John Charles Frémont

Mit fünf Expeditionen erforscht John Charles Frémont riesige Räume im Westen der USA. So bahnt er Millionen von Siedlern den Weg in eine neue Zukunft. In Kalifornien lässt sich der Wissenschaftler in politische Machtkämpfe ein – und scheitert.

Er lernt einfach zu schnell, finden seine Lehrer. Er stürmt ja geradezu durch die Bücher. Zwei Bände von Livius, das halbe Werk von Virgil, dazu Cäsar, Nepos, Sallust, Horaz, dazu die komplette „Ilias“ von Homer – das alles frisst er in einem einzigen Jahr in sich hinein. Klassenbester bei den Klassikern, keine Frage. «Das Griechische», schreibt er in reiferen Jahren, «hatte einen geheimnisvollen Charme – hinter den seltsamen Buchstaben, die zu einer alten Welt gehörten, steckten ganz wundervolle Dinge.»

Aber der Junge ist alles andere als ein Streber. So schnell, wie neuer Stoff John Charles Frémont fasziniert, lässt er ihn auch hinter sich. Immer nur weiter zu neuen Ufern, sei es Botanik, Physik oder Chemie. Neue Formeln, neue Experimente – nicht das Anwenden, sondern das Ausprobieren ist wichtig. Solidität ist ihm zuwider. Er schwänzt tagelang das College, eines Mädchens wegen. John Charles Frémont ist halt die Frucht eines französischen Vagabunden und einer impulsiven Frau aus Virginia. Drei Monate vor dem Abschluss fliegt er von der Schule – wegen «ständiger Unregelmäßigkeit und unverbesserlicher Nachlässigkeit». Nein, mit einer schnurgeraden Karriere wird es wohl nichts werden.

Aber Pionierzeiten bieten auch ganz andere Chancen. In rasendem Tempo wachsen die USA zu einem immer größeren Staat heran. Westlich von Mississippi und Missouri liegen riesige Landflächen brach, von Osten her drängen Einwanderer in Scharen dorthin. Aber wo sind die besten Wege? Wo schiffbare Flüsse? Wo die besten Plätze für Forts? Wo ist der fruchtbarste Boden? Wo gibt es welche Vegetation? Die Karten über Amerikas Westen sind im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts großenteils noch unbeschrieben.

Sicher sind schon viele Waldläufer und Pelzhändler tief in den Westen vorgedrungen. Peter Skene Ogden hat das Große Becken durchquert, Stephen H. Long eine Route vom Platte River zu den Rocky Mountains gefunden, Jedediah Smith den South Pass überwunden, über den nun der berühmte Oregon Trail zum Pazifik hin verläuft. Aber Karten und Koordinaten, präzise Daten und detaillierte Beschreibungen haben all diese Pioniere kaum geliefert. Sie waren eben eher Trapper, keine Wissenschaftler. Das ist die Lücke, in die Frémont stößt. Hier kann er seine Lust, Geheimnisse zu entschleiern, austoben.

Im Jahr 1838 findet John Charles Frémont Aufnahme im Topographencorps der USA. Er hilft bei Vermessungen für die geplante Eisenbahnstrecke von seiner Heimatstadt Charleston nach Cincinnati. 1839 nimmt er an der Expedition von Joseph Nicolas Nicollet teil, der das Becken des oberen Mississippi kartiert. 1841 führt Frémont eine Gruppe von Topographen an den Unterlauf des Des Moines River. Und dann bekommt er, durch die Heirat mit Jessie Benton, einen Schwiegervater, der zur Schlüsselfigur in seinem Leben wird. Thomas Hart Benton, Senator von Missouri, ist auf dem politischen Parkett in Washington eine der Hauptfiguren, die eine möglichst schnelle Expansion nach Westen propagieren. Benton kennt Frémonts Talente. Er verschafft ihm das Kommando über eine erste große Expedition. «Ich merkte», schreibt Frémont später, «dass ich in den Strudel wichtiger politischer Ereignisse gezogen wurde.»

Im Mai 1842 zieht John Charles Frémont von St. Louis mit 21 Mann nach Westen. Der deutschstämmige Topograph Charles Preuss wird für Jahre sein wissenschaftlicher Assistent werden, der Kit Carson, von schottisch-irischer Herkunft, sein unersetzlicher Führer. Frémont und Carson ergänzen sich auf nahezu perfekte Weise: hier der brillante, leidenschaftliche, ungestüme Forscher, dort der nüchterne, ehrliche, loyale Trapper, der nicht einmal lesen und schreiben, aber sich in jedem Gelände bewegen kann. Diese erste Expedition ist wie ein Vorspiel. Sie dauert nur dreieinhalb Monate, wird aber ein voller Erfolg. Frémont vermisst die Täler bis zum South Pass, durch die schon die ersten Siedlerkolonnen ziehen, und steigt in die Wind River Range.

