Hsüan Tsang

Der chinesische Mönch Hsüan Tsang pilgert 16 Jahre durch Zentralasien und Indien, um die Quellen des Buddhismus zu studieren. Er wird zum Liebling von Königen, führt Streitgespräche mit Gelehrten – und bekehrt sogar Räuber zum Guten.

Erst elf Jahre alt ist der Junge, doch Hsüan Tsang spricht schon wie ein Weiser. «Mein einziger Gedanke ist es», so sagt er, «das Licht der Religion des Buddha zu verbreiten.» Der Emissär des chinesischen Kaisers, der die wartenden Bewerber an der Pforte des Klosters „Reines Land“ in Luoyang sortiert, ist nicht wenig erstaunt. 14 Novizen soll er für das Kloster auswählen, damit sie dort mit staatlicher Förderung zur buddhistischen Elite ausgebildet werden. Der Beamte glaubt zu spüren, welche Kräfte in diesem äußerlich so bescheidenen Jungen stecken, und holt ihn in den Kreis der Privilegierten. «Die Lehren nachzubeten ist leicht», meint er gegenüber Kollegen, «doch wahre Selbstbeherrschung und innere Stärke sind nur selten anzutreffen.»

Fünf Jahre lang lebt der junge Hsüan Tsang in diesem Kloster, wo sein älterer Bruder sich schon seit Jahren in die alten Schriften vertieft. Dann muss er vor dem Bürgerkrieg flüchten, der 618, nach dem Ende der Sui-Dynastie, ausbricht. Acht Jahre später zieht er um nach Chang’an, das die Herrscher der beginnenden T’ang-Dynastie zur neuen Hauptstadt ausgerufen haben. Sein Drang, zur wahren Erkenntnis vorzustoßen, wird immer stärker.

Im China des 7. Jahrhunderts beginnt der Konfuzianismus an Einfluss zu verlieren. Immer stärker breitet sich der Buddhismus aus. Allerdings fällt dem jungen Mönch auf, wie sehr sich die Lehren der verschiedenen buddhistischen Richtungen unterscheiden. Einige Theorien, findet Hsüan Tsang, stehen sogar im Widerspruch zu den heiligen Schriften. Liegt das an den unkritischen Äbten, die blind ihrer eigenen Schule folgen? Oder sind in den chinesischen Übersetzungen so viele Fehler enthalten, dass das Durcheinander unvermeidlich ist? Können alle Menschen zur wahren Erkenntnis gelangen oder doch nur ein Teil von ihnen? Immer stärker ringt der junge Mönch mit seinen Zweifeln. Dann beschließt er, sie eigenhändig auszuräumen. Hsüan Tsang will nach Indien, in das Ursprungsland des Buddhismus, und dort alle wichtigen Schriften im Original studieren. Sanskrit und andere wichtige Sprachen der Region hat er bereits gelernt. Nun braucht er nur noch die Genehmigung des Kaisers.

Seine Bitte an den Herrscher T’ai Tsung bleibt ohne Antwort. Noch schlimmer: Der Kaiser erlässt ein Dekret, das es allen Laien und Mönchen untersagt, das Land zu verlassen – es sei denn in offizieller Mission. Der junge Hsüan Tsang hat aber schon so viel innere Stärke, dass ihn ein solches Verbot nicht schreckt. In einem Traum, so erzählt er später, sieht er sich den Berg Sumeru ersteigen, den Mittelpunkt des Universums. Zwar rutscht er anfangs an den Flanken herunter, doch plötzlich trägt ihn ein mächtiger Wind bis auf den Gipfel. Zu seinen Füßen sieht er all die Länder, die er zu besuchen hofft. Als Hsüan Tsang aufwacht, weiß er, was er zu tun hat.

Hsüan Tsang macht sich ein anderes Dekret des Kaisers zunutze. Wenn früher Frost die Ernten schädigt, so lautet es, sollen sich die Untertanen möglichst in Gegenden begeben, die vom Wetter nicht so stark heimgesucht wurden. Hsüan Tsang reist mit ein paar Gefährten nach Westen, kommt durch Grasland und Steppen bis zur Wüste Taklamakan und stiehlt sich mit einem Pferd im Dunkel der Nacht heimlich aus dem Reich.
Es ist der Beginn einer Reise, wie sie um diese Zeit wohl noch niemand unternommen hat. Sie wird 16 Jahre dauern und mehr als 16000 Kilometer lang sein. Was Hsüan Tsang auf diesem Marsch notiert und was sein Biograf Huilin darüber zu Papier bringt, ist der eindrucksvollste Reisebericht, der vor dem Werk des Marco Polo im Mittelalter entsteht.

Hsüan Tsang umgeht die tibetischen Weiten und den Himalaja in einem weiten Bogen nach Westen. Über das Tienschan-Gebirge gelangt er bis nach Samarkand. Von dort schwenkt er nach Süden und zieht durch Afghanistan. Er steht gebannt vor den kolossalen Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan, kämpft sich in einem Schneesturm durch das Paghman-Gebirge, erreicht über Dschalalabad und Peschawar das Land seiner Träume: Indien, die Wiege des Buddhismus, zu seiner Zeit aufgeteilt in rund 70 Königreiche.

