Jean-F. G. de La Pérouses Auftrag ist es, den Ruhm Frankreichs als Nation der Wissenschaften und Künste zu mehren. Als seine Berichte aus der Südsee Europa erreichen, sind seine Schiffe und die heimische Monarchie bereits untergegangen.
Frankreich, die Nation, die mehr Naturforscher, Geologen, Mathematiker und Botaniker als jede andere ihr Eigen nennt, ist beim Wettlauf um die Entschleierung der letzten Geheimnisse der Erde ins Hintertreffen geraten. Schuld tragen ausgerechnet die Engländer, mit denen man seit Jahrzehnten in einem manchmal erklärten und manchmal unerklärten Kriegszustand lebt. Seit dem Verlust ihrer amerikanischen Kolonien, zu dem die Franzosen einiges beitragen durften, ist die Flagge des Inselreichs auf allen Meeren und an allen Küsten präsent. Alles deutet darauf hin, dass die Briten ein Imperium errichten wollen, das den Zugriff anderer seefahrender Nationen auf die Reichtümer entlegener Länder drastisch einschränken würde. Ludwig XVI. wird eine Expedition ausrüsten, deren vornehmstes Ziel darin besteht, an allen erreichbaren und noch unbekannten Küsten der Südsee Frankreichs Flagge zu zeigen. Das Unternehmen soll, selbstverständlich, der Wissenschaft dienen, bei Bedarf aber auch den wirtschaftlichen und kolonialen Interessen des Landes.
Würde La Pérouse all die der Feder des Marineministers de Castries entflossenen Anweisungen realisieren, bräuchte er dafür mehr als ein Seefahrerleben. La Pérouse soll Kurs auf Kap Hoorn nehmen, die Osterinsel und Tahiti ansteuern, in Japan landen, die Molukken und die Philippinen aufsuchen, die Lage zahlloser Inseln des Pazifiks vermessen und an der Westküste Amerikas eine Faktorei für den Pelzhandel errichten. Man trägt ihm auf, sich Sachalin und der Amur-Mündung anzunehmen, im Umfeld der Malwinen (Falklandinseln) nach Möglichkeiten zum Aufbau einer Walfangstation Ausschau zu halten, europäische Güter, Lebensmittel und Pflanzen unter den Eingeborenen zu verbreiten, um so das Bedürfnis nach Tauschhandel bei ihnen zu wecken. Weiter erwartet man von La Pérouse Forschungen aller Art auf den Gebieten der Tier- und Pflanzenwelt, Sternkunde, Klimatologie, zu Phänomenen wie dem Verlauf von Ebbe und Flut, zum Charakter der St.-Elms-Feuer und zu den Sitten und Gebräuchen der Völker, auf die er treffen wird. Das Konvolut der Anweisungen atmet den Geist der Enzyklopädien, an denen die französischen Aufklärer arbeiten. Es konterkariert allerdings auch deren Streben nach Klarheit und begrifflicher Schärfe. Bevor man der Tatsachen überhaupt habhaft wurde, ergeht man sich bereits in Spekulationen darüber, welcher Ertrag sich aus diesen ziehen ließe.
Offenbar haben selbst die Verfasser am Ende erkannt, dass ihre konzeptionellen und rhetorischen Ausschweifungen dem Gelingen der Expedition hinderlich sein könnten. «Seine Majestät», heißt es daher in dem Manual, «verlassen sich auf die Erfahrung des Herrn de La Pérouse und geben ihm die Vollmacht, in unvorhergesehenen Fällen alle Abänderungen zu treffen, die er für nötig halten wird.» La Pérouse nimmt diese Vollmacht, die sich auch als Freibrief auslegen lässt, mehr als einmal beim Wort. Sein König, dem er nie wieder begegnen wird, hat dennoch keinen Grund, an der Loyalität des Befehlshabers der Fregatten „Boussole“ und „Astrolabe“ irgendwelche Zweifel zu hegen. Die Frage erübrigt sich für den Auftraggeber, den man am 21. Januar 1793 als Bürger Capet in Paris guillotiniert, und für den Auftragnehmer, dessen Spur sich 1788 im Meer nördlich der australischen Ostküste verliert.