Die zweite Expedition, mit 39 Mann, beginnt 1843 und ist eine ganze Nummer größer. Frémont erkundet den Großen Salzsee und räumt mit Legenden auf, die auch seine eigenen Leute bis dahin geglaubt haben. Der See hat keinen furchterregenden Wasserwirbel, durch den er auf unterirdischen Wegen mit dem Pazifik in Verbindung steht. Und die vermeintlichen Pelikane auf einer Felseninsel im See entpuppen sich als niedrige, von Seesalz geweißte Klippen, als der Forscher sich ihnen mit einem Gummiboot nähert. In dieser Region gibt es, wie Frémont notiert, nicht nur große Trockengebiete, sondern auch Wälder und Beeren sowie fruchtbaren Boden. Schon vier Jahre später wird Brigham Young die ersten Mormonen hierher führen.

John Charles Frémont zieht weiter durch Berge, Prärien und Sümpfe, sucht eine kürzere, direkte Route hinüber nach Kalifornien. Doch Schneefälle zwingen ihn zu Umwegen. Noch nie hat ein Weißer die Sierra Nevada im Winter überquert. Indianer warnen ihn vor diesem Versuch. Doch Frémont treibt seine Truppe unbarmherzig voran. Die Pferde müssen sich durch anderthalb Meter hohen Schnee wühlen. Viele Expeditonsteilnehmer werden schneeblind und können nur mit schwarzen Tüchern vor den Augen weiterlaufen. Von 63 Pferden und Maultieren bleiben 30 auf der Strecke. Doch Frémont schafft es über den Pass. Am 6. März kommt er nach Nueva Helvetia, dem Fort des Schweizers Johan August Sutter, auf dessen Grund vier Jahre später der erste Goldfund gemacht werden wird. Frémont notiert und kartiert – nicht ahnend, dass hier schon bald der Goldrausch und die ganz großen Züge mit Ochsenkarren einsetzen werden.

Frémont macht einen großen Bogen, um zum Ausgangspunkt der Reise zurückzukehren: Walker Pass, Mojave und Virgin River, Wasatch Range, Utah Lake, Muddy Pass, Colorado-Oberlauf, schließlich das Quellgebiet des Arkansas River. Am 6. August 1844 ist er wieder in St. Louis.

In Kalifornien bahnt sich die Entscheidung in einem unvermeidlichen Konflikt an. Die Nachfolger der spanischen Kolonisatoren, die unter Junípero Serra die Küste besiedelten, sehen mit Unmut den anschwellenden Strom von neuen Siedlern, die aus dem Osten über die Berge drängen. Formell gehört das Land noch zu Mexiko, das 1821 unabhängig wurde. Doch der Druck der englischsprachigen, protestantischen Pioniere, die die katholischen latinos an der Küste meist für Faulenzer halten, wird immer stärker. Es ist nur noch die Frage, wie Washington das Gebiet erwerben wird – mit Geld oder Waffengewalt.

Mit seiner dritten Expedition schlittert Frémont voll in die Auseinandersetzungen. Diesmal hat er 62 Leute und 200 Pferde unter seinem Kommando. 1845 quert er die Sierra Nevada am Thunder Pass, im Herbst 1845 erreicht er die Monterey Bay. Die mexikanischen Behörden verweisen Frémont des Landes, weil sie fürchten, dass er mit amerikanischen Siedlern eine Revolte vorbereiten soll. Frémont weicht zunächst nach Oregon aus, erhält dann aber den Auftrag, nach Kalifornien zurückzukehren. Die ersten Kämpfe mit Mexiko sind ausgebrochen. Auf dem Weg wird die Truppe am Upper Klamath Lake von Indianern überfallen. Als Rache dafür lässt er ihr Dorf in Flammen aufgehen. Doch dies ist jetzt nur noch ein Nebenkriegsschauplatz. In der Stunde, da sich Kaliforniens Schicksal entscheidet, will Frémont nicht mehr nur Forscher sein. Mit seinen gut bewaffneten Leuten mischt er auf Seiten der Aufständischen mit.

Als die Amerikaner Kalifornien an sich gerissen haben, gerät Frémont in die Mühlen interner Machtkämpfe. Robert Field Stockton, der amtierende Gouverneur, und General Stephen Watts Kearny, dessen Rivale und der neue starke Mann, erteilen ihm widersprüchliche Befehle. Frémont wird von Stockton 1847 zum Zivilgouverneur ernannt – und steht ein Jahr später wegen Befehlsverweigerung vor dem Kriegsgericht, das ihn für schuldig befindet. Doch Präsident James Polk rehabilitiert ihn bald darauf. Frémont unternimmt noch zwei weitere, weniger bedeutende Expeditionen. Beide dienen der Suche nach einer Eisenbahnroute von St. Louis nach San Francisco. 1848/49 wird er in den San Juan Mountains durch Schneestürme zur Umkehr gezwungen. 1853 erkundet John Charles Frémont die Wasatch Range für den Streckenabschnitt im nördlichen Utah.

Seine politischen Ambitionen bringen ihm weniger Erfolg als seine wissenschaftlichen. 1856 verliert Frémont die Präsidentenwahl als Kandidat der Republikaner. Von 1878 bis 1883 hält er den Posten eine Territorialgouverneurs von Arizona. Ansonsten lebt er fortan von Minen- und Eisenbahngeschäften. Für das amerikanische Volk geht er als The Pathfinder in die Geschichte ein. Damit ist eigentlich nicht „Pfadfinder“ gemeint. Denn die Wege, die John Charles Frémont kartiert hat, sind Wege, auf denen der große Treck beginnen wird.

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