Jacques Cartier

Jacques Cartier sucht als erster Franzose eine Passage durch Nordamerika. Zwar findet er weder die Durchfahrt noch die erhofften Schätze, doch dafür den St.-Lorenz-Strom. Mit seinen Expeditionen beginnt Kanadas Besiedelung durch Europäer.

Anfangs wollen die Europäer nur Fische, nichts als Fische. Die kühlen Gewässer am nordwestlichen Ende des Atlantiks, gelegen vor geheimnisvollen, unergründlichen Ländern, wimmeln davon wie nur wenige andere Meeresgegenden. Kaum hat Christoph Kolumbus bewiesen, dass sich die Fahrt über die raue See lohnt, brechen Fischer in Scharen aus der Alten Welt dorthin auf. Sie kommen aus der Bretagne, dem Baskenland, Portugal. Terra de Bacallaos nennen die Portugiesen die Gegend, „Land der Kabeljaue“. Ein gewisser João Alvares Fagundes hat, davon zeugt eine Urkunde, schon 1521 vom portugiesischen König einen Rechtstitel auf die Länder am Rand dieser Gewässer erhalten. Er bricht mit anderen Fischern dorthin auf, setzt sich für ein oder anderthalb Jahre auf Cape Breton Island an den geschützten Hafenbuchten von Ingonish fest. Aber länger halten sie an Land nicht durch. Feindliche Indianer, Schwärme von Kriebelmücken, der Fluch der Region, und ein Winter mit einer Brutalität, die sie in Europa noch nie erlebt haben, vertreiben sie schon bald.

Sie sind Fischer, keine Forscher. Was an Land ist, interessiert sie nicht. Sie werden auch einen Teufel tun, ihrer Konkurrenz die besten Fanggründe zu verraten. So wird von ihnen nichts aufgeschrieben, keine Karte skizziert. Jeder behält seinen Fischgrund im Kopf und für sich.

Dies alles ändert sich im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts. Mit wachsender Unruhe sieht Frankreich, wie Spanien und Portugal die Neue Welt unter sich aufteilen. König Franz I. sinnt auf eigene Expeditionen, um auf dieser Bühne mitspielen zu können. Das Schlüsselereignis ist sein Besuch 1532 im Benediktinerkloster Mont-Saint-Michel auf dem 78 Meter hohen Granitfelsen an der Küste der Normandie. Jean Le Veneur de Tilliers, Abt dieses Klosters und Bischof von Saint-Malo, stellt dem Monarchen einen Verwandten seines Schatzmeisters vor. Jacques Cartier, erklärt der Geistliche, habe große Erfahrung in der Seefahrt, sei schon bis Brasilien und Neufundland gekommen – er sei der Mann, den der König für seine Pläne brauche.

Es gibt keine sicheren Belege dafür, welche Fahrten der 41-jährige Cartier bis zu diesem Zeitpunkt unternommen hat. Möglicherweise hat er von 1524 an den Italiener Giovanni da Verrazzano begleitet, den Franz I. zur Erkundung der süd- und nordamerikanischen Küsten aussandte. Nun erhält er den Auftrag, eine Passage durch die neu entdeckten Landmassen nach Asien zu suchen. Wenn sie schon im Süden und Westen nicht zu finden sei, so vielleicht weiter im Norden...

Am 20. April 1534 bricht Jacques Cartier mit zwei Schiffen und 120 Mann Besatzung von Saint-Malo auf. Schon am 10. Mai erreicht er Cape Bonavista. Cartier weiß noch nicht, dass Neufundland eine Insel ist. So tastet er sich an den schier endlosen Buchten und Fjorden der Nordküste entlang, bis er am 27. Mai freies – allerdings noch gefrorenes – Wasser in Richtung Südwesten erblickt. Es ist die Strait of Belle Isle, die Neufundland von Labrador trennt. Er muss im Hafen Quirpon bis zum 9. Juni warten, dann ist der Weg frei von Eis.