Die Ausreise erfolgt am 1. August 1785 von Brest. Über Madeira und Teneriffa steuert La Pérouse Trinidadan. Am 29. September registriert er, dass die beiden Schiffe den Äquator sehr viel weiter östlich als in den Instruktionen vorgeschrieben passieren. Solche Verstöße gegen die ursprünglichen Anweisungen wird er immer wieder dokumentieren. Sein Motiv ist offenkundig, und es hat wenig zu tun mit Insubordination. Die Natur, lautet die Botschaft, ist, anders als die Menschen, durchaus nicht bereit, sich an königliche Dekrete zu halten. La Pérouse, der bei der Marine auf eine lange Karriere zurückblickt, zu der auch Kaperfahrten gegen die Briten gehörten, handelt, entgegen dem Anschein, nicht als Abenteurer, sondern als ein kühl und überlegt ans Werk gehender Mann. Diese Eigenschaften haben La Pérouse geholfen, als er 1773 im Indischen Ozean auf Piratenjagd war. Sie sorgten dafür, dass er berühmt wurde, als er 1782 in der Hudsonbai, aus dem Packeis kommend, mit drei Schiffen die britischen Handelsposten Fort York und Fort Price of Wales im Handstreich zerstörte. Hinter all seiner Tollkühnheit verbarg sich stets ein rationales Kalkül. Mit seiner Leidenschaft für die mathematische Seite der Seefahrt hatte La Pérouse sich in der von Intrigen, Prestigekämpfen und sozialen Verwerfungen durchdrungenen französischen Marine frühzeitig unangreifbar gemacht. Dass die nautischen Mittel, derer sich Frankreich bedient, weit hinter die der konkurrierenden Briten zurückfallen, ist ihm seit langem geläufig. La Pérouse lässt die wenig zuverlässigen Chronometer, die er zur Bestimmung der geographischen Länge mit sich führt, durch kontinuierliche Mondbeobachtungen abgleichen, bringt, wo es unvermeidbar ist, auch eigene Irrtümer ins Spiel, belässt es beim Vorläufigen, wenn Erkenntnisse nichts anderes als vorläufig sind. Darin zeigt er sich James Cook , dem eigentlichen Rivalen bei diesem Unternehmen, dessen Leistungen er nach königlichem Willen nachahmen soll, durchaus verwandt. Es lässt sich auch für ihn in vielem nicht übersehen, dass er tatsächlich ein, wenn auch überaus ambitionierter und bestens ausgerüsteter Nachahmer ist.
La Pérouse umschifft Kap Hoorn, segelt – noch weisungsgemäß – zur Osterinsel, verlässt danach aber die vorgeschriebene Route. Er führt seine Schiffe statt nach Tahiti zunächst nach Hawaii, um von dort nach Alaska weiterzusegeln. Nach Gründung einer französischen Kolonie ohne Siedler – ein Acte de présence ohne irgendwelche Wirkungen, die sich herumsprechen werden – meidet er eine zu genaue Aufnahme der Küste des noch in spanischem Besitz befindlichen Kalifornien. La Pérouse verkürzt den Aufenthalt im Seegebiet zwischen Macau und Kamtschatka auf ganze zehn Tage, nutzt aber den Aufenthalt im Japanischen Meer und vor den Kurilen zu intensiven Messungen. Mit dieser Pionierarbeit setzt er Maßstäbe, die den wissenschaftlichen Ertrag seines Unternehmens für die Nachwelt begründen. Einerseits verfügt La Pérouse über bemerkenswerte diplomatische Eigenschaften und über ein politisches Urteilsvermögen, an dem seine Auftraggeber, als die Berichte von seinen Unternehmungen in Paris eintreffen, in erheblichem Umfang partizipieren. Andererseits treibt La Pérouse eine für seine Mitstreiter nicht immer nachvollziehbare Rastlosigkeit an. Es kommt wiederholt zu Spannungen an Bord, weniger zwischen den Mannschaften und ihm als viel mehr mit dem wissenschaftlichen Personal, das Anstoß an den zu knapp bemessenen Zeitrahmen und dem nicht immer logisch erscheinenden Verlauf der Reise nimmt. Die königlichen Instruktionen, von denen auch die Mitreisenden Kenntnis haben, dienen La Pérouse nur als grobes Raster, in das er nach eigenem Ermessen seine Kurslinien setzt. Er sieht sich als ein Diener seines Staats, der nicht dessen Sklave sein will.
La Pérouse erreicht am 26. Januar 1788 um neun Uhr morgens Botany Bay. Die Bucht ist der logische Endpunkt einer Reise auf den Spuren und im Gefolge von James Cook. La Pérouse ist der Prototyp des additiven Entdeckers. Wohl deswegen hat er Tahiti gemieden. Dort hatten andere jeden Fuß Boden schon mehr als einmal für sich in Anspruch genommen. In der Botany Bay stößt La Pérouse auf eine englische Flotte, die die Gründung einer neuen Kolonie vorbereitet. Sie wird in einer Bucht liegen, die Cook übersah, und sie wird zuerst als Port Jackson und später als Sydney bekannt werden. Sein Versuch, von der Botany Bay nach Neuguinea zu segeln, findet seinen letzten Niederschlag bei den Santa-Cruz-Inseln. Die Überreste der Expedition werden knapp 40 Jahre später von dem englischen Kapitän Peter Dillon bei den Riffen von Vanikoro entdeckt. Die Tagebücher von Jean-F. G. de La Pérouse umfassen den Zeitraum von der Abreise aus Brest bis zur Ankunft in der Botany Bay. Eigentlich nur für die Augen eines nicht mehr vorhandenen Königs und seines Marineministers bestimmt, avancieren sie zu einem Klassiker der Reiseliteratur.
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