Die Herrscher, an deren Hof Hsüan Tsang kommt, sind alle beeindruckt von dem fast 1,80 Meter großen Chinesen. Helle Augen und heller Teint, ein Gesicht mit edlen Zügen, weites Gewand und breiter Gürtel – er sieht gut aus und hat eine enorme Bildung. Immer wieder bekommt er Angebote, seine Reise aufzugeben und ein wichtiges Amt bei Hofe zu bekleiden. Doch Hsüan Tsang geht unbeirrt seinen Weg.

Der König von Kaschmir stellt ihm einen Elefanten zur Verfügung. Auf ihm zieht der Mönch im Jahr 631 in die Hauptstadt Srinagar ein. Er ist begeistert vom hohen Niveau des geistigen Lebens, das dort
herrscht. 100 Klöster und 5000 Mönche gibt es in diesem Reich, notiert er in seinen Aufzeichnungen. Er bleibt zwei Jahre, um sich durch Studien auf die Höhepunkte seiner Reise vorzubereiten.

Es ist, als gebe ihm seine Mission übernatürliche Kräfte. Auf dem Weg in die Ebene des Ganges wird seine Karawane von Räubern überfallen und in einen Sumpf getrieben, wo die Opfer niedergemacht werden sollen. Doch mit Hilfe eines anderen Mönchs kann der Chinese in ein Dorf fliehen und dort in letzter Minute die Rettung der anderen organisieren. «Mit ihm ist es so wie mit dem wirbelndem Wasser eines Flusses», schreibt sein Biograf Hui Li. «Das klare Wasser darunter kann es nicht trüben.»

Drei Jahre später nehmen ihn auf dem Ganges Piraten gefangen, um ihn ihrem Gott Durga als Menschen- und Blutopfer darzubringen. Da kommt, wie Hui Li berichtet, ein schwerer Taifun auf. «Wer ist dieser Mann?», fragen die Räuber voller Schrecken. Als sie erfahren, wen sie da in den Händen haben, bitten sie um Vergebung – und geloben, von nun an als buddhistische Laienbrüder ein neues Leben zu führen.

Nach acht Jahren Wanderschaft nähert sich Hsüan Tsang den heiligen Stätten des Buddhismus. Er besucht Lumbini, Buddhas Geburtsort, dann Kusinagara, Buddhas Sterbeort, und Bodh Gaya, wo Buddha unter dem heiligen Baum die große Erleuchtung erlangte. Im Kloster Nalanda, dem geistigen Zentrum des Buddhismus, begrüßen ihn Tausende. 22 Monate lang betreibt er dort Studien und hält selber Vorlesungen. Von dem greisen Abt Silabhadra erhält er die „reine Überlieferung“ der alten Schriften, so wie sie seit Jahrhunderten vom Meister an den Schüler weitergegeben wird. Und der Chinese verfasst selber drei Traktate: „Über die Übereinstimmung der Prinzipien“, „Die Zerstörung des Irrglaubens“ und die „Abhandlung über die Harmonie des Unterrichtens“, ein 3000 Strophen langes Werk. Nun drängen ihn auch die Mönche, bei ihnen zu bleiben, China sei doch nur ein unwirtliches Grenzland. Aber Hsüan Tsang will seine Mission erfüllen.

Er zieht weit nach Südindien, dann wieder in den Norden. In Kanauj am Ganges beruft König Harscha Ende 642 ein Religionsgespräch ein, an dem 5000 Gelehrte teilnehmen. 18 Tage lang liefern sich Buddhisten und Anhänger anderer indischer Religionen erbitterte Debatten, dann erklärt der Herrscher wie ein Schiedsrichter Hsüan Tsang zum Sieger.

Mit einem Berg an Schriftrollen und Statuen, Reliquien und Blumensaaten tritt der Mönch die Rückreise an. Bei der Überquerung des Indus kentert ein schwer bepacktes Boot, 50 kostbare Manuskripte und das ganze Saatgut gehen in den reißenden Fluten verloren. Hsüan Tsang lässt frische Kopien anfertigen, dann zieht er mit seinen Schätzen zurück in die Heimat.

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht von seiner bevorstehenden Ankunft in der Hauptstadt Chang’an. Anfang April 645 säumen eine Million Menschen seinen Weg, das hat es in China noch nie gegeben. In einer feierlichen Prozession tragen Mönche die von dem Indien-Pilger mitgebrachten Bücher und Kunstwerke aus Gold, Silber und Sandelholz von der Straße des Roten Vogels zum Kloster „Große Glückseligkeit“. Kaiser T’ai Tsung hat dem nun berühmtesten Sohn des Landes die illegale Flucht längst verziehen. Er will Hsüan Tsang zu seinem außenpolitischen Berater machen. Doch auch dieses Angebot lehnt der Mönch ab. Sein Auftrag ist ein anderer.

Ein Jahr lang schreibt er an seinem „Bericht über die westlichen Gegenden“. Dann macht er sich an die Übersetzung des immensen Materials. In den knapp 20 Jahren, die ihm bleiben, stellt er mit einer Gruppe von Gelehrten 73 Werke fertig, das sind mehr als 1000 Schriftrollen. Als Kaiser T’ai Tsung stirbt, sagt er zu Hsüan Tsang, der an seinem Sterbebett steht: «Es ist ein Jammer, dass ich Euch so spät begegnet bin. »

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