Jacques Cartier segelt die Küste Labradors entlang. Er errichtet ein Kreuz bei Saint-Servan. Trifft bei Rivière Saint-Jacques ein französisches Schiff, das sich verirrt hat. Erblickt Menschen mit gefärbter Haut und Tierfellen als Kleidung. Sie tragen, so notiert er, «ihr Haar auf dem Kopf gebunden gleich einer Hand voll zusammengefassten Heus mit einen Nagel oder Ähnlichem mittendurch».

Das Meer verengt sich, dann weitet es sich zu einem Golf, dann stößt Cartier auf neues Land. Er glaubt, die Passage gefunden zu haben, als er die Bay des Chaleurs entdeckt, die sich geradewegs nach Westen zieht. Als das Wasser flacher wird, steigt er mit seinen Leuten in Ruderboote um. Doch bald muss Cartier erkennen, dass es hier doch keine Durchfahrt gibt. Er segelt weiter bis zum Hafen Gaspé. Dann zwingen ihn Gegenwinde und starke Strömungen, das Unternehmen abzubrechen. Bei Gaspé ergreift Cartier formell Besitz von dem Land und errichtet ein zehn Meter hohes Kreuz mit der Inschrift: «Es lebe der König von Frankreich!» Es gelingt ihm, den Huronenhäuptling Donnacona zu überreden, ihm seine zwei Söhne Domagaya und Taignoagy für einen Besuch in Frankreich mitzugeben. Er verspricht, sie binnen eines Jahres zurückzubringen.

Cartier hält Wort. Im August 1535 kommt er mit drei Schiffen und den zwei Söhnen zurück, rudert zum Huronendorf Stadacona, wo 1608 die Stadt Quebec gegründet werden wird. Er ist vom offenen Meer durch einen riesigen Einschnitt – den St.-Lorenz-Strom – ins Festland eingedrungen. Bei Hochelaga, 250 Kilometer weiter flussaufwärts, steigt Cartier auf einen Berg, den er „Mont Royal“ tauft, die Stadt Montreal wird später ihren Namen daher haben. Er blickt auf endlose Wälder und im Fluss auf einen Wasserfall, den «wildesten, den man sehen konnte» – und weiß, dass er auch diesmal die ersehnte Passage nicht finden wird. Bei seiner ersten Überwinterung stirbt ein Drittel seiner Leute an Skorbut. So braucht Cartier nur noch zwei Schiffe für die Rückreise, das dritte schenkt er den Indianern, die es gleich völlig demontieren, weil sie es auf die Metallteile abgesehen haben. Häuptling Donnacona willigt ein, zusammen mit anderen Stammesmitgliedern Cartier nach Frankreich zu begleiten. Sie alle sterben dort an Krankheiten, gegen die sie keine Abwehrkräfte haben.

Huronensagen vom erzreichen Ort Saguenay erregen die Fantasie der Franzosen. Im Frühjahr 1541 schickt König Franz I. die dritte Expedition nach Kanada: fünf Schiffe und 1000 Kolonisten, zum Teil aus Gefängnissen geholt. Cartier fährt voraus, Generalleutnant Jean-François de la Rocque de Roberval folgt nach, ihm wurde diesmal das Oberkommando übertragen. Cartiers Leute gründen ihre Siedlung oberhalb von Stadacona. Doch sie finden weder Saguenay noch große Schätze noch die Passage. Cartier resigniert, sammelt ein paar Gesteinsproben ein, will zurück. Roberval, mit dem er auf Neufundland zusammentrifft, ordnet weitere Erkundungen bei Cap Rouge und am St.-Lorenz-Strom an. Da stiehlt sich Cartiers Truppe im Schutz der Dunkelheit davon. Mitte Oktober 1542 sind sie wieder in Frankreich.

Jacques Cartier bringt seine Erlebnisse zu Papier. Dann versinkt sein Land in Religionskriegen. Es wird noch 60 Jahre dauern, bis sich wieder Franzosen nach Kanada wagen.

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