie Njangwe (Maniema) am Lualaba, von dem man seit Stanley weiß, dass sein Unterlauf der Kongo ist. Pogge kehrt von hier aus zurück zur Westküste, Wissmann zieht weiter nach Osten. Er folgt den Karawanenrouten der arabischen Sklaven- und Elfenbeinhändler bis zum Tanganjikasee. Dort führt er wissenschaftliche Arbeiten durch. Er erkennt als Erster, dass der See die meteorologische Grenze zwischen West- und Ostafrika bildet, dass sich daher die Tierwelt an beiden Seiten unterscheidet. Am 14. November 1882 erreicht Wissmann bei Sadani die ostafrikanische Küste. «Abgerissen, fast zerlumpt, mit langen Haaren, so bin ich in Sansibar eingezogen», erzählt Wissmann später. Er hat Zentralafrika von Westen nach Osten durchquert. In der Heimat ist man stolz auf seine Heldentat. Doch für eine zweite Expedition kann er in Deutschland kein Geld auftreiben.

Aber Belgiens König Leopold II. ist an dem Afrikaerprobten Leutnant interessiert. Der deutsche Kronprinz gibt seine Zustimmung. 1883 bricht Wissmann an den Kongo auf. Er soll klären, wie dessen Zuflüsse zusammenhängen. Und er soll den Verlauf des Kasai erkunden. Alle ethnographischen Funde seiner Expedition darf er den Königlichen Museen in Berlin vermachen. Diesmal leitet Wissmann die Reise von Anfang an. Es ist eine reiche Expedition: 500 Gewehre, ein Stahlboot und beliebig viele Träger. Doch es ist wie immer schwierig, sie zusammenzustellen. Sie sollen zuverlässig sein, nicht bei den ersten Schwierigkeiten fliehen.

Hermann von Wissmann gelangt zum Kasai und dessen Nebenfluss Lulua, wo er die Station Luluaburg (Kananga) gründet. Er bewegt sich im Gebiet des Volks der Baschilangen, die er später genau beschreibt. Er lässt Kanus bauen, am 28. Mai 1885 besteigen sie am Luala die Boote. Eine Woche später erreichen sie den geheimnisvollen Kasai. Wie so mancher Forscher vor ihm, weiß auch Wissmann nicht, wohin der Strom fließt. Schon der erste Tag wird eine Katastrophe. Ein Boot kentert in den Stromschnellen. Mehrere Männer ertrinken, darunter der Dolmetscher und ein Häuptling. Es kostet Wissmann Mühe, die Eingeborenen zum Weiterfahren zu bewegen. Die Strömung beträgt 50 Meter in der Minute. Der Fluss ist ein Labyrinth aus Sandbänken und Inseln.

Sie erreichen das Gebiet der Bassongo-Mino. Eingeborene haben sie vor dem Volk gewarnt. Es soll alle Fremden töten und verspeisen. Mitglieder des Stamms verfolgen die Expedition mit Booten, schießen Pfeile vom Fluss und vom Ufer aus und können nur durch gezielte Schüsse abgewehrt werden. Im Juli 1885 kommt Wissmann an eine große Wasserfläche, in die der Kasai mündet. Es ist der Kongo. Wissmann, mittlerweile schwer asthmakrank, schreibt in seinem offiziellen Bericht an den belgischen König: «Der Kasai ist eine Straße, in reicheres Gebiet führend als die des Kongo oder Lualaba... eine Straße, die auf sechs bis zehn Jahre das Elfenbein des größten Teiles des südlichen Kongobeckens liefern muss, deren Gummireichtum großartig ist.»

Im Frühjahr 1886 tritt Wissmann seine dritte Afrikareise an. Er fährt zunächst den Kongo, dann den Kasai hinauf und möchte den Lomami erreichen. Doch ganze Landstriche sind entvölkert, Dörfer zerstört, unzählige Menschen verschleppt und umgebracht – das Werk arabischer Sklavenhändler. Der berüchtigste von ihnen heißt Tibbu Tibb. «Unheimliche Stille» macht Wissmann in einem einst befreundeten, nun verlassenen Dorf aus. «Mich überkam heiß das Gefühl des Zornes, der innersten Empörung gegen die mörderische Brut habsüchtiger Sklavenhändler.»

Die Feindseligkeit der verbliebenen Völker ist so groß, dass die Expedition keine Vorräte eintauschen kann. Geschwächt von Krankheit und Hunger müssen Wissmann und seine Männer umkehren. Sie ziehen nach Njangwe. Doch hier benehmen sich die Araber feindselig. Sie fürchten, dass das Vordringen der Europäer ihren Menschenhandel behindern wird. Wissmann muss weit nach Süden ziehen, um ihre Routen zu umgehen. Schließlich erreicht er über den Njassasee den Sambesi. Im August 1887 kommt er am Indischen Ozean an. Er hat Afrika ein zweites Mal durchquert.

Ein Jahr später kehrt Wissmann nach Afrika zurück – diesmal nicht als Entdecker. Inzwischen ist auch Deutschland zur Kolonialmacht geworden. Carl Peters hat 1884 die Gesellschaft für deutsche Kolonisation gegründet. Wissmann führt gegenüber von Sansibar eine Expedition ins ostafrikanische Festland. Er überredet einige Häuptlinge, ihm ihr Land abzutreten. Ein Jahr später stellt Kaiser Wilhelm I. dem neu erworbenen Gebiet einen Schutzbrief aus. Es kommt zur Auseinandersetzung mit dem Regenten von Sansibar, Sultan Said Bargasch. Doch als im August 1885 deutsche Kanonenboote vor der Insel auftauchen, erkennt er die deutschen Ansprüche an. 1889 flammt in der Kolonie ein Aufstand der Araber auf. Ihr Anführer Buschiri fordert die Unabhängigkeit. Reichskanzler Bismarck beauftragt den Mann, der zweimal Afrika durchquert hat, die Revolte niederzuschlagen – was diesem auch gelingt. Die „Wissmann-Truppe“ ist die Keimzelle der späteren Kolonialarmee.

Von 1895 bis 1896 ist Hermann von Wissmann Gouverneur von Deutsch-Ostafrika. Dann zieht er sich auf sein Gut in der österreichischen Steiermark zurück. Er kommt bei einem Jagdunfall ums Leben.